Interview mit Hartmut Rosa : „Wir müssen uns selbst aufklären“

Der Soziologe Hartmut Rosa über Facebook und Familie, Resonanzräume und Entfremdung – und darüber, wie wir im Hamsterrad der Beschleunigung ein gutes Leben führen können.

Angelika Brauer
Eigentlich will ich das ja gar nicht. Rosa erforscht die Wirkung der rasanten technischen Entwicklung.
Eigentlich will ich das ja gar nicht. Rosa erforscht die Wirkung der rasanten technischen Entwicklung.Foto: IMAGO

Herr Rosa, Sie sind als Theoretiker der Beschleunigung bekannt. Ist Ihre Botschaft die Entschleunigung?

Nein, Beschleunigung per se ist nicht das Problem und Entschleunigung nicht die Lösung. Sie ist oft gar nicht wünschenswert, niemand will langsame Achterbahnen oder Internetverbindungen. Die Zeit ist nicht eine zusätzliche Dimension des Lebens, die man isoliert behandeln kann, sondern durch und durch mit der Lebensform verbunden ...

... so dass der Kern Ihrer Kritik nicht der Zeitstress, sondern der Verlust unserer Freiheit und Selbstbestimmung ist.

Ja, man muss genau hinschauen: Wann wird Beschleunigung zum Problem? Meine Diagnose lautet: dort, wo sie zur Entfremdung führt, zum Selbst- und Weltverlust. Zu einer umfassenden Störung im Weltverhältnis der Menschen. Damit knüpfe ich an die ältere Kritische Theorie an, für die Entfremdung ein zentraler Begriff war.

Wie definieren Sie Entfremdung heute?

Als einen Zustand, in dem man das Gefühl hat, dass die Menschen, mit denen man umgeht, und die Dinge, mit denen man es zu tun hat, nicht mehr antworten, so dass man in einer stummen oder sogar feindlichen Welt nur noch kalt kooperiert. Das Gegenteil sind Beziehungen, die ich als Antwort- oder Resonanzverhältnisse beschreibe, weil Menschen das Gefühl haben, wirklich verbunden zu sein – mit der Natur oder mit anderen Menschen. Sie werden berührt von dem, was sie tun. Die Dinge gehen sie etwas an, sie können andere erreichen, die Welt spricht zu ihnen. Mit diesem Resonanzkompass versuche ich, einen neuen Maßstab für Lebensqualität zu gewinnen.

Hartmut Rosa
Hartmut RosaFoto: Friedrich-Schiller-Universität Jena

Welche Erwartungen verbinden Sie damit?

Wir brauchen eine Veränderung unserer Weltbeziehung insgesamt. Nicht eine Revolutionierung des politischen oder ökonomischen Systems, sondern die denkbar umfassendste Revolution.

Ein utopischer Gedanke, solange die Menschen im Hamsterrad der Beschleunigung gefangen sind.

Die Frage ist berechtigt, woher eigentlich die Maßstäbe gelingenden Lebens kommen, wenn Entfremdung eine Diagnose gesellschaftlichen Zustandes ist. Meiner Ansicht nach gehen aber postmarxistische Diagnosen zu weit, die das Subjekt verloren geben. Menschen nehmen ihren Leidenszustand durchaus wahr. Sie versuchen, sich kleine Resonanzhäfen zu schaffen. Meist wird die Familie so vorgestellt – als Ort, an dem Liebe und Verständnis dominieren, eben Antwortbeziehungen. Oder sie sagen: Ich muss jetzt in den Wald. Oder ans Meer. Oder sie gehen ins Konzert oder in Gottesdienste in der Hoffnung, einen Resonanzmoment zu erleben. Die Weltbeziehung als ganze müsste ein Resonanzverhältnis sein.

Unterscheidet Sie das von der Kritischen Theorie à la Adorno und Horkheimer? Die Vertreter der ersten Generation haben sich geweigert, ein positives Bild der Gesellschaft auszumalen.

Und die zeitgenössischen Nachfolger heute kommen gar nicht mehr zu diesem Kerngeschäft, weil sie nur noch um die Frage der Methode kreisen. Sie klären mühselig, was die Bedingungen der Möglichkeit von Kritik sind.

Hat der Rückzug der Intellektuellen nicht auch damit zu tun, dass sie niemanden bevormunden wollen?

Die Paternalismus-Angst, die Sorge, dass wir Intellektuelle den anderen unsere Vorstellungen aufzwingen, ist ein Hauptgrund , warum die Linken in der Tradition der Kritischen Theorie es aufgegeben haben, über das gelingende Leben nachzudenken. Aber dann setzt sich ein zweiter Paternalismus durch, der des Marktes. Seine Strukturen bestimmen, was wir tun, sogar das, was wir wollen. Das kann ich im Selbstversuch leicht feststellen.

Sie beziehen sich selbst ein?

Selbstverständlich. Auf der einen Seite der aufgeklärte Intellektuelle, der weiß, was das Richtige ist – auf der anderen die unmündigen Massen, die das Falsche tun? Das wäre keine fruchtbare Form wissenschaftlicher Arbeit. Und eine Selbsttäuschung. Es ist viel sinnvoller zu sagen: Guckt mal, was wir da tun. Was da mit uns passiert. Ich beobachte mich auch selber: Was passiert, wenn ich bei Facebook bin? Woher kommt das Bedürfnis, immer mal wieder zu checken, wie mein Amazon- Ranking aussieht? Warum habe ich den Drang, immer wieder ein einfaches Computerspiel zu spielen? Ich tue das aus freien Stücken, werde dabei aber auch fremdbestimmt, so dass ich das Gefühl habe: Eigentlich will ich das gar nicht! Ich stelle also fest, dass mich Strukturen, Techniken, Interaktionskontexte und der Markt mit seiner Steigerungslogik zu bestimmten Handlungsweisen zwingen. Was kann man dagegen tun? Meine Idee ist, dass man eine dritte Form von Paternalismus braucht, den ich als demokratisch deliberativen Autopaternalismus beschreibe.

Sie meinen, dass wir uns verständigen, wie wir leben wollen?

Ja, so dass wir uns selber in einer Art Aufklärungsprozess dazu bringen, bestimmte Dinge zu tun oder zu lassen, wenn sie nicht gut sind für uns. Die Erfahrung, dass die Technik sich verselbstständigt, wird von fast allen Menschen geteilt. In der Regel lassen wir uns auf neue Technologien ein mit der Überzeugung, wir hätten nun eine weitere Option. Und dann stellen wir fest, dass sie eine Eigenlogik entwickeln. Sie bestimmen unsere Rhythmen, sie wirken sich auf unsere sozialen Praktiken aus und erstaunlicherweise auch auf die Libido. Sie erzeugen Lust. Und den Zwang, Dinge zu tun oder nicht zu tun. Woher kommt das Verlangen, bei Facebook Resonanzen zu spüren, dass die Welt uns antwortet? Dass wir Gefällt-mir-Klicks sammeln oder Kommentare auf unsere Postings oder mehr Follower bei Twitter?

Wird das Internet folglich zum Retter, weil es den kollektiven Verständigungsprozess ermöglicht?

Das Internet ist ein großartiges Resonanzinstrument, das sich gut eignet, um Wutbürger auf die Straße zu bringen, Empörungswellen auszulösen und starke kollektive Emotionen freizusetzen. Aber es bleibt episodisch, ist ein Medium der Fragmentarisierung, das sich nicht dazu eignet, das Ganze systematisch zu durchdenken. Das Zeitalter des einsamen Denkens und Nachdenkens ist noch nicht vorbei.

Sie haben viel Zutrauen und Zuversicht.

Jedenfalls müssen wir nicht alles den Marktgesetzen überlassen. Wir können über gelingendes Leben nachdenken und dabei zu dem Ergebnis kommen, dass wir gewisse Praktiken limitieren möchten. So könnte es zum Beispiel einen Gewinn an Lebensqualität bedeuten, wenn sonntags die Läden geschlossen sind. Auch da hört man ja den Standardsatz: Jeder kann für sich entscheiden, ob er sonntags einkaufen geht oder nicht. Aber es fühlt sich einfach anders an, wenn die Geschäfte tagtäglich pausenlos geöffnet sind. Wir sollten uns verständigen, wie wir leben und die Gesellschaft einrichten wollen, statt dem schleichendem Paternalismus, der sich hinter unserem Rücken etabliert, Tür und Tor zu öffnen.

Das Gespräch führte Angelika Brauer.

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