Interview mit Arto Lindsay : „Achtung, ihr da oben!“

Zum Start des Wassermusik-Festivals: Musiker Arto Lindsay über Bossa, Lärm, Karneval und sein neues Album.

Tobias Richtsteig
Der amerikanische Musiker Arto Lindsay singt Englisch und Portugiesisch.
Der amerikanische Musiker Arto Lindsay singt Englisch und Portugiesisch.Foto: Jorge Bispo

Mister Lindsay, Sie sind gerade wieder mit einer Band und einem neuen Album auf Tournee. Warum hat es so lange gedauert, nachdem 2004 „Salt“ erschienen war?

Das ist ganz einfach: 2005 wurde ich ernsthaft krank. Heute geht es mir wieder gut, ich bin gesund. Aber das hat ein paar Jahre gedauert. Und dann wollte ich einmal etwas ganz Neues machen. Also begann ich, mich auf Solo-Auftritte zu konzentrieren. Ich versuchte, zu meiner ungestimmten Gitarre zu singen und dabei die Tonart zu halten. Gleichzeitig musste ich lernen, ganz alleine vor einem Publikum zu bestehen. Das ist eine ziemliche Herausforderung. Und dann fing ich auch damit an, Paraden zu veranstalten, als Kunst-Aktionen.

Damit waren Sie auch in Berlin.
Ja, das war 2009 zum 20. Jubiläum des Hauses der Kulturen der Welt. Inzwischen habe ich einige organisiert. Jede Parade war ganz anders, mit unterschiedlicher Musik. Einmal hatte ich etwa nur Mobiltelefone als Lautsprecher. Die Idee kommt eigentlich vom Karneval in Brasilien, es sind meine persönlichen Karnevalsparaden. Natürlich sind sie nicht so groß wie die in Rio – jedenfalls bisher.

Was begeistert Sie so an Karnevalsparaden, dass Sie selbst welche organisieren?
Die Aufregung dieser Aufzüge habe ich schon als Kind geliebt. Da passiert immer viel zu viel gleichzeitig – aber doch nie genug. Im Karneval ist alles zu sehen: das Schöne und das Hässliche, die größte Freiheit und die strikteste Ordnung. Dieser besondere Zustand interessiert mich. Meine Paraden sehen manchmal wie Proteste aus, denn sie bieten den Leuten eine Gelegenheit, sich als wichtig darzustellen. Tatsächlich betrachte ich alle Teilnehmer an einer Parade als Bandmitglieder.

Arto Lindsay

Arto Lindsay kam 1953 in Richmond, Virginia zur Welt. Aufgewachsen ist er in Brasilien, wo seine Eltern als Missionare tätig waren. In den siebziger Jahren ging er nach New York, wo er mit dem Noise-Trio DNA zu den Pionieren des No Wave gehörte. Ruhiger und poppiger ließ er es in den Achtzigern mit dem Duo Ambitious Lovers und mit der Avant-Pop-Band The Golden Palominos angehen. Seit den Neunzigern ist Arto Lindsay als Solokünstler aktiv, wobei er brasilianische Einflüsse immer wieder mit Gitarrenlärm zusammenbringt. Außerdem schreibt er Soundtracks und arbeitet mit zahlreichen Kollegen wie Laurie Anderson, Bill Frisell oder Caetano Veloso zusammen. Zuletzt erschien sein Album „Cuidado Madame“ (Ponderosa).

Eine ziemlich eigenwillige Form von Band.
Ich habe viel über die Band als soziales Phänomen nachgedacht. Jede Band ist im Grunde demokratisch. Auch, wenn sie einen noch so starken Bandleader hat. Es geht immer um das Verhältnis der Musiker untereinander und zum Publikum. Politische Texte zu singen, fand ich dagegen immer komisch. Die Art und Weise, wie man die Musik zusammensetzt, sagt doch viel mehr aus.

Politisch gesehen: Sind Sie froh, gerade in Brasilien zu leben und nicht in den USA?
Na ja, es ist offensichtlich keine gute Zeit in den USA. Aber auch in Brasilien ist es momentan schwierig. Ich liebe Brasilien. Aber die Probleme, die schon immer hier sind, die Gewalt, der Rassismus, die große Kluft zwischen den Klassen – das alles verschärft sich gerade wegen der wirtschaftlichen und politischen Krise.

Ist der Titel Ihres neuen Albums „Cuidado Madam“ ein Kommentar dazu?
Ja, ich mag diesen Titel. Wenn man ihn übersetzt, bedeutet er ja so viel wie: „Achtung, ihr da oben! Ihr werdet nicht ewig in dieser Position sein!“ Es ist wie in diesem alten Blues-Song: „Be nice to those you meet on the way up. They’re the same folks you’ll meet on the way down.“

„Cuidado Madam“ – „Vorsicht, Madam“ heißt auch ein brasilianischer Film von 1970. Haben Sie den damals gesehen?
Nein, ich habe ihn erst vor Kurzem auf Youtube entdeckt. Aber der Regisseur, Julio Bressane, ist ein guter Freund, ich traf ihn Mitte der Siebziger in New York. Erst jetzt stolpere ich über diesen Film. Und ich liebe ihn. Die Story ist ja einfach: Da ist diese Hausangestellte, die ihre Chefinnen umbringt, eine nach der anderen. Das wirkt natürlich absurd, es ist eine Art Comedy-Version einer politischen Aktion. Man kann sehen, wie viel Spaß sie bei den Dreharbeiten hatten: all das Kunstblut, die reichen Frauen fallen dramatisch um und das Hausmädchen tanzt dazu. Alles wiederholt sich ständig. Ich finde das wunderbar: diese einfache Struktur, in der doch so viel Bewegung und Spaß steckt. Gleichzeitig hat der Film eine ernste Aussage.

Sie singen neben Englisch auch Portugiesisch auf dem Album. Worum geht es da?
Einer erzählt etwa: „Dein Vater war ein Bandit – und dann kamst du“, es ist ein Lied darüber, dass wir frei sind, neue Wege einzuschlagen. Aber auch, dass wir die Geschichte nicht vergessen dürfen. Ein Lied, das gut zu Deutschland passt. Aber es war keine bewusste Entscheidung, dass die politischeren Songs alle in Portugiesisch geschrieben sind.

Es ging also nicht darum, mit diesen Texten eher ihr brasilianisches Publikum zu erreichen, während der Rest der Welt sich über die Liebeslieder freut?
Nein, mit dem Verständigungsproblem habe ich ja immer zu tun. Und ich glaube vor allem, dass die Leute auch Poesie genießen, die sie eigentlich nicht verstehen, da gibt es ja die Struktur und auch die Emotion des Gesagten kommt ja an. Ich mag die Idee, dass man sich ein wenig anstrengen muss, um etwas zu verstehen. Dass es nicht zu einfach sein darf. Aber wenn ich einen Song schreibe, dann denke ich nicht darüber nach, in welcher Sprache.

Einerseits singen Sie diese Lieder mit sanfter Stimme zur akustischen Bossa-Nova-Gitarre – und dann sind da Sambatrommeln, digitale Störgeräusche und der Verzerrer Ihrer ungestimmten Gitarre.
Ich weiß nicht, wie das passiert ist. (lacht) … Aber ich glaube, es ist auch heute viel normaler, einen Popsong mit abstrakteren Sounds zu hören. Wenn man weit zurückgeht, zu Jimi Hendrix oder zum frühen Hip-Hop, als der noch von Platten gesampelt wurde und man hörte das Scratchen der Nadel. Inzwischen haben wir uns an solche Sounds gewöhnt.

Als Sie in den Siebzigern beim Trio DNA Gitarre spielten, erregte Noise noch Aufsehen. Wollten Sie damit schockieren?
Noise bringt ja auch Ekstase mit sich. Wenn man die Grenzen der Musik erreicht hat und dann weitergeht – dann ist es Noise. Das hat auch etwas Befreiendes. Wenn etwa James Brown shoutet oder ein Saxofonsolo im Bebop immer komplexer wird, bis purer Klang ist. Aber in meinen Bands ging es nie um Schockwirkungen, sondern um eine direkte Form von Kommunikation. Darum, unmittelbar das Innere unserer Zuhörer zu erreichen.

Und dazu war es nicht notwendig, die Gitarre zu stimmen?
Ich stimme meine Gitarre schon, aber nicht wie normale Leute das tun würden, sondern eher zufällig. Es geht eher darum, dass die Saiten eine gleichmäßige Spannung haben, damit ich sie gut in der Hand habe. Ich habe nie normalen Gitarrenunterricht gehabt. Ich könnte keinen Song begleiten. Ich kann nur das, was ich mache.

Konzert bei der Eröffnung des zehnten Wassermusik- Festivals: 21.7., 20.30 Uhr im Haus der Kulturen der Welt. Vorher (19 Uhr) spielt das kolumbianische Quartett Romperayo.

0 Kommentare

Neuester Kommentar