Interview mit John Carter Cash : „Ich trage noch sein Hemd“

Liebe, Hingabe, Drogen: Ein Gespräch mit John Carter Cash über seinen Vater Johnny Cash und das posthume Album „Out Among The Stars“. Es enthält zwölf unveröffentlichte Songs.

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Im Rampenlicht. John Carter Cash auf dem Arm seines Vaters Johnny Cash. Foto: Jim Marshall Photography
Im Rampenlicht. John Carter Cash auf dem Arm seines Vaters Johnny Cash.Foto: Jim Marshall Photography

Der Sohn des Man in Black trägt schwarz. John Carter Cash ist das einzige Kind von Johnny und June Carter Cash, der „First Family of Country“, er arbeitet als Musiker und Produzent. Der 44-jährige Südstaaten-Hüne mit dem Country-mäßigen Vollbart ist zu Besuch in Berlin und stellt „Out Among The Stars“ vor, ein Album, das zwölf bislang unveröffentlichte Songs seines berühmten Vaters enthält. Von Johnny Cash (1932–2003) spricht er mit großer Wärme und dem Furor eines Erweckungspredigers.

Mr. Cash, sind Sie ein leidenschaftlicher Sammler?

Am liebsten sammele ich Erinnerungen. Ich habe drei Kinder, ich verbringe so viel Zeit wie möglich mit den Menschen, die ich liebe. Das genügt mir. Aber meine Eltern waren definitiv große Sammler, die konnten sich auch von Dingen schlecht trennen.

Ein Glück. Sonst wären die lange verschollenen Aufnahmen Ihres Vaters zum Album „Out Among The Stars“ womöglich nie wieder aufgetaucht. Wo haben Sie die Bänder gefunden?

Meine Eltern hatten ein Archiv, in dem sie alles Mögliche aufbewahrten. Von alten Aufnahmen der „Johnny Cash Show“ bis zum Kamelsattel, den der Prinz von Saudi-Arabien ihnen geschenkt hat. Große Schätze. Hunderte von Bändern lagerten dort, darunter die Johnny-Cash- Bootlegs. Und eben die „Out Among The Stars“-Tapes von 1981 und 1984, die ich vor zwei Jahren entdeckt habe.

Die 80er gelten als schwierige Zeit im Leben Ihres Vaters, privat und beruflich. Was war das Problem?

Vor allem zwischen 1980 und 1983 hatte er stark mit Drogenproblemen zu kämpfen. Er war abhängig von Schmerzmitteln. Eine dunkle Zeit, er wirkte sehr verloren damals. Ende 1983 begab er sich auf Entzug in die Betty-Ford-Klinik in Kalifornien. Während des Aufenthalts dort krempelte er sein Leben um und schrieb den Song „I Came To Believe“, den Sie jetzt auf der Platte hören.

John Carter Cash. Foto: David McClister
John Carter Cash.Foto: David McClister

Hatte er den Glauben verloren?

Nein, aber wenn jemand drogenabhängig ist, vernebelt sich sein Blick auf die Wahrheit. In der Sucht kreist man nur um sich selbst. 1984, als mein Vater den Großteil von „Out Among The Stars“ aufnahm – 1981 sind zwei Songs entstanden, 1984 zehn – war er klar, voller Hingabe und Energie. Er war so verliebt wie seit Jahren nicht in seine Frau, verbrachte viel Zeit mit ihr. Daran erinnern sich viele nur nicht, weil er damals keine Hits hatte und die Schlagzeilen negativ waren.

Es sind auch zwei Duette von Johnny und June Carter Cash auf der Platte. Konnten Ihre Eltern harmonisch zusammenarbeiten, auch wenn sie sich privat die Köpfe einschlugen?

Einige Male hat meine Mutter die Koffer gepackt, weil sie es nicht mehr bei ihm ausgehielt. Aber nicht oft. In all den Jahren hat sie deshalb vielleicht drei Shows verpasst. Klar, meine Eltern waren keine Engel, sondern menschliche Wesen. Aber die Liebe, die sie füreinander hatten, war stärker als die Dunkelheit.

Warum wurde Ihr Vater in den 80ern von seinem Label Columbia Records fallengelassen?

Die waren einfach nicht sehr cool. Ich bin überzeugt davon, sie hätten damals große Hits von Johnny Cash haben können. Kürzlich habe ich mit Verantwortlichen von Columbia gesprochen und gesagt, eure Vorgänger haben ein paar schlechte Entscheidungen getroffen. Sie haben mir zugestimmt. Von heute aus betrachtet sagt sich das natürlich leicht. Heute ist mein Vater eine Ikone der amerikanischen Musikgeschichte.

Im Rampenlicht. John Carter Cash auf dem Arm seines Vaters Johnny Cash. Foto: Jim Marshall Photography
Im Rampenlicht. John Carter Cash auf dem Arm seines Vaters Johnny Cash.Foto: Jim Marshall Photography

Wie war das Verhältnis zwischen Ihnen und Johnny damals?

In den 80ern? Enger als jemals zuvor. Wir sind Fischen gegangen, zusammen von Stadt zu Stadt gereist. Auch nach Berlin übrigens, wir waren mindestens einmal pro Jahr in Deutschland. Er war mein bester Freund. Die Songs auf „Out Among The Stars“ bringen die Erinnerung an ihn zurück. Ich kann wieder mit meinem Freund zusammen sein.

Konnten Sie zwischen der öffentlichen Figur und dem Vater trennen?

Mein Dad pflegte zu sagen: es gibt Johnny Cash, und es gibt J.R. (sein Geburtsname, d. Red). Und manchmal kämpften die beiden miteinander. Manchmal fühlte es sich an, als ob ich mit dem Mann auf der Bühne reden würde. Aber er fand immer dahin zurück, ein zärtlicher Vater zu sein. Güte war seine Natur.

Was haben Sie an ihm bewundert?

Seine Beharrlichkeit. Sein Durchhaltevermögen. Nehmen Sie die „American Recordings“. Nicht nur hat er die Aufnahmen durchgestanden, obwohl er bereits von schwerer Krankheit gezeichnet war. Er hat das schönste Werk seines ganzen Lebens geschaffen. Das ist Hingabe. Der gleiche Spirit, mit dem George Washington den Delaware durchquert hat.

Haben Sie ihm nie Vorwürfe gemacht, als Sie selber drogensüchtig wurden?

Doch. Es gab Zeiten, in denen wir uns voller Wut gegenüberstanden. Besonders, als ich 23 war und mit meinen eigenen Dämonen zu ringen hatte. Aber das war auch die Raserei des Heranwachsens. Mein Dad war nicht verantwortlich für meine Schmerzen.

Sie haben über Ihren Vater das „House Of Cash“ veröffentlicht, das viele persönliche Aufzeichnungen und Fotos enthält. Warum geben Sie das preis?

Um den Menschen den Mann nahe zu bringen, den ich als Vater kannte. Wissen Sie, als meine Mutter starb, gab mein Vater auf der Beerdigung das Mikrofon frei. Ich sagte, bist du verrückt? Er entgegnete nur, er wolle, dass jeder über sie sprechen könne. Die Beerdigung dauerte und dauerte, Fans kamen nach vorn. Das war Dads Wunsch. Sie hat ihr Leben als offenes Buch gelebt. Er auch. Das will ich weitertragen.

Sie sind selbst ein mehrfach Grammy-prämierter Musiker und Produzent. Grämt es Sie nie, im Schatten des berühmten Vaters zu stehen?

Ich muss mich in meiner eigenen Haut wohlfühlen. Und ich muss andere Dinge tun, als das Erbe von Johnny Cash zu wahren. Ich brauche eine Balance. Es gab Zeiten in meinem Erwachsenenleben, in denen ich mit meiner Identität gerungen habe, nicht wusste, wer ich bin. Aber wenn ich es nicht herausgefunden hätte, würde ich jetzt nicht hier sitzen und über meinen Vater reden.

Was ist das wertvollste Erinnerungsstück an ihn, das Sie besitzen?

Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Mein Vater hatte einen gebrauchten Range Rover. Der ging nach seinem Tod in den Besitz von jemand anders über, aber ich habe ihn aufgetrieben und zurückgekauft. Den halte ich in Ehren. Natürlich gibt es noch andere Sachen. Seine Bücher. Seine Hemden. Ich trage eins davon! Es riecht immer noch nach ihm.

„Out Among the Stars“ ist bei Columbia/Sony Records erschienen. Das Interview führte Patrick Wildermann.

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