Interview : Klaus Theweleit: „Wenn es zwitschert, freue ich mich“

Ist Pop nur noch retro? Kulturtheoretiker Klaus Theweleit spricht über Recycling-Kultur, den Rausch von ’68 und das PR-Phänomen Amy Winehouse.

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Herr Theweleit, Kraftwerk sind gerade in München im Museum angekommen, die Hitparaden werden von wiederveröffentlichten Pink-Floyd- und Nirvana-Platten und Retro-Künstlern wie Adele beherrscht. Ist Pop keine Gegenwartskunst mehr?
Schwer zu sagen. Eigentlich ist Pop nie nur Gegenwartskunst gewesen. Pop hatte schon immer eine Geschichte, eine Tradition. Schon in den fünfziger Jahren, als das, was wir heute unter Pop verstehen, begann, ist in den frühen Rock ’n’ Roll viel Rhythm ’n’ Blues und Jazz eingeflossen. Selbst Dixieland ist daraus nicht wegzudenken. Und in den Sechzigern wurde dann schon von den Goldenen Zwanzigern geschwärmt. Ein Bob Dylan steht in der Traditionslinie von Folk, von Working Man Songs und Woody Guthrie.

Aber damals fügten die Musiker dem Alten etwas Neues, Eigenes hinzu. So wie die Rolling Stones den Blues nur als Startrampe benutzten. Heute hingegen wirken viele Bands im Heraufbeschwören historischer Sounds gefangen. Wo bleibt die Innovation?

Die gilt es zu entdecken, und das ist schwer, weil sich derzeit gerade nichts spektakulär Neues ausbreitet. Außerdem ist die Pop-Geschichte inzwischen viel länger geworden, es hat mehr Sachen gegeben und man kann vieles nicht mehr neu erfinden. Ein Saxofonist kann sich heute nicht völlig von dem lösen, was John Coltrane gemacht hat. Neu ist aber, dass das historische Bewusstsein heute ausgeprägter ist. Seit den neunziger Jahren hat sich ein Pop-Spezialistentum herausgebildet, das sich fast schon wissenschaftlich penibel mit Bands und Epochen befasst.

Der britische Kritiker Simon Reynolds beschreibt in seinem Buch „Retromania“ eine Popära, die „verrückt nach der Vergangenheit und besessen von der Erinnerung“ sei. Zeigt sich da ein neuer Konservatismus?

In den Achtzigern gab es das Gleiche unter dem Stichwort Nostalgie schon einmal. Pop ist ein Markt. Und dieser Markt arbeitet in Zyklen. Alles was schon einmal da war, wird recycelt. Das ist kein neues Phänomen.

Aber heute werden die Charts fast ausschließlich von Altstars und Retro-Acts wie Adele, Duffy oder Aloe Blacc dominiert.
Man könnte auch noch Amy Winehouse nennen. Doch die halte ich für ein reines PR-Phänomen. Ich habe mir ihre Platten angehört und kein einziges Stück gefunden, das auch nur im Entferntesten an die schlechtesten Sachen von Aretha Franklin heranreichen würde. Das ist Musik, die den Markt abräumen kann, weil die Produzenten, Manager und PR-Agenten gute Arbeit geleistet haben. Als ich in den Nachrufen von der „großartigen Musikerin“ las, hat sich mir der Magen umgedreht. Die Leute hören nicht richtig hin.

Bis weit in die achtziger Jahre verstanden sich Popmusiker als Teil einer Gegenkultur. Wieso ist dieser Anspruch verschwunden?

Weil Pop zum Mainstream geworden ist. Pop ist allgegenwärtig, unsere Kultur ist völlig durchtränkt davon, in jeder Zeitung findet man heute Pop-Themen auf der ersten Feuilleton-Seite. Für mich verschwand Pop als Gegenkultur in dem Moment, als die Feuerzeuge auf den Konzerten auftauchten. Mit erhobenen Händen huldigen die Fans ihrem jeweiligen Messias. Vor allem ist das aber eine große Selbstfeier. Dabei geht es nicht mehr um irgendeinen Gegenentwurf, sondern nur noch die Übereinstimmung mit dem, was die Konsumenten für ihre Abweichung halten. Die Feuerzeuge als gemeinschaftsstiftendes Utensil haben vielleicht sogar die Facebook-Kultur vorweggenommen.

Das Neue im Pop ist lange aus dem Überdruss am Alten entstanden. Auf Rock ’n’ Roll folgte Beat, Punk war ein Aufstand gegen den Stadionrock. Heute existieren zig Stile friedlich in ihren Nischen nebeneinander. Haben sich die Fortschrittsmodelle im Pop als untauglich erwiesen?

Dass vieles nebeneinander existiert, ist ja nicht schlecht. Diese Aufteilung in Enklaven spiegelt wider, was auch sonst in der Gesellschaft läuft, ihr Auseinanderbröseln. Viele Bereiche gesellschaftlichen Verhaltens, die früher verboten waren – wie etwa Homosexualität – wurden liberalisiert. Was früher in Subkulturen stattfand, ist in erlaubte Nischen übergegangen. Es muss gar nicht mehr „sub“ sein. Jeder findet jetzt problemlos das, was er haben will oder braucht. Damit ist die Grundlage für eine gemeinsame Gegenwehr gegen den gesamtgesellschaftlichen Hauptzustand verschwunden. Das ist nicht die Schuld der Menschen, sondern Folge einer gewachsener Liberalität. Wenn Freiräume da sind, werden sie auch genutzt und man bringt sein Leben nicht mehr damit zu, gegen etwas zu protestieren.

Welche Rolle spielt das Internet in dieser schönen neuen Nischenwelt?

Eine große. Es ist ein total neues Phänomen, dass manche Songs im Netz durch ihre Klickzahlen und Downloads zu Hits werden. Da ist viel Zufall dabei, man kann oft nicht nachvollziehen, wer warum auf was anspringt. Es ist ein unübersehbarer Wust. Mich wundert allerdings, dass ich so wenig Rhythmus-Variation höre. Oft wirken die ersten 30 Sekunden eines Stückes interessant: Da wird etwas ausprobiert, es zirpt, der Beat stolpert hierhin und dorthin, doch dann mündet alles in den üblichen Beat von Techno oder HipHop. Das hat so etwas dröhnend Erschlagendes. Eine Art Dance-Gleichschritt, der für alle vorgeschrieben zu sein scheint. Gemessen an der Menge von Erfindungen, die es im Pop schon gab, wird heute relativ wenig davon benutzt. Da scheint ein gewisser Druck zu herrschen. Ich weiß nicht, ob er vom Tanz, vom Markt oder von der Angst abzuweichen ausgeht.

Gerade entdecken die Geschichtswissenschaften die U-Musik als Quelle, wie die Berliner „Pop History“-Konferenz zeigt. Welche Erkenntnispotenziale sehen Sie?

Die liegen in allen Bereichen, die die Historiker bisher immer als Sekundär- und Tertiärquellen denunziert haben. In ihrer Geschichtsschreibung ging es ja nur um Dokumente, Staatsakte und so fort. Schon Romane und Gedichte galten als zu subjektiv. Jetzt kapieren die Historiker aber langsam, dass man den Generationsbruch, den es nach dem Zweiten Weltkrieg mit der mehr oder weniger faschistischen Elterngeneration gegeben hat, nur über die Popmusik verstehen kann. Wer diesen emotionalen Ausbruch, der schon Mitte der fünfziger Jahre einsetzte, nicht einbezieht, kann als Historiker einpacken.

Sie haben Rock als „Musik westlicher Demokratien in ihren postnationalen, prätechnokratischen Öffnungsphasen“ beschrieben. Wurde die Rolle der Rockmusik während der 68er-Umwälzungen unterschätzt?

Vor allem ist sie unterschätzt worden, weil man die 68er-Bewegung ohne die 56er-Bewegung nicht verstehen kann. Das sind dieselben Leute. Die haben ihren ersten Ausbruch mit 14 zu Chuck Berry, Elvis und dem Engtanz-Blues erlebt. Auch wenn das nicht als politischer Ausbruch verstanden wurde, war er es im Grunde doch. Da wurden Kino- und Kneipeneinrichtungen zerlegt, in Schwabing kam es zu „Krawallen“, man änderte seine Verhaltensweisen, überall. Nur mit Texten und Theorie ist ’68 nicht zu verstehen, auch die Pille war ein wichtiger Faktor.

Ihr Eröffnungsvortrag auf der "Pop History"-Konferenz trägt den schönen Titel „Also ob es kein Morgen gäbe – Oder: 2000 Light Years from Home“. Wird er vom Aufbruch der 68er handeln?
Ja. Es gibt derzeit bei Soziologen wie Heinz Bude aus Hamburg eine gewisse Verständnislosigkeit gegenüber den Sechzigern. Man sagt: Das waren doch wunderbare Zeiten, in denen man Aussicht auf eine Stelle hatte und die Wirtschaft blühte. Dabei wird vernachlässigt, dass man gar nicht auf eine Stelle aus war, sondern sich ein Leben ohne diese Art von Perspektive wünschte. Eine Existenz im Hierundjetzt, eben „als gäbe es kein Morgen“. Die Lichtjahre aus dem Rolling-Stones- Song stehen dafür, dass man auf keinen Fall da landen wollte, wo die Eltern waren. Wie Rio Reiser sang: „Ich will nicht werden, was mein Alter ist“. Die Stones meinten auch das Abheben mittels Drogen. Stoned wollten sie den Weg ins All finden. Das „Intergalaktische“ haben auch Hendrix und Sun Ra nicht metaphorisch gemeint. Es ging darum, weg von der Erde, weg aus den Familienzusammenhängen zu kommen. Pop hieß auch: Man kann noch alles werden.

Welche Popmusik hören Sie gerade?

Momentan viel Neil Young. Aber nur die Sachen mit Crazy Horse. Sein Einzel-Gitarren-Zeug mit Country-Überhang kann ich nicht ausstehen.

Keinerlei Neuentdeckungen in letzter Zeit?

Nein, aber da warte ich immer drauf. Ich spiele selber in einer Free-Jazz-Band E-Gitarre, mit dem Bogen gestrichen. Kürzlich brachte ein Musiker einen Packen mit neuen Aufnahmen von Peter Brötzmann mit, der mir früher mit seinem überblasenen Saxofon auf den Geist gegangen war. Jetzt spielt der in Gruppen, die richtig interessant sind. Ich suche nach einem Sound, den ich noch nicht gehört habe. Wenn da etwas pulst und zwitschert, freue ich mich. Leider zu selten.

Die "Pop History"-Konferenz findet vom 3.-5.11. im Roten Salon der Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz statt. Klaus Theweleits Eröffnungsvortrag: 3.5., 19 Uhr. Infos: http://www.zzf-pdm.de/site/316/default.aspx#Tagung_Pop_History

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