Interview : Klaus Staeck: Die Welt ist ein Wettbüro

Der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über Kapitalismus, Spielsucht und die Auswirkungen der Finanzkrise.

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Klaus Staeck.Foto: Thilo Rückeis

Herr Staeck, wird die Akademie der Künste auch unter der Finanzkrise leiden?



Ich bin der vielleicht älteste Gegner des Sponsoring. Als ich hier anfing, wollte ich gleich wissen, ob wir von Sponsorengeldern abhängen. Die Summe war so gering, dass wir im Akademie-Senat beschlossen haben, unser Programm ohne diese Mittel zu planen. Angesichts der Krise zeigt sich, dass sich der Kampf um die staatliche Finanzierung von Kultur lohnt. Jeder öffentliche Euro, der durch einen privaten Euro ersetzt wird, ist mit Gefahren verbunden. Aber natürlich wird die derzeitige stille Revolution am Ende jeden erfassen.

Stille Revolution?

Still nur deshalb, weil die Leute noch nicht begriffen haben, welches Erdbeben gerade stattfindet. Die Politik beruhigt, garantiert die Spareinlagen, stellt 480 Milliarden Euro zur Verfügung. Was zur Vermeidung des Supercrashs auch richtig war. Aber wir erleben ja gar keine Finanzkrise, sondern einen Zusammenbruch. Das neoliberale Wirtschaftssystem, das auf Privatisierung und Deregulierung basiert, ist bankrott. Jetzt findet eine Art Insolvenzverwaltung statt.

Hat die Wirtschaft versagt, oder ist der Zusammenbruch eine logische Konsequenz?

Das neoliberale System war auf Bankrott angelegt. Die Banken haben unser Geld verzockt. Wir leben in einer Spielhölle. Da alle gern spielen, ist das Erschrecken nicht allzu groß. Ich komme mir vor wie der Wanderprediger, der seit Jahren vergeblich vor den zerstörerischen Kräften des Kapitalismus warnt.

Da sind Sie nicht der Einzige. Selbst die Wirtschaftsexperten haben es jetzt alle längst vorausgesehen.

Und trotzdem haben alle weitergemacht. Wer hört im Wettbüro schon freiwillig mit dem Wetten auf? Es ist ja eine Spielsucht mit Gewinnaussicht. Die Zocker Mentalität beherrscht weite Teile der Gesellschaft. Nur so ist übrigens zu erklären, dass niemand auf die Straße geht. Der Staat garantiert das System, das ihn gefährdet, indem er für die Banken bürgt. Wer glaubt denn, dass sich an den Managergehältern wirklich etwas ändert? Und wer ist schon bereit, das gesamte System infrage zu stellen? Ihre Zeitung nicht, unsere Institution nicht, der Nachbar nicht, auch nicht die Regierung. In der gleichen Fernsehsendung "Hallo Deutschland" gab es kürzlich erst einen Bericht über Kinderarmut und dann einen über die Millionärsmesse in München, wo es darum geht, wie viel ein Butler kostet. Das ist zwar makaber, aber wir empfinden es als normal.

Welche Bereiche sind denn alle von dieser Zocker-Mentalität betroffen?

Nehmen Sie die Privatisierung von öffentlichen Gütern wie Wasser, Kanalisation oder Nahverkehr, da leasen Gemeinden zurück, was ihnen eigentlich gehört. Dass die Bahn nicht verscherbelt wurde, ist nur auf Druck nicht geschehen - noch nicht. Nehmen Sie Phänomene wie Millionen-Transfer- Summen für 22-jährige Fußballer oder das feudalistische Verhältnis zwischen privaten Sammlern und staatlichen Museen. Wenn wir uns darüber nicht aufregen, warum sollen wir uns jetzt über die Banken echauffieren?

Was wäre die Alternative? Mehr Staat?

Der bisher praktizierte Sozialismus empfiehlt sich nicht. Und auch Teile unserer linken Parteien haben das ruinöse System ermöglicht. Wir könnten zumindest aufhören, den Staat zu verteufeln, und ihn dazu anhalten, Daseinsvorsorge - schönes altes Wort - zu betreiben, verantwortungsbewusst mit unseren Steuern umzugehen und auch die zum Steuernzahlen zu zwingen, die ihr Geld in den Steuer oasen verschwinden lassen. Auch die Mitbestimmung muss wieder auf den Tisch.

Das ist so typisch deutsch, der Ruf nach dem Staat. Wir sind doch freie Menschen.

Vielleicht reden Sie sich bloß ein, dass Sie noch ein freier Mensch seien. Ich habe in meinem Leben wenig wirklich freie Menschen getroffen. Nein, der Staat soll beileibe nicht alles regeln, aber wenn er bürgt, dann nur gegen Sicherheiten, gegen die Bedingung, dass sich das Desaster nicht wiederholt, dass die Schwindelfonds und Steuerparadiese geschlossen werden. Im dritten Semester meines Jurastudiums habe ich gelernt: Bürge nie, wenn du das Geld nicht abzuschreiben bereit bist. Bürgschaften sind in der Regel verlorenes Geld, das ist ähnlich wie bei einem Kredit, genauso muss der Staat damit umgehen. Andernfalls stützt er ein bankrottes System. Ich bin ein leidenschaftlicher Kämpfer für den öffentlichen Raum. Demokratie spielt sich nur im Öffentlichen ab. Wir müssen diesen Raum verteidigen und wieder auf Tugenden wie Sensibilität, Empathie und Altruismus setzen.

Die Krise als Chance?

Es wird friedlich bleiben, weil die Menschen um ihren Besitzstand bangen. Wir sind feige, denn es geht uns immer noch relativ gut, also schlucken wir die Kröten. Das Primat des Ökonomischen ist immerhin unterbrochen, es gibt jetzt ein kurzes Innehalten. Aber die Gefahr ist nicht vorbei.

- Das Gespräch führte Christiane Peitz.

KLAUS STAECK , geboren 1938, studierte Jura in Heidelberg und Berlin, ist Künstler, Karikaturist und Grafiker und seit 2006 Präsident der Berliner Akademie der Künste.

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