• Interview mit DHM-Präsident: Raphael Gross: „Auch das 16. Jahrhundert ist aktuell“

"Es ist relevant, an einer aufklärerischen Haltung festzuhalten"

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Interview mit DHM-Präsident : Raphael Gross: „Auch das 16. Jahrhundert ist aktuell“
Demnächst in der Pressefoto-Ausstellung des DHM. Regierungstruppen auf dem Brandenburger Tor, Januar 1919.
Demnächst in der Pressefoto-Ausstellung des DHM. Regierungstruppen auf dem Brandenburger Tor, Januar 1919.Foto: ullstein bild/DHM,dpa

Sie glauben an die Kraft der Aufklärung?

Ja. Aber das ist gar nicht so relevant. Ich würde sagen: Es ist relevant, an einer aufklärerischen Haltung festzuhalten.

Die Dauerausstellung „Deutsche Geschichte in Bildern und Zeugnissen“ gilt als veraltet. Wollen Sie sie erneuern?

Es wird eine komplett neue Ausstellung geben, keine überarbeitete. Dass wird Zeit, Energien und Geld kosten. An die neue Sprache des Hauses werden wir uns in den Wechselausstellungen herantasten. Sie werden uns auch gestalterisch ein Gefühl dafür geben, wie die neue Dauerausstellung aussehen soll.

Gibt es dafür schon einen Zeithorizont?

Zum Glück nicht. Zunächst müssen wir uns die Dimensionen anschauen, wie tief wir in die Sammlung einsteigen müssen. Außerdem wird so ein Großunternehmen nicht unbedingt besser, wenn es schneller geschieht. Auf das Resultat kommt es an. Wobei nicht wichtig ist, ob die Ausstellung zwanzig Jahre stehen wird. Vielleicht lässt sie viel mehr Wechsel zu, vielleicht gibt es modulare Elemente.

Zuletzt wurden die Ausstellungen entweder dafür kritisiert, dass sie zu groß und zu materialreich oder zu klein und speziell seien. Was ist der Königsweg?

Schon Ihre Frage zeigt, dass die Kritik aus vielen Richtungen kommen kann. Einfach den Mittelweg zu wählen wäre kleinmütig. Aber es ist toll, dass die Medienlandschaft immer noch so differenziert ist, dass völlig unterschiedliche Perspektiven entwickelt werden. Das muss ein Anspruch sein: Dass es weiterhin diese Aufmerksamkeit für uns gibt, diese Diskussionen. Wir besitzen eine großartige Sammlung, mit der wir umgehen wollen. Wir sind nicht ein Haus, das sich mit medialen Mitteln Räume schaffen muss, wo dann Themen generiert werden durch digitale Medien, durch Fotografie, Videos und Klangduschen. Stattdessen haben wir unsere Sammlung, Objekte.

Sie mögen keine Überinszenierung?

Die Kunst liegt darin, eine Art von Erklärungen zu geben, die nicht dazu führt, dass der Besucher nur den Text liest und dann vielleicht schon wieder weggeht, das Objekt gar nicht mehr anschaut. Bei der documenta in Athen ist mir aufgefallen, dass dort beinahe gar nichts neben den Kunstwerken steht. Noch nicht mal, wer der Künstler ist. Danach muss man suchen, dann findet man am Boden den Namen des Künstlers. Die Leute von Label zu Label zu schicken, ist zu wenig.

Wie will das DHM mit dem Humboldt-Forum auf der anderen Straßenseite Unter den Linden kooperieren?

Neil MacGregor habe ich bereits getroffen, und ich hoffe, dass ich auch die anderen Gründungsintendanten möglichst bald treffen werde. Kontakte auf Arbeitsebene gibt es schon lange. Das Humboldt-Forum ist kunsthistorisch und außereuropäisch angelegt, wir sind stärker historisch orientiert. Meine Hoffnung ist, dass hier ein Raum entsteht mit einer Verdichtung an Kultur und Wissen, der eine hohe Anziehungskraft entwickeln wird. Über fünfzig Prozent unserer Besucher kommen jetzt schon aus dem Ausland, durch die neue Konstellation werden wir hoffentlich noch attraktiver werden.

Was sind die Pläne für die nächste Zeit?

Ich werde erst einmal lernen müssen, was hier schon alles in der Luft ist und wie das mit den Plänen zusammenpasst, die ich mitbringe. Als ich 2006 aus London nach Frankfurt am Main kam, um Leiter des Jüdischen Museums zu werden, hatte ich mindestens zehn Ausstellungsprojekte im Kopf. Verwirklicht davon habe ich am Ende nur ein einziges, nämlich das über die Bilder von Else Lasker-Schüler. Doch es gibt schon einige feste Planungen für das Haus. Im Juni eröffnen wir eine Ausstellung über Ullstein und das Aufkommen der Pressefotografie, es folgt im Herbst eine Ausstellung zur Oktoberrevolution, 2018 eine über Europa und das Meer. Das ist ein Thema mit großem historischem Horizont, aber auch von aktueller Brisanz.

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