Interview : "Immer von vorn angreifen, meine Damen!"

Josef Wilfling hat gesehen, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sind. Warum er trotzdem sogar Serienmörder immer mit Respekt behandelt hat.

Anna Kemper
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Josef Wilfling, 63, leitete 22 Jahre lang die Münchner Mordkommission, er klärte unter anderem die Morde an Walter Sedlmayr und Rudolf Mooshammer auf. Jetzt hat er über seine Zeit bei der Polizei ein Buch geschrieben: "Abgründe. Wenn aus Menschen Mörder werden" (Heyne Verlag)

Herr Wilfling, wo waren Sie am Sonntag zwischen 18 und 22 Uhr?

Zu Hause, ich saß am Computer und habe eine E-Mail beantwortet.

Dafür haben Sie aber nicht vier Stunden gebraucht.

Ich habe um 18 Uhr angefangen. Danach habe ich ferngesehen, Tatort.

Gibt es Zeugen?

Meine Frau. Außerdem kann ich mich an die Handlung erinnern: Eine junge Kriminalbeamtin sollte einen Sprengstoffanschlag aufklären.

Sie leiteten 22 Jahre lang die Mordkommission München. Wie kommen Krimiserien dabei weg, wenn Sie sie mit der Realität vergleichen?

Sie unterhalten mich. Am meisten amüsiert mich, dass unsere Fernsehkollegen immer in einem einzigen Fall ermitteln. Bei mir lagen oft drei oder vier auf dem Tisch. Aber ich bin keiner, der sagt: Wer hat sich denn den Schmarrn ausgedacht! Was das wirkliche Leben dem Ermittler bietet, kann sich eh kein Drehbuchschreiber ausdenken.

Können Sie sich an einen Fall erinnern, bei dem man – liefe er im Fernsehen – sagen würde: Das würde doch nie so passieren!

Ein junger Mann brachte zwei Frauen um und ließ die Körper in seinem Bad liegen, weil er direkt nach der Tat seine Führerscheinprüfung hatte. Nach bestandener Prüfung zerstückelte er die Leichen. Da würde man doch sagen: Der Drehbuchschreiber hat einen Vogel!

Viele fürchten sich vor dunklen Unterführungen und Parkhäusern. Aber wenn man Ihrem Buch glaubt, muss man nirgendwo mehr Angst vor Mord und Totschlag haben als in der eigenen Wohnung.

Die ist der gefährlichste Ort der Welt! Die meisten Tötungsdelikte sind Beziehungstaten, 70 bis 80 Prozent, sie passieren vornehmlich in den eigenen vier Wänden. Die größte Bedrohung ist der Mensch, der einem am nächsten steht.

Meistens: der Mann, der einem am nächsten steht.

Ich habe mich oft geschämt, ein Mann zu sein. Gewalt ist immer noch eine Domäne der Männer: Von zehn Mördern sind neun Männer, und auf der Opferseite sind die Frauen viel stärker vertreten.

Töten Frauen anders als Männer?

Es gibt einen schönen Satz: Frauen töten, um jemanden loszuwerden, Männer töten, um jemanden zu behalten. Bei Familientragödien haben die Väter es oft nicht verkraftet, verlassen zu werden. Oder sie waren in einer depressiven Phase und wollten die Familie mitnehmen, weil sie dachten: Ohne mich können die nicht überleben. Während Frauen oft einfach einen Schlussstrich ziehen. Mir ist übrigens aufgefallen, dass Frauen, wenn sie töten, häufiger wegen Mordes angeklagt werden, Männer dagegen wegen Totschlags.

Woran liegt das?

Nun, der Mann kommt nach Hause, ist besoffen, es gibt Streit, brutal, wie er ist, greift er einfach frontal an, schlägt oder sticht zu – das ist Totschlag. Eine Frau scheut die körperliche Auseinandersetzung eher, weil sie schwächer ist. Also wartet sie vielleicht, bis er ihr den Rücken zudreht, dann sticht sie zu. Habe ich alles erlebt. Da sagt der Staatsanwalt: Heimtücke. Und das ist ein Mordmerkmal. Wenn ich Vorträge halte, sage ich jedenfalls immer: Bittschön, meine Damen, achten Sie drauf – immer von vorn angreifen!

Der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach sagt, wenn man Fotos vom Tatort anschaut, vergeht der Schrecken, und die Bilder beginnen, eine Geschichte zu erzählen.

Man kann vieles am Tatort erkennen: ob sich Emotionen entladen haben, ob jemand dem Opfer mehr angetan hat, als er eigentlich hätte müssen – dann spricht man von „Übertöten“.

Ein Zeichen, dass Täter und Opfer sich kannten?

Nicht immer, aber nach allgemeiner kriminologischer Erfahrung spricht Übertöten für eine Beziehungstat. Genau wie das Abdecken der Leiche, wenn der Täter sie nicht mehr sehen wollte. Man kann erkennen, ob sexuelle Handlungen vorgenommen wurden, ob es hinterrücks passiert ist, ob es einen Kampf gegeben hat.

Haben Sie sich mit den Jahren an diese Bilder der Gewalt und des Todes gewöhnt?

Nach 20 Jahren weiß ich natürlich, wie es ausschaut, wenn einer erschlagen, erstochen oder erschossen wird. Das ist schon schlimm genug. Aber die Handlungen, die darüber hinausgehen, das Abgründige, dass einer seinem Opfer noch einen Besenstiel in den Hals reinrammt, so wie ich es erlebt habe – daran kann man sich selbst als erfahrener Ermittler nicht gewöhnen.

Gibt es Polizisten, die das nicht ertragen und von der Mordkommission in andere Bereiche wechseln?

Viele kaschieren das, fressen es in sich hinein. Drum ist es ganz wichtig, dass man im ersten halben Jahr für sich herausfindet, ob man diese Arbeit verkraftet oder nicht.

Wie war es, als Sie zum ersten Mal einen Toten sahen?

Als junger Polizist habe ich zum ersten Mal gleich sieben tote Menschen auf einmal gesehen. Das war 1970, als in der Reichenbachstraße das jüdische Altenheim angezündet wurde. Sieben Holocaust-Überlebende verbrannten, und ich musste morgens den Rabbi in das Gebäude führen. Die Bilder haben sich in mein Gedächtnis eingegraben. Wenn eine Feuerwalze einen Menschen überrumpelt, bleibt der wie ein verbranntes Streichholz stehen, ganz verkohlt und gekrümmt, man nennt das Fechterstellung. Ich habe alle sieben Toten so gesehen, im Treppenhaus. Leider ist es nicht gelungen, die Täter, diese Schweine, zu erwischen.

In Ihrem Buch schildern Sie viele solcher unerträglichen Momente. Haben Sie sich nie gefragt: Warum tu ich mir das eigentlich an?

Darauf kommt es nicht an. Sinn und Zweck des Berufs ist es ja, die Täter zu finden und den Angehörigen Gewissheit zu verschaffen. Das kann auch eine tiefe Befriedigung geben, denn die Ungewissheit ist das Schlimmste, manchmal zerstört sie sogar Familien: Es entwickeln sich Fantasien, Verschwörungstheorien, Unschuldige geraten in Verdacht …

Sie schreiben, wenn Sie eine Todesnachricht überbringen, spüren Sie körperlich, wie sich eine Familie in Sekundenschnelle auflöst.

So habe ich das immer empfunden. Es fährt einem durch Mark und Bein, wenn man sagen muss: Da vorn im Park liegt Ihr Mann, und dann steht da eine Frau mit zwei Kindern, da können Sie richtig sehen und spüren, wie diese Familie jetzt zerstört ist.

Mit wem haben Sie geredet, wenn Sie ein Fall zu sehr belastete? Mit dem Polizeipsychologen?

Um Gottes willen! Man darf nicht allzu sensibel sein, das wäre, als wenn ein Arzt kein Blut sehen könnte. Man redet ja mit den Kollegen, bei uns gibt es keinen Columbo, der einsam durch die Gegend schleicht. Wenn einer sagen würde: Ich kriege die Bilder nicht aus dem Kopf, ich brauche einen Psychologen – dann wär Schluss für den bei der Mordkommission. Man darf das nicht emotional in sich eindringen lassen, sonst wird man krank.

Haben Sie mit Ihrer Frau über Ihre Arbeit gesprochen?

Es war nie meine Art, die Arbeit nach Hause zu tragen. Als meine Frau das Buch gelesen hatte, sagte sie zwei Tage gar nix. Sie war geschockt, aber fand es auch spannend. Jetzt weiß sie, was ich in all den Jahren wirklich gemacht habe.

Zum Beispiel den Mord an Walter Sedlmayr aufgeklärt.

Da war ich Anfänger, das war in meinem dritten Jahr bei der Mordkommission. Und dann gleich dieser Hammer! Da gab es mehrere Spuren: der Privatsekretär, Stricher, Antiquitätenhehler, was weiß ich. Ich habe die Geschäftspartner überprüft, und diese Spur hat zu den Tätern geführt ...

... dem Ziehsohn Sedlmayrs und seinem Bruder.

Der Ziehsohn hat ihn geschäftlich betrogen, gleichzeitig hatte sich Sedlmayr in seinen Privatsekretär verliebt. Der Ziehsohn fürchtete, enterbt zu werden. Dann gab es einen Riesenskandal, weil er eine Witwe betrogen hatte, Sedlmayr fürchtete um seinen Ruf, rief den Ziehsohn an und sagte: „Montag bin ich beim Anwalt!“ Aber den Montag hat der Herr Sedlmayr nicht mehr erlebt.

Ein weiterer spektakulärer Fall: Rudolf Moshammer. Da sollen Sie sich ja vorbildlich um Daisy gekümmert haben.

Als ich Daisy aus dem Schlafzimmer holen wollte, kroch das Hündchen unter den Schrank und nässte sich ein. Also hat der Erkennungsdienst es eingefangen und so rausgetragen, dass es sein totes Herrchen nicht anschauen musste. Ich habe ein paar Stunden auf Daisy aufgepasst. Und dann kamen aus ganz Deutschland Briefe.

Für den Hund?

Genau. Ich fragte mich: Haben die Leute keine anderen Sorgen? Das ist ein netter Hund, aber der ist gut versorgt! Vier Wochen später, zu der Beerdigung des kleinen Peter, der grausam missbraucht und ermordet wurde, kamen 42 Menschen. Beim Moshammer waren es 15 000. Das sagt schon eine ganze Menge über die Gesellschaft aus.

Auch über die Medien?

Wir leben in einer Mediengesellschaft, wenn ich Reporter wäre, würde ich auch zum Moshammer seinem Haus fahren, weil ich dann mehr Leser hätte. Das Angebot wird von der Nachfrage bestimmt, das ist in den Medien genauso wie an der Wursttheke. Fertig, aus, alles andere ist verlogen.

Eigentlich wollten Sie ja auch Reporter werden.

Enthüllungsjournalist! Dass ich Polizist geworden bin, liegt an meiner Mutter.

Sie kommen aus einer Flüchtlingsfamilie.

Wir Flüchtlinge waren nach dem Krieg nicht gern gesehen, wir waren Eindringlinge. Da wurden schon Unterschiede gemacht, jetzt nicht krass, aber in der Schule, oder auf dem Feld beim Kartoffelklauben, da hat der Bürgermeistersohn ein Butterbrot gekriegt und ich nicht. So war’s.

Hat das Ihren Gerechtigkeitssinn geschärft?

Ja. Bei der Polizei haben wir eine Uniform anbekommen, und plötzlich waren alle gleich. Es zählte nur noch die Leistung. Das hat mir gefallen.

Einer Ihrer größten Erfolge war, dass Ihnen der Mörder Horst David gestand, sieben Frauen umgebracht zu haben. Er bekam lebenslänglich – und schrieb Ihnen Weihnachtskarten aus dem Gefängnis.

Zu Ostern auch!

Was stand denn da drauf?

„Frohe Ostern und danke noch einmal für die faire Behandlung, alles Gute für Sie“, solche Sachen.

Wie erklären Sie sich das? Sie haben dem doch nichts Gutes getan.

Ich habe ihn im Verhör respektiert, ihm seine Entscheidungsfreiheit gelassen. Ich wusste: Setz ich ihn unter Druck, macht er dicht. Man darf seinem Gegenüber nicht die Würde nehmen oder ihn Verachtung spüren lassen. Er hat aus freien Stücken erzählt und meine Neutralität als positiv empfunden.

Sie wussten: Da sitzt einer, der hat grausam getötet und gequält – wie konnten Sie da Respekt zeigen?

Wenn man das nicht kann, darf man nicht bei der Mordkommission arbeiten. Man darf kein Moralapostel sein und nicht den Richter spielen. Ich habe schon den einen oder anderen gehabt, wo ich gesagt habe: Mit dem kann ich nicht reden, das ist so schlimm, was der gemacht hat. Dann muss halt ein anderer das Verhör führen.

Schreibt Ihnen Horst David noch?

Nein. Ich habe mal in einem Interview gesagt, dass ich glaube, dass er noch mehr Frauen umgebracht hat. Da war er beleidigt.

Sie hatten beim Verhören verschiedene Strategien: Mal eher weich, mal hart, mal gaben Sie, wie Sie es nennen, den „guten, aber strengen Papi“.

Man muss die richtige Art und Weise herausfinden, das ist die Kunst. In der Anbahnungsphase muss man sich vortasten, richtig reagieren, bis man weiß: Jetzt muss ich mich zurücknehmen, jetzt einen Gang zulegen.

Erkennen Sie, wenn jemand lügt?

Meistens schon nach zehn Minuten. Oft weiß man ja auch, jetzt lügt er, denn man hat Fingerabdrücke oder andere Beweise. Auf äußere Signale habe ich nie Wert gelegt, jeder wird nervös, wenn er von der Mordkommission verhört wird. Man muss ja kein Mörder sein, nur weil man mit dem Bein zuckt, so wie Sie zum Beispiel.

Sie zerknüllen dafür seit einer halben Stunde das Kekspapier.

Richtig, aber auch ich bin kein Mörder. Manchen sieht man das Lügen an der Nasenspitze an, dann gibt es welche, die lügen raffiniert, andere lügen plump, aber stur, denen könntest du ein Video vorführen und die geben nichts zu.

Ein Beispiel für eine raffinierte Lüge?

Die Eröffnung von Nebenkriegsschauplätzen: Wenn einer Taten zugibt, die weniger schlimm sind, um von der Tat abzulenken. Bei Lügnern muss man immer weiterfragen, ausgehend davon, dass sie die Lüge nicht ewig aufrechterhalten können, ohne sich zu widersprechen. Wer dagegen die Wahrheit sagt, kann sich ein schlechtes Gedächtnis erlauben, sagte schon Theodor Heuss.

Herr Wilfling, was haben Sie in Ihrer Arbeit über die Menschen gelernt?

Jeder trägt das Böse in sich. Jeder kann zum Mörder werden. Ich bin kein Psychologe oder Gehirnforscher, aber als Polizist habe ich oft genug miterlebt, dass Menschen zu Tätern wurden, von denen jeder geschworen hätte: Der? Nie und nimmer! Man muss nur in die Geschichte schauen: Da sind ganz normale Menschen, gebildet oder ungebildet und aus allen Schichten, zu Massenmördern geworden.

Haben Sie jemals Mitleid empfunden für jemanden, der Ihnen einen Mord gestand?

Ich habe mal eine Frau gehabt, die ihre Mutter erdrosselt hat. Jahrelang hatte der Vater sie sexuell missbraucht, mit Wissen der Mutter. Der Vater war schon tot, als sie in einer schwierigen Lebenssituation ein Wochenende bei der Mutter verbringen wollte. Die wollte sie aber nicht haben, da hat die Tochter ihr vorgeworfen: „Du hast doch gewusst, was Papa mit mir gemacht hat!“ Die Mutter sagte nur: „Wirst es schon gebraucht haben.“ Da sind ihr die Sicherungen durchgebrannt. Sie selbst rief auch die Polizei an. Als sie nach dem Geständnis abgeführt wurde, rief sie immer wieder laut: „Mama, verzeih mir, Mama!“ Das hallte durch das ganze Präsidium in dieser Nacht. Das vergisst man nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben