Kultur : Interview mit dem Regisseur Sebastian Peterson

Als Westler haben Sie sich an einen Stoff getraut

Als Westler haben Sie sich an einen Stoff getraut, der ostdeutscher gar nicht sein könnte. Wann waren Sie eigentlich zum erstenmal in der DDR?

Da war ich 13. Ich bin im Osten von Hamburg aufgewachsen, von da war es weiter bis zur Innenstadt als bis zur DDR-Grenze. Wir sind oft zu Verwandten in den Osten gefahren. Das war jedesmal wie eine Zeitreise: die alten Kopfsteinpflasterstraßen, die Straßenbahnen, die qualmenden Schornsteine - alles ganz anders als zu Hause. Ich fand es sehr spannend. Und als ich ein Faible für ältere Filme bekam, sah die DDR für mich wie eine riesige alte Filmkulisse aus.

"Helden wie wir" war Ihr erster großer Film. Was haben Sie denn vorher gemacht?

21 Kurzfilme, elf davon an der Filmhochschule Babelsberg, an der ich seit 1991 Filmschnitt studiert habe. Dort habe ich übrigens noch viel vom Osten mitbekommen. Während sich die anderen in Ossi- und Wessi-Gruppen aufteilten, habe ich immer überall mitgemacht. Tatsächlich war es eine große Umstellung für mich, eine lange Geschichte im Film zu erzählen. Da muss man schon sehr anders herangehen.

Glauben Sie denn, dass der Film nicht nur ein Ostpublikum interessieren könnte, sondern auch Westler, die wahrscheinlich mit Teddy Thälmann wenig anfangen können?

Da ich selbst den Westblick habe, brauchte ich mich darum nicht sehr zu kümmern. Wichtiger war mir, dass die Sache für Ostler authentisch wirkt. Beim Tonfall und bei der Ausstattung war es mir wichtig, die DDR gut zu treffen. Dabei haben mir die vielen Leute aus dem Osten sehr geholfen, die mitgemacht haben. Ich kannte sie zu einem großen Teil noch aus der Filmhochschule. Und die Schauspieler kommen so gut wie alle aus der DDR.

Was waren die wichtigsten dramaturgischen Eingriffe, um aus der Romanvorlage einen Film zu machen?

Ein Problem war natürlich die Ich-Perspektive des Buches. Wir haben versucht, mit so wenig wie möglich Off-Text auszukommen, indem wir mit der Bildsprache möglichst viel erzählt haben. Außerdem konnte ich mir nie vorstellen, aus Klaus Uhltzschs Unterleib-Story einen ganzen Film zu machen. Die ganze Penis-Geschichte hätte möglicherweise pornografisch gewirkt und die eigentliche Idee zu sehr überschattet. Deshalb haben wir die Liebesgeschichte mit Yvonne zum großen Rahmen gemacht. Im Buch macht die ja nicht mehr als zwei oder drei Seiten aus. Das war keine Forderung von der Produktion oder vom Verleih - mit denen musste ich überhaupt keine beknackten Kompromisse eingehen.

Auch das kitschige Happy-End - nach dem Mauerfall - war keine Forderung der Produktion?

Im Gegenteil: Die Schluss-Szene, als Uhltzsch und Yvonne in Holland über das Tulpenfeld davonlaufen, musste ich mir hart erkämpfen, da so was natürlich die Produktionskosten in die Höhe treibt.

Sie haben große Teile des Films mit grobkörnigem Material gedreht und viele Dokumentarszenen dazwischengeschnitten.

Der Anlass war die Maueröffnungs-Szene. Ich konnte mir nicht vorstellen, mit ein paar Statisten und etwas Sekt diese Atmosphäre nachstellen zu können. Das hat schon in anderen Filmen nicht funktioniert. Deshalb haben wir die alten Aufnahmen genommen und eigene Einstellungen dazwischen geschnitten. Dafür mussten wir natürlich mit dem alten Material filmen. So entstand auch die Idee, die ganze Kindheits-Zeit mit 16-mm- und 8-mm-Material zu filmen. 8 mm sind es dort, wo es um die besonders privaten und intimen Kindheitserinnerungen geht. Wenn man dort genau aufpasst, hört man sogar noch die Kamera surren.Mit dem Regisseur sprach David Ensikat. Übersichtsseite zum 10. Jahrestag des Mauerfalls

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