Interview : „Herr Bouazizi ist der Christus unserer Zeit“

Der Autor Ibrahim al-Koni über den Kampf der Libyer. Politische Kommentare hat er bisher stets abgelehnt. Doch angesichts der Revolutionen in der arabischen Welt und des brutalen Vorgehens des Gaddafi-Regimes sagt er: „Jetzt ist nicht die Zeit für Literatur.“

Der Libyer Ibrahim al-Koni gehört zu den Großen der arabischen Gegenwartsliteratur. Politische Kommentare hat er bisher stets abgelehnt mit der Bemerkung, was er zu sagen habe, stehe in seinen Büchern. Doch angesichts der Revolutionen in der arabischen Welt und des brutalen Vorgehens des Gaddafi-Regimes sagt er: „Jetzt ist nicht die Zeit für Literatur.“ Ibrahim al-Koni lebt sein 1993 in der Schweiz. 1948 geboren, wuchs er in einem Tuareg-Stamm in der Wüste Libyens auf. 1970 emigrierte er nach Moskau, wo er am Gorki-Institut Literatur studierte und als Journalist arbeitete. Er hat zahlreiche internationale Auszeichnungen erhalten. Von seinen rund 70 Büchern sind viele übersetzt, auch ins Deutsche. Im letzten Jahr erschien der Roman „Das Herrscherkleid“, zuvor „Die Magier“, „Blutender Stein“ und die Erzählungen „Meine Wüste“ (Lenos Verlag Basel).

Herr al-Koni, Sie haben gerade zwei Monate in Ihrer alten Heimat verbracht. Was haben Sie dort erlebt?
Mitte Dezember bin ich nach Libyen geflogen, um meinen kranken Bruder zu besuchen. Von dort habe ich die Volksaufstände in Tunesien und Ägypten verfolgt und gespürt, dass auch Libyen reif für eine Revolution ist und der Funke überspringen könnte. Die Situation ist seit langem katastrophal.

Woher nehmen die jungen Leute, die auf die Straße gehen, ihren Mut?

Die libysche Bevölkerung ist im Grunde sehr friedlich, tolerant und geduldig. Aber der Druck von 42 Jahren Diktatur war zu viel, das musste explodieren. Die Libyer zahlen allerdings einen hohen Preis für die Freiheit, einen höheren als die Tunesier und Ägypter. Libyen hat nur fünf Millionen Einwohner, und in nur wenigen Tagen sind tausende Menschen getötet worden.

Gab es in Libyen eine Intellektuellenszene und gesellschaftliche Debatten?

Debatten gab es, aber sie wurden unterdrückt. Es existierten individuelle Szenen, nicht eine Bewegung. Es herrschte schon lange eine Anti-Gaddafi-Stimmung, weil wir von der Revolution, die er 1969 versprochen hatte, etwas anderes erwartet hatten. Ich lebte damals als junger Journalist in Tripolis und hatte Konflikte mit dem Regime. 1970 ging ich nach Russland, weil ich mich in Libyen nicht mehr sicher fühlte.

Wie stellen Sie sich Libyen ohne Gaddafi vor?

Ich habe Libyen noch als Königreich erlebt und dann das Regime Gaddafis, ich kann mir alles vorstellen. Irgendwann könnte Libyen zu einem freien, demokratischen Land werden. Ich weiß allerdings nicht, ob ich dies noch erleben werde. Das ist ein langwieriger Prozess. So wie Libyen war, wird es nicht bleiben. Der Weg führt Richtung Freiheit und Demokratie, da gibt es kein Zurück mehr. Niemand kann sich jetzt noch Illusionen machen, in Libyen absolut zu regieren. Dies gilt auch für Tunesien und Ägypten.

Inspiriert Sie der Umbruch in der arabischen Welt für einen neuen Roman?

Ich bin fasziniert von Mohammed Bouazizi, dem tunesische Gemüsehändler, dessen Selbstverbrennung am 17. Dezember 2010 in Sidi Bouzid die Revolution in Tunesien auslöste. Seine Tat war der Funke, der den Flächenbrand entzündet und letztlich die ganze arabische Welt verändert hat. Wenn ich über diese Revolutionen, Umwälzungen in der arabischen Welt schreiben werde, dann gehe ich zu den Wurzeln, zu den Anfängen. Literatur geht immer an die Wurzeln.

Ist Mohammed Bouazizi ein arabischer Held?

Ich möchte diesen Mann als heilig bezeichnen. Die ganze arabische Welt sollte ihm dankbar sein. Er ist der Christus unserer Zeit, er hat sein Kreuz getragen und sich geopfert. Ein Symbol der Hoffnung. Diese Erdbeben, die jetzt durch die arabische Welt laufen, gehen auf ihn zurück. Wenn ich über ihn schreibe, dann schreibe ich zugleich über alles, was er ausgelöst hat. Das ist Literatur, sie schreibt über die Welt auf indirekte, metaphorische Weise. Die Idee, über diese Ereignisse zu schreiben, hat mich befallen wie eine Krankheit. Das ist äußerst fruchtbar für einen Schriftsteller, etwas Tiefes, eine titanische Inspiration.

Das Interview führte Susanne Schanda.

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