Interview : „Ich will den Augenblick feiern“

Signor tausend Prozent: der Tenor Vittorio Grigolo über Pizza-Arien, die Kunst des Neinsagens und die Lust auf Fahrräder

Christine Lemke- Matwey
Vom Pavarottino zum Superstar. Vittorio Grigolo tritt heute in der Berliner Philharmonie auf. Foto: Sony
Vom Pavarottino zum Superstar. Vittorio Grigolo tritt heute in der Berliner Philharmonie auf. Foto: Sony

Mandala-Hotel, Potsdamer Platz, ein nasskalter Spätwinternachmittag. In Ermangelung eines Konferenzraums findet das Gespräch mit Vittorio Grigolo im Spa-Bereich statt. Weiße Ledersofas, gedämpftes Licht, Düfte von Rosenöl und Sandelholz. Mit exakt kalkulierter Verspätung biegt der Tenor um die Ecke: Sonnenbrille, schwarzer Ledermantel, auf Vollglanz gegelte Locken. Und wie gut er riecht! Grigolos Eau de Toillette und Bodybalm beginnen sich langsam des Raumes zu bemächtigen.

Signor Grigolo, Sie kommen von draußen. Haben Sie sich die Stadt angesehen?

Nein, ich war in einer Apotheke. Von den allermeisten Städten kenne ich nur Taxis, Hotels und Apotheken.

Geht es Ihnen nicht gut?

Das Wetter, das Reisen ... Ich muss auf mich achten. Wir Sänger sind Hochleistungssportler und Zigeuner zugleich.

Ein harter Job.

Ja.

Wie schaffen Sie das?

Ich muss konzentriert bleiben. Ich kann mich nie gehen lassen, weder auf der Bühne noch im Leben.

Sie gelten bereits als der legitime Nachfolger von Rolando Villazon und Jonas Kaufmann. Gefällt Ihnen das?

Ich denke nicht in Kategorien von Karriere, wenn Sie das meinen. Äußerlichkeiten interessieren mich nicht. Ich habe mein ganzes Leben hart gearbeitet, und es klingt jetzt vielleicht ein bisschen schlicht, aber ich wollte immer nur singen. Ich habe alle meine Kraft und Leidenschaft in den Gesang gelegt, von Anfang an und bis heute. Wäre ich pathetisch, was ich nicht bin, würde ich sagen: Ich habe mein Leben der Musik geopfert.

Wie groß ist das Opfer?

Groß. Sehr groß. (Vittorio Grigolo zieht seinen Mantel aus und setzt die Sonnenbrille ab.) Wenn man jung ist, will man doch tanzen, feiern, trinken, Nächte durchmachen! Das ging alles nicht. In Italien durfte in Restaurants früher geraucht werden, schon das war für mich die Hölle. Heute kann ich wenigstens unbesorgt essen gehen, wenn mir nicht gerade die Klimaanlage ins Gesicht bläst.

Sind Sänger professionelle Mimosen?

Das wird mir oft gesagt, die Pavarottis und Domingos, die hätten noch gelebt, von Leuten wie Caruso ganz zu schweigen – während wir uns heute an unseren Wasserflaschen festhalten und Pillen schlucken. Früher wurden auch Pillen geschluckt, da bin ich mir ganz sicher. Das Business heute ist unglaublich schnell und unglaublich hart, man darf sich im Grunde keinen Fehler erlauben. Das erhöht den Druck. Ich habe nur eine Chance, wenn ich absolut diszipliniert mit mir umgehe .... (Er beugt sich vor in Richtung Aufnahmegerät.) Soll ich das selber halten, näher dran? Mi dispiace, aber ich kann nicht lauter sprechen. Nein? Okay ... Aber wer muss heute keine Opfer bringen? Alle müssen es, alle die Erfolg haben wollen. Insofern will ich nicht klagen. Am Ende ist jeder sein eigener Agent und Manager, am Ende hilft dir niemand, keine Agentur, keine Plattenfirma. Ich trage die Verantwortung für mich und meine Stimme ganz allein. Basta.

Dennoch lauern überall Gefahren und Verführungen.

Nein. Ich darf nicht zulassen, dass der Betrieb von mir Besitz ergreift. Ich muss wissen, was ich kann und was ich will. Dann ist es ganz einfach.

Hier eine tolle Rolle, da ein wichtiges Opernhaus, dort ein berühmter Dirigent: Können Sie gut Nein sagen?

Ja. Das bin ich meinem Talent schuldig. Außerdem geht die Welt nicht unter, wenn ich eines Tages nicht mehr singen sollte, aus welchen Gründen auch immer. Du lieber Himmel, wenn ich nicht mehr singe, dann ist das bestimmt ein Verlust, aber dann mache ich eben einen Laden auf!

Für was?

Fahrräder. Ich bin ein Konstruktionsfanatiker. Ich liebe es zu zeichnen, etwas zu bauen, meine Hände zu benutzen, penibel ins Detail zu gehen. (Eine Hotelangestellte erkundigt sich nach Getränkewünschen, Grigolo ordert einen Cappuccino. Café gibt es im SPA nicht, nur Tee. Grigolo lupft eine Augenbraue und bestellt einen Kräutertee.) Wissen Sie, was das Geheimnis meines Erfolgs ist? 100 Prozent bei mir, das ist so viel wie 1000 Prozent bei anderen. Lachen Sie nur, das ist so. Und: Ich denke nicht zu viel. Auf der Bühne muss ich alles vergessen, alle Technik, alle Skrupel, jede Angst. Ich will den Augenblick feiern, nichts sonst.

Im Januar haben Sie an der Deutschen Oper in Verdis „Traviata“ Alfredo gesungen: War das so ein 100-Prozent-Abend?

Ja, die Leute haben 40 Minuten lang geklatscht! Ach, ich liebe es zu gastieren, ich liebe es, ins kalte Wasser zu springen – gerade weil ich mich so akribisch vorbereite. Für mich können Proben auch für Neuproduktionen gar nicht kurz genug sein. Ich langweile mich einfach furchtbar schnell.

Ihr Debüt-Album bei der Sony heißt „The Italian Tenor“. Das klingt, als gäbe es derzeit nur einen, nämlich Sie.

So habe ich das noch gar nicht gesehen, aber viele sind wir in Italien bestimmt nicht. Nein, ich verstehe diesen Titel ganz persönlich, als eine Aufforderung ans Publikum, Vittorio wirklich kennenzulernen, als eine spezifisch italienische Seele, als Belcanto-Sänger. Im Grunde ist das Programm autobiografisch. Es fängt bei „Una furtiva lagrima“ an, damit habe ich mich als 18-Jähriger durch die Pizzerien gesungen. Dann folgt der lyrische Vittorio, also „Rigoletto“, „La Bohème“, „La Traviata“. Und dann kommt die Zukunft: Vielleicht werde ich den Manrico in Verdis „Trovatore“ nie auf der Bühne singen, aber als Charakter, als Farbe und Facette gehört er unbedingt dazu. Wie die vielen unbekannten Arien dieses Albums auch! Ich bin Perfektionist, ich will ein möglichst vollständiger Sänger sein.

Ein Wort noch zur Lage der italienischen Kultur, zu Silvio Berlusconi?

Definitiv nicht. Ich empfinde mich als Botschafter der Musik meiner Heimat. Das muss reichen.

Das Gespräch führte Christine Lemke- Matwey.

Vittorio Grigolo wird 1978 in Arezzo in der Toscana geboren und wächst in Rom auf.

Er singt im Knabenchor der Sixtinischen

Kapelle, wo er auch

ausgebildet wird. Mit

13 lernt er Luciano

Pavarotti
kennen und gibt sein offizielles

Bühnendebüt, mit 23 tritt er als jüngster Tenor aller Zeiten an der

Mailänder Scala auf.

Mit der Einspielung von Bernsteins West Side Story wird er 2009 für den Grammy nominiert, seine Darstellung des Des Grieux an der Seite von Anna Netrebko in Massenets Oper

„Manon“ in London 2010 beschert ihm den internationalen Durchbruch. Grigolo ist verheiratet und lebt in Zürich.

Am heutigen Mittwoch, 20.30 Uhr gastiert

Vittorio Grigolo mit dem Programm seiner CD The Italian Tenor in der Philharmonie. Alberto Meoli leitet die Neue Philharmonie Westfalen.

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