Interview mit dem chinesischen Künstler Ai Weiwei : Eine Schau, von der nichts bleibt

Treffen beim Tee: Der Künstler und Dissident Ai Weiwei über die „Kunst der Aufklärung“ und den offiziellen Kulturaustausch.

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Ein Künstler, der nicht wegläuft. Ai Weiwei beim Joggen in der chinesischen Hauptstadt, im November 2011.
Ein Künstler, der nicht wegläuft. Ai Weiwei beim Joggen in der chinesischen Hauptstadt, im November 2011.Foto: AFP

Es ist das erste Frühlingswochenende in Peking, der böige Nordwind vom Vortag hat den Smog aus der Stadt geblasen. Der Künstler und Dissident Ai Weiwei sitzt mit zwei Freunden und einer Kanne Tee vor der One-Way-Street-Library im Einkaufszentrum Solana in der Sonne. Aus dem Hintergrund fotografiert ihn ein Mann mit Teleobjektiv.

Ai Weiwei, Ihre Verhaftung im letzten Jahr fiel zeitlich mit der Eröffnung der Ausstellung „Kunst der Aufklärung“ zusammen. Sie sind erst nach einiger Zeit der Steuerhinterziehung beschuldigt worden und erst nach mehr als drei Monaten freigekommen. Haben Sie trotzdem Zeit gefunden, die Ausstellung zu besuchen?

Ja, ich war einmal da.

Wie hat die „Kunst der Aufklärung“ Ihnen gefallen?

Die Bilder sind großartig, sehr interessant. Aber ich glaube, dass nicht viele Chinesen von dieser Ausstellung wissen. Es gab kaum Berichte in den chinesischen Zeitungen, kaum Diskussionen.

Die Ausstellung sollte der chinesischen Bevölkerung die Aufklärung näherbringen.

Sie hat in China keine Rolle gespielt. Es ist eine Ausstellung, die keinen Eindruck hinterlassen hat, es gibt kein Wissen über sie. (Der Mann aus dem Hintergrund, vermutlich von der Staatssicherheit, nähert sich und schießt mehrere Fotos aus der Nähe.) Hey, Kamerad, wir wollen das nicht.

Ai Weiwei und seine Kunst
Ai Weiwei ist der bekannteste chinesische Gegenwartskünstler - seine Werke verkaufen sich für Unmengen, in den westlichen Kunstmetropolen wird er wie ein Superstar gefeiert, seine Ausstellungen sind Publikumsmagneten.Weitere Bilder anzeigen
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22.06.2011 16:28Ai Weiwei ist der bekannteste chinesische Gegenwartskünstler - seine Werke verkaufen sich für Unmengen, in den westlichen...

Die deutsche Seite hat versucht, die Ausstellung in Peking mit Dialogen zu begleiten. Es gab Foren, die gemeinsam mit der chinesischen Seite organisiert, und Salons, die von der deutschen Seite veranstaltet worden sind. Beide Veranstaltungsreihen diskutierten über die Bedeutung der Aufklärung.

Die Deutschen haben einige Anstrengungen unternommen, ich habe auch einmal den deutschen Botschafter getroffen. Ich denke, sie wollten noch mehr Aufmerksamkeit für das Thema erreichen. Aber in dieser Gesellschaft gibt es so gut wie keine Diskussion über Themen wie dieses. Deshalb wissen nur sehr wenige Menschen von dieser Ausstellung.

Finden Sie, die Ausstellung war ein Fehlschlag?

Jede Art von offiziellem Kulturaustausch mit westlichen Nationen hat keine große Wirkung. Er wird nie richtig beworben und bekannt gemacht. Er findet nur an der Oberfläche statt, man kann zählen, wie viele sogenannte Kulturaustauschprogramme gemacht worden sind. Aber in einer Gesellschaft, in der es keine freie Diskussion und keine freie Kritik gibt, wird nicht darüber gesprochen. Über alles andere, irgendwelche Produkte zum Beispiel, werden viel mehr Menschen erfahren als von kulturellen Ereignissen dieser Art. Es ist traurig.

War das Konzept falsch, China die Aufklärung näherbringen zu wollen?

Es liegt nicht am Konzept, sondern an der Natur der chinesischen Offiziellen, der Bürokraten. Niemand will die Verantwortung übernehmen, solche Dinge zu bewerben und bekannt zu machen.

Insgesamt haben 450 000 Menschen die Ausstellung gesehen, die Menschen hätten durchschnittlich zwei Stunden verweilt, sagen die deutschen Organisatoren. Also muss das Ereignis doch auch bekannt gewesen sein.

Ich finde nicht. Oder kennt Ihr die Ausstellung über diese, dieses Enlightenment… (Ai Weiwei fragt seine beiden Freunde und sucht nach dem chinesischen Wort für Aufklärung.) Qimeng? (Der Freund schüttelt den Kopf.) Er weiß nichts von der Ausstellung. Er ist der populärste Rock’n’- Roll-Sänger Chinas, er müsste es eigentlich wissen. (Sein zweiter Freund antwortet etwas länger, Ai Weiwei übersetzt.) Oh, er hat es gesehen. Es gab einen deutschen Journalisten, der ihn zu dieser Ausstellung interviewen wollte. Aber der Journalist hat kein Visum für China erhalten. Also haben sie das Interview nicht gemacht.

Ai Weiwei, danke, dass wir Sie stören durften.

Gerne. (Ai Weiwei wendet sich wieder seinem Tee zu. Der Mann im Hintergrund hat sich auch wieder hingesetzt. Er fotografiert weiter.)

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