Interview mit Armin Petras : „Ich bin mein Leben lang rausgeschmissen worden“

Vor dem Abflug nach Stuttgart: Armin Petras über seine Intendanz am Maxim Gorki Theater, die Berliner Konkurrenz – und Mannschaftswechsel.

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Meist mit Mütze. Armin Petras, Regisseur, Intendant und Dramatiker.
Meist mit Mütze. Armin Petras, Regisseur, Intendant und Dramatiker.Foto: Maxim Gorki Theater/Fabian Schellhorn

Herr Petras, wenn Sie auf Ihre Zeit am Gorki zurückblicken, worauf sind Sie stolz?

Ich bin ein Mensch, der eher zu Selbstkritik neigt. Insofern bin ich da vorsichtig. Aber was ich sagen kann: In den letzten 20 Jahren habe ich an einigen Stadttheatern in Deutschland gearbeitet. Und mit Ausnahme der Münchner Kammerspiele habe ich kein Haus erlebt, das einen solchen Geist atmet wie das Gorki. Wo sämtliche Mitarbeiter so rückhaltlos für das Theater einstehen und für das, was auf der Bühne stattfindet. Sicherlich auch weil wir als ärmstes unter den großen Berliner Häusern der Underdog waren.

Haben Sie verstanden, wie Berlin als Theaterstadt funktioniert?

Das würde ich auf keinen Fall behaupten. Berlin braucht unbedingt das Neue, das Radikale, das Überraschende. Hier wird unglaublich schnell abgewatscht oder in den Himmel gelobt, es gibt nur die Extreme, das ist in anderen Städten nicht so. Aber ich habe kein Modell dafür, wie man in Berlin Theater macht. Man muss komplett bei sich selber bleiben, das ist die einzige Chance. Man darf nicht Trends hinterherlaufen.

Ihr Prinzip war von Beginn an Überforderung: enorme Premierenschlagzahl, hohes Tempo. Und das mit einem Ensemble von nur 20 Schauspielern. Trotzdem hat das Gorki, zumindest nach außen, kaum Verschleißerscheinungen gezeigt.

Von unseren Schauspielern sind tatsächlich nur wenige abgewandert in all den Jahren. Und es freut mich extrem, an welche Häuser jetzt die jungen Kollegen gehen, die bei uns angefangen haben. Wenn man Fußballvergleiche ziehen wollte, wären wir ein Club wie Freiburg oder Mönchengladbach, von dem aus die Spieler zu Bayern oder Chelsea wechseln. Britta Hammelstein spielt am Residenztheater München, Max Simonischek an den dortigen Kammerspielen, Aenne Schwarz geht ans Burgtheater, Anne Müller ans Hamburger Schauspielhaus, Julischka Eichel ans Schauspiel Köln. Niemand fällt eine Liga tiefer.

Hat die Intendanz Sie verändert?

Als die Entscheidung anstand, nach Stuttgart zu wechseln, habe ich schon überlegt: Ist es sinnvoll, als Intendant weiterzumachen? Der Job ist anstrengend, keine Frage. Ich habe mir auch Härten antrainieren müssen. In dem Sinne, dass ich mir für bestimmte Verletzungen keine Zeit mehr lasse.

Haben Sie Mitleid mit dem Kollegen Ulrich Khuon vom Deutschen Theater, weil ihm Nina Hoss Richtung Schaubühne abwandert?

Nein, das wäre ja Quatsch. Das DT ist das heimliche Nationaltheater, der FC Bayern unter den Bühnen. Das heißt, Ulrich Khuon ist Uli Hoeneß. Nicht was die Steuern, aber was seine Möglichkeiten betrifft. Der kann sich neue großartige Spieler holen. Mal abgesehen davon, dass es mit Katrin Wichmann oder Susanne Wolff andere tolle Kolleginnen am Haus gibt, die den Platz sicher einnehmen können. Ich finde den Wechsel von Nina Hoss absolut richtig nach 14 Jahren.

Gleich nach Ihrer ersten Spielzeit hat Peter Moltzen das Ensemble verlassen. Haben Sie versucht, ihn zu halten?

Nein, das ist überhaupt nicht meine Art. Theater ist dem Wesen nach ein fahrendes Gewerbe, und ich finde es wichtig, dass wir uns das ein bisschen erhalten. Wenn ein Mensch nicht wirklich glücklich ist im Team, muss man Wege finden, sich positiv zu trennen. Peter Moltzen spielt bis heute „Das Versprechen“ bei uns. Wenn wir uns auf der Straße begegnen, gibt es keine Verzweiflungs- oder Hassattacken.

Die Stuttgarter Presse jubelt, dass Sie lauter Stars ins Schwäbische mitbringen: Fritzi Haberlandt, Edgar Selge, Joachim Król. Amüsant. Als Star-Intendanten hat man Sie in Berlin gar nicht gesehen.

Am Gorki hatten wir das klare Anliegen, ein Ensembletheater aufzubauen. Eine Fritzi Haberlandt war dem Haus stets verbunden, ein Peter Kurth, eine Regine Zimmermann oder eine Anja Schneider haben das Gorki über all die Jahre absolut geprägt, um nur einige zu nennen.

Wie wichtig ist die exklusive Bindung von Regisseuren an ein Theater? Wie hätten Sie reagiert, wenn Ihr Hausregisseur Jan Bosse auch bei der Berliner Konkurrenz hätte inszenieren wollen?

Mir leuchtet es total ein, wenn ein Dimiter Gotscheff sowohl am Deutschen Theater als auch an der Volksbühne Theaterfamilien hat. Für uns war aber früh klar: Wir müssen so sehr um unsere Exklusivität ringen, dass wir das grundsätzlich nicht gut fänden. Wir hatten mit Jan Bosse, Jorinde Dröse und Antú Romero Nunes drei starke Hausregisseure. Eine ziemlich einmalige Konstellation in Berlin. Damit verbunden war die Bitte, sich entsprechend verantwortlich zu fühlen. Kein Zwang, das stand nicht in den Verträgen.

Gibt es einen regelmäßigen Austausch unter den Berliner Intendanten?

Meistens im Konfliktfall (lacht).

Zum Beispiel wenn Sie den Kollegen Thomas Ostermeier verärgern, weil Sie zur selben Zeit wie die Schaubühne Ibsens „Volksfeind“ auf den Spielplan setzen?

Das haben wir in einer sehr angenehmen Whiskeyrunde besprochen. Wir konnten das Problem zwar nicht lösen, aber es war schön, dass wir uns gesehen haben. Mit Matthias Lilienthal habe ich oft gesprochen, mit Ostermeier gibt es einen Austausch, mit Khuon sowieso, mit Frank Castorf ab und zu. Man sollte diese Kommunikation allerdings auch nicht überschätzen. Die Theater produzieren zwar dasselbe, sind aber letztlich ganz verschiedene Manufakturen.

Das Gorki ist das Haus für die deutsche, auch die deutsch-deutsche Geschichte, für Autoren von Kleist bis Schleef. Haben Sie sich mit diesem Profil von den anderen Bühnen abzugrenzen versucht?

Nein, das Problem waren eher die Erwartungen. Als wir in Berlin angetreten sind, schlug uns teilweise die Haltung entgegen: Was wollen die überhaupt hier? Es gibt in Berlin ja schon alles. Die Wahrnehmung hat sich dann doch gewandelt. Zumindest ist unser Anspruch gesehen worden, sich mit Politik, Geschichte, sozialen Problemen auseinanderzusetzen. Und nicht zuletzt mit der Stadt.

Gehen Sie tatsächlich nur nach Stuttgart, weil Ihnen die Aufstockung des Etats um 400 000 Euro verweigert wurde?

Nein. Um Missverständnissen vorzubeugen: Wenn jemand 20 Jahre und länger Intendant in einer Stadt sein möchte, gibt es keine Kritik von mir, wie käme ich dazu? Dennoch bin ich anders gestrickt. Ich bin mein Leben lang rausgeschmissen worden oder musste woanders hingehen. Von einem Land ins andere, von einem Theater zum anderen. Ich möchte nicht länger als eine bestimmte Anzahl von Jahren an einem Ort sein. Und meine Nachfolgerin Shermin Langhoff kriegt ja nun das Geld, das ich nicht bekommen habe. Insofern war es auch kulturpolitisch die richtige Entscheidung. Nicht für Herrn Petras. Sondern für das Maxim Gorki Theater und die Mitarbeiter aus allen Gewerken, die ja zum größten Teil nicht mit mir nach Stuttgart wechseln.

Ihnen war klar, dass nach Ihrem Weggang plötzlich mehr Geld bewilligt werden würde? Das muss Sie doch beleidigen.

Moment, klar war das nicht. Es hätte ja auch sein können, dass die Reaktion auf meinen Abschied in den Medien gelautet hätte: Vielen Dank, das war auch höchste Zeit. Dann wäre der Druck nicht besonders groß gewesen, den Etat zu erhöhen. Aber der erstaunliche Wirbel, den die Meldung verursacht hat, war natürlich hilfreich. Als ich 2005 die Vorgespräche für meine Intendanz führte, hieß es an politischen Stammtischen, dass dieses Haus durchaus wackelt. Es ging um ein Bespieltheater, um Räume für das Ku’dammtheater. Das ist vom Tisch.

Gehört es zum Intendantenberuf, missverstanden zu werden?

Würde ich so nicht sagen. Aber man kann von großen Intendanten lernen, dass die Politik eine Bühne ist. Das habe ich extrem unterschätzt. Ich habe Herrn Peymann vor dem Kulturausschuss erlebt, das waren eindrucksvolle Auftritte.

Was haben Sie in Berlin nicht erreicht?

Weil wir das Gorki-Studio aus finanziellen Gründen teilweise schließen mussten, konnten wir die Arbeit mit jungen Autoren nicht so fortsetzen wie gewünscht. Vielleicht auch dass wir international nicht so vorgekommen sind wie etwa die Schaubühne. Aber dafür waren Zeit und Geld auch nicht da.

Zum Abschluss veranstalten Sie das Fest „Fünf Tage im Juni“, Sie selbst inszenieren eine Geschichte über radikale Außenseiter, die Kombination aus dem „Hofmeister“ von Lenz und dem Roman „Der Hals der Giraffe“. Wie geht das zusammen?

Zur Eröffnung haben wir ein Spektakel mit zehn Premieren veranstaltet, jetzt machen wir noch mal eins. Wobei uns entgegenkommt, dass unser letzter Tag der 17. Juni ist. Der 17. Juni 1953 war einer der wichtigsten Tage für Berlin in den vergangenen sechzig Jahren. Dazu müssen wir uns verhalten als Theater, das sich mit politischen Umbrüchen beschäftigt. Ich habe mich gefragt: Was ist heute das relevanteste Thema für die Gesellschaft? Ganz klar die Bildung. Die ist Teil des Klassenkampfes geworden. Eine Kollegin erzählte mir, dass in ihrer Kita am Prenzlauer Berg jetzt Chinesisch für Vierjährige angeboten wird.

Sind Sie in Versuchung, mit Ihrer letzten Gorki-Arbeit eine Botschaft an Berlin zu senden?

Ich halte nichts von Botschaften. Und ich bin kein Freund der Selbstdarstellung. Einmal in sieben Jahren habe ich am Gorki öffentlich getanzt, im Rahmen einer Inszenierung zu Einar Schleefs Tagebüchern. Da hatte ich von jedem Schauspieler und jedem Assistenten verlangt, das vorzuführen, was ihm am schwersten fällt. Und musste als Intendant vorangehen. Aber eigentlich ist mein Platz unten, im Dunkeln. Ich bin einfach gespannt, wie man in ein, zwei Jahren über dieses Theater nachdenken wird. In Berlin und anderswo.

Das Gespräch führte Patrick Wildermann.

Er ist der Malocher

unter Berlins

Theaterintendanten.

Sieben Jahre lang hat Armin Petras am Maxim Gorki Theater, dem kleinsten der Berliner Staatstheater, eine Produktion nach der anderen herausgehauen

und auch auswärts

inszeniert.

Er ist auch der

Unruhigste. 1964 im Sauerland geboren, kam er 1969 mit seinen Eltern in die DDR und wuchs in Ost-Berlin auf, wo er an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Regie studierte. 1988 ging er nach West-Berlin.

Unter dem Namen

Fritz Kater ist der

Regisseur auch als

Dramatiker erfolgreich.

Am 25. Mai hat am Gorki seine Inszenierung von Brechts

„Leben des Galilei“

Premiere, am 17. Juni

gibt es das große

Abschiedsfest. Zur nächsten Spielzeit

wechselt Armin Petras

als Schauspielchef nach Stuttgart.

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