Interview : In der Mischung liegt die Mitte

Städtebau des ästhetischen Scheins: Der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt spricht mit dem Tagesspiegel über die Debatte um Berlins Zentrum.

Interview von Christiane Peitz
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Herr Pehnt, welche Architektur braucht Berlins historisches Zentrum: eine Bebauung auf mittelalterlichem Stadtgrundriss oder ein großstädtisches Forum?

Mich verwundert, wie schnell sich in der öffentlichen Diskussion die Positionen ändern. Als das „Planwerk Innenstadt“ 1999 vom Senat verabschiedet wurde, blieben die Flächen östlich des ehemaligen Schlosses noch ausgespart. Nun sollen nicht nur die drei barocken Schlossfassaden rekonstruiert werden, es wird auch noch eine Altstadt dazufantasiert. Überall, in Dresden, Potsdam, Frankfurt oder Mainz, macht die Historisierung der Innenstädte rasante Fortschritte. In Berlins Fall ist besondere Wachsamkeit geboten.

Wieso denn das?

Weil gleich drei maßgebliche Stadtpolitiker aus ihren Amtsfenstern auf den Tatort blicken: Kulturstaatssekretär André Schmitz, der die „Keimzelle“ Berlins wiedergewinnen will, zweitens der Finanzsenator, der sich vom Verkauf der wertvollen Baugrundstücke Einnahmen für das Land Berlin erhofft, und drittens der Regierende Bürgermeister, der das Ganze wohlwollend abnicken möchte. Der Blick aus dem eigenen Fenster hat für die Mächtigen immer etwas Verführerisches. Tagein, tagaus betreibt man frustrierende Realpolitik, aber hier kann man sich als der große Zauberer fühlen.

Mit einem Blick aus dem Fenster fand sich auch der Standort für das Kanzleramt.

Nicht ganz. Bundeskanzler Helmut Kohl entschied vor der Wende per Fingerzeig aus dem Reichstag, dort bitte solle der Neubau für das Deutsche Historische Museum hin. Nach der Wende wurde es aber das Kanzleramt. Wenn Politiker auf Balkons stehen und sich umblicken, ist immer Gefahr im Verzug.

Beides hat seine Berechtigung: der Verweis auf die offenen Wunden Berlins, aber auch die Sehnsucht der Bürger nach Heilung, nach einem homogenen Stadtbild. Wie kann man mit dieser Widersprüchlichkeit produktiv umgehen?

Mich stört nicht zuletzt die Beliebigkeit in der Wahl historischer Vorbilder. Mit dem Schloss will man das historische Barock von Schlüter wiederhaben, auf dem jetzigen Marx-Engels-Forum sowie im Klosterviertel will man den mittelalterlichen Grundriss. Dann hätte man auch gleich die alte Ostseite des Schlosses mit Kapellenturm und Herzoginbau rekonstruieren können. Gemeint ist natürlich ein keimfreies Mittelalter und nicht das im Lauf der Jahrhunderte überkommene, unendlich verwinkelte, geruchsintensive Mittelalter, wie es aus den Parzellenplänen des 19. und noch des frühen 20. Jahrhunderts ersichtlich ist. Man möchte eine gereinigte Version, die mit Geschichtsbewusstsein und Authentizität nichts zu tun hat, sondern lediglich mit der Willkür des gerade herrschenden Geschmacks.

Welche Leitbilder sollten den Planungen für Berlins Mitte denn zugrunde liegen?

Man sollte von der Gegenwart ausgehen und weiterentwickeln, was uns die Geschichte an die Hand gegeben hat. Das ist in Berlins Mitte zum Beispiel die größere Weite, die seit dem 19. Jahrhundert und vor allem durch die DDR-Planungen zwischen Schloss und Alexanderplatz entstanden ist. Diese Weite gilt es zu domestizieren, dort wo sie die Stadt kaputt gemacht hat – etwa beim Straßenzug Gertraudenstraße/Grunerstraße. Aber man soll sie auch nicht durch „stille Winkel“ ersetzen. Denn die Enge stammt aus einer Zeit, in der die Doppelstadt Berlin-Cölln gerade mal 5000 Einwohner hatte, die sich innerhalb der schützenden Stadtmauer arrangieren mussten.

Der frühere Senatsbaudirektor Hans Stimmann will ja keine mittelalterlichen Fassaden, sondern den mittelalterlichen Stadtplan als Planungsgrundlage.

Aber es werden weitergehende Stimmen laut. In Stimmans Buch „Berliner Altstadt“ gibt es eine Planung, die den Fernsehturm, dieses stadtbildprägende Faktum, derart in Häuserblöcke eingepackt, als schäme man sich für ihn. Warum sich nicht auf das beziehen, was vorhanden ist, zum Beispiel die starken Parallelen mit den Randbebauungen an der Karl-Liebknecht- und der Rathausstraße? Man kann die spitzen Beton-Ausläufer des Fernsehturms kappen. Oder Schwachstellen beheben und die Marienkirche, heute ein solitäres Ausstellungsstück, mit dem Roten Rathaus in Beziehung setzen. Die Devise sollte lauten: mit dem wirtschaften, was da ist, die Geschichte nicht leugnen und die eigene Zeitschicht hinzufügen.

Woher rührt die Sehnsucht nach Altstadt und Marktplatz, nicht nur in Berlin?

Zum einen vom Unbehagen an der zeitgenössischen Architektur, die viele Chancen verpasst hat. Zum anderen hat die Sehnsucht nach Harmonie mit der viel zitierten, von Globalisierung und Wirtschaftskrisen verursachten allgemeinen Verunsicherung zu tun – das ist ein Allgemeinplatz, aber er ist deshalb nicht falsch. Auch das Ergebnis der Europawahl deutet darauf hin: In Krisenzeiten sammelt man sich im konservativen Lager. Ebenso möchte man es in der unmittelbaren räumlichen Umgebung behaglich haben, möchte sich weniger gefordert fühlen.

Wann schlägt das Pendel zwischen Erneuerungsfuror und Historismus in der Architektur eigentlich in welche Richtung?

Um sich Nostalgie leisten zu können, muss es einem wirtschaftlich gut gehen. Ein Schloss ist teuer. Früher baute man für einen konkreten oder ideellen Nutzen, auch zur Selbstdarstellung: Der Berliner Kurfürst errichtete das Schloss schon vor der Erlangung der Königswürde, um seinen Machtanspruch anzumelden. Aus diesen praktischen und ideologischen Notwendigkeiten und den eingespielten Verhaltensregeln ergab sich dann Stadt. Heute wird oft gebaut, um ästhetische Wirkungen zu erzielen. Das ist ein schwaches Motiv für die Architektur. Die Hauptbegründung für die Rekonstruktion des Berliner Schlosses war eine stadtästhetische: Es soll eine Lücke füllen und einen optischen Abschluss für den Boulevard Unter den Linden bilden. Erst dann wurde mit dem Humboldt-Forum eine Nutzung nachgereicht. Das geht jetzt weiter: Ausgerechnet in Zeiten des Kirchen-Leerstands wird über einen Kirchen-Neubau nachgedacht. Die Pfarrkirche von Alt-Cölln soll die Straßenachse Leipziger/ Gertraudenstraße unterbrechen und einen vertikalen Akzent bilden. Das nenne ich Städtebau des ästhetischen Scheins.

Früher war das Stadtzentrum der Marktplatz, das Rathaus, die Kirche. Heute protestieren die Karstadt-Mitarbeiter: Ohne Karstadt keine Innenstadt. Was charakterisiert im 21. Jahrhundert die Stadtmitte?

Im Städtebau wird gerne mit großen Begriffen operiert. Klaus Hartung schreibt, die Residenzstadt Berlin müsse durch die Bürgerstadt ergänzt werden (Tagesspiegel vom 28. 5.). Aber mit solchen Zuschreibungen betreibt man eben jene funktionalistische Aufteilung der Stadt, die der Moderne oft vorgeworfen wurde. Die historische Stadt war eine gemischte Stadt. Wenn der König aus dem Schloss guckte, blickte er auf die Konditorei Mahr & Jaeger und auf Leisegangs Photo-Antiquariat. Umgekehrt war die mittelalterliche „Bürgerstadt“ mit Funktionen der höfischen Residenz durchsetzt. An der Klosterstraße stand das Hohe Haus, Sitz der Markgrafen und der Kurfürsten, bevor sie sich das Schloss leisteten. Die Königstraße durchschnitt das bürgerliche Alt-Berlin und war die preußische Via triumphalis, wenn auch eine sehr bescheidene. Das war durchmischte Stadt.

Was bedeutet das für heutige Stadtplaner?

Wohnen in der Innenstadt trägt zur Belebung der Stadt bei, klar. Aber man sollte auf den alten Terrains nicht Pseudo-Mittelalter spielen, mit 6,5 Meter breiten Eigentumshäusern – also fünf bis sechs Stockwerken auf minimalen Grundflächen –, sondern sich auf weniger zappelige Haus-Typologien besinnen. Und man sollte neben dem Wohnen neue öffentliche Nutzungen für das Areal erwägen.

Welche können das sein?

Zum Beispiel wird in Berlin ein Neubau für die Zentral- und Landesbibliothek auf dem Gelände des Flughafens Tempelhof diskutiert. Was soll denn eine „Metropolenbibliothek“ auf dem Tempelhofer Feld, die gehört doch in die Innenstadt! Und bitte auf keinen Fall ein zweites Nicolaiviertel; bei dieser Plattenbau-Idylle hört man doch noch im Hochsommer die Glöckchen vom Weihnachtsmarkt klingeln!

Das Museumsviertel, das Regierungsviertel, das Einkaufszentrum und das Börsenviertel: Gibt es in den Metropolen der Gegenwart überhaupt noch Stadtzentren im klassischen Sinne?

Es liegt im Wesen der modernen Großstadt, dass sie mehrere Zentren ausbildet und die Mischungen grobkörniger werden. Aber man kann auch gegensteuern. Ich war kürzlich in Hamburg, es hat mich beeindruckt, wie dort bei der Stadterweiterung mit der Hafen-City eine attraktive Mischung von Angeboten angestrebt wird, von der Elbphilharmonie über Kreuzfahrt-Terminals und Bildungseinrichtungen bis zu Wohnquartieren. Eine funktionierende Innenstadt braucht die Mischnutzung. Dafür können wir auf die Qualitäten der europäischen Stadt zurückgreifen – ohne Nostalgie.

– Das Gespräch führte Christiane Peitz.

Wolfgang Pehnt, 1931 in Kassel geboren, lebt als Architekturhistoriker und -kritiker in Köln. Er lehrt Kunstgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum, kuratiert Ausstellungen, publiziert und arbeitet vor allem zur Baugeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Pehnt ist ein leidenschaftlicher Experte in Sachen Rekonstruktion. Auch in der Berliner Schlossdebatte

meldete er sich kritisch zu Wort.

Seiner Website www.pehnt.de hat er ein Motto von Walter Gropius vorangestellt: Kein Dogma, sondern vermehrte Lebendigkeit. Zuletzt erschien von ihm „Deutsche Architektur seit 1900“ (DVA, 2005). Seine jüngsten Vorträge über den Umgang mit historischer Bausubstanz sind auf www.schlossdebatte.de nachzulesen.

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