Interview mit Maria Schrader : „Spielen ist etwas sehr Intimes“

In ihrem neuen Film "Vergiss mein Ich" spielt Maria Schrader eine Frau, die ihr Gedächtnis verloren hat. Im Interview spricht sie über Rollen, Identität, Erinnerung – und das heikle Gefühl bei Sexszenen.

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Maria Schrader in Jan Schomburgs „Vergiss mein Ich“.
Maria Schrader in Jan Schomburgs „Vergiss mein Ich“.Foto: dpa

Frau Schrader, Ihre Figur Lena betritt nach einem Gedächtnisverlust ihr altes Leben wie eine Neugeborene. Was war die größte Herausforderung?
Lena hat mit ihrem Gedächtnis auch die dazugehörigen Gefühle verloren. Sie erkennt sich selbst nicht mehr auf Fotos, sie kann den Gesichtsausdruck anderer Menschen nicht mehr lesen, das ganze komplizierte gesellschaftliche Benimm-System ist ihr abhanden gekommen. Man kann sich so einen Zustand schwer vorstellen, und deswegen ist sie als Hauptfigur in einem Film per se eine Herausforderung, auch ans Publikum. Wie viel leichter fühlt man mit jemandem, der verliebt ist, Verlust erleidet oder die Welt retten muss! Lena hat zwar auch jemanden verloren, sich selbst, aber nur die anderen empfinden darüber Trauer. Sie selbst ist in dem Zustand, den die Mediziner „die schöne Gleichgültigkeit“ nennen. Anwesend und unerreichbar.

Wie spielt man jemanden, dem dieses Instrumentarium verloren gegangen ist?
Theoretisch hat sie es ja noch, sie muss es nur wieder entdecken. Ich hatte von einem Mann gelesen, der seine Amnesie so beschrieb, als würde binnen Minuten ein Staubsauger die Wörter und Begriffe aus seinem Gehirn saugen. Er sah den Arzt vor sich stehen, und als er „Doktor“ sagen wollte, war das Wort nicht mehr da. Damit konnte ich etwas anfangen.

Hat es mit sich Fallenlassen zu tun?
Wahrscheinlich, und auch mit einer Verschiebung der Wahrnehmung. Für Lena ist nichts mehr selbstverständlich, darin liegt auch die Chance ihrer Situation. Der Film konzentriert sich ja weniger auf den Krankheitsfall als auf die Frage: Was ist Identität? Kann man das Ich rekonstruieren oder neu konstruieren oder vielleicht sogar abschaffen? Lena entdeckt ihre alten Tagebücher, die sie staunend durchforscht, sie verkleidet sich, entwickelt einen Geschmack, der ihren Mann befremdet und sucht nach einem Echo in sich selbst, nach echten Erlebnissen. Das ist mit der Schauspielerei schon vergleichbar. Aber die bleibt ein Spiel, eine Verabredung zwischen den Menschen auf der Leinwand und denen im Publikum – vergessen zu wollen, dass gespielt wird. Bei Lena geht es noch weiter: Ich spiele eine Figur, die versucht, etwas zu spielen.

Zum Beispiel, wenn Lena nachspielt, was sie in einem Mafiakrimi gesehen hat ...
Ja. Sie sucht nach Emotionen und imitiert sie. Sie liest in ihren Aufzeichnungen, dass sie sich nach dem Gucken dieses Films mit ihrem Mann gestritten hat, also schaut sie ihn an und spielt ihn nach. Einfach um zu sehen, was passiert, mit ihm, mit ihr ... Toll, dass Jan Schomburg dafür einen Film gewählt hat, der ziemlich seltsam und exaltiert gespielt ist. Lena nimmt das alles für bare Münze, wie ein Kind. Ironische Distanz ist ja Kommunikation für Fortgeschrittene.

Die kurze Liebesgeschichte zwischen Lena und Roman wird sehr freizügig inszeniert, auf eine erwachsene und angenehme Art.
Lena entdeckt die Lust. Und wir stellen das nicht sehr verschämt dar. Lena will unbedingt einen Penis sehen, und sie bekommt ihn zu sehen. Sie betrachtet ihn aber so genau, dass es eigentlich komisch ist. Lena hat die Erinnerung an Sex vergessen und wird dann doch von körperlicher Lust ein bisschen überwältigt. Insofern ist die nackte Haut in „Vergiss mein Ich“ ein erzählerisches Moment und nicht bloße Deko. Ich finde Nacktsein im Film nicht unbedingt intimer als das Spielen generell. Nacktszenen waren öfter ein Thema in meiner Arbeit. „Stille Nacht“ und auch „Liebesleben“ waren FSK-16- Filme wegen der Freizügigkeit.
Weiß man als Schauspielerin immer, wie solche Szenen später wirken?
Nein. Selbst wenn man die Einstellungen sieht und alles offen am Set kommuniziert, kann man nicht wissen, welchen Stellenwert, welchen Geschmack sie später im Film haben werden. Zum Beispiel bei „Blau ist eine warme Farbe“ – ein toller Film, aber die sehr langen Sexszenen kamen mir vor, als wollte der Regisseur mal Pause einlegen und vornehmlich dem männlichen voyeuristischen Blick entgegenkommen.

Wie schafft man es überhaupt, fremden Kollegen schnell und professionell körperlich nahe zu kommen?
Privat sucht man sich aus, wen man küsst, im Film nicht. Bei einer intimen Szene kann man sich sehr nahe kommen, man kann sich sogar verlieben, zumindest für den Moment, aber genauso kann das Gegenteil passieren. Das ist dann nicht sehr angenehm. Aber letztendlich entspricht es dem Gefühl, angezogen eine Szene zu spielen, bei der man nicht zueinander durchdringt. Eine intime Szene schlecht zu spielen ist nicht schlimmer, als einen Dialog schlecht zu spielen.

Lena ist Genderforscherin und malt sich einmal einen Schnurrbart – wie bewusst ist das Spiel mit männlichen und weiblichen Konventionen?
Bestimmt bewusst, vielleicht auch augenzwinkernd. Schon die gesunde Lena hat sich mit den Fragen beschäftigt, die später für sie existenziell werden: Gibt es naturgegebene Eigenschaften, was sind gesellschaftliche Zuschreibungen und wie gelangt man zu individueller Freiheit? Es wäre schön, wenn die Kategorien Frau und Mann, authentisch und unglaubhaft, gut gespielt und schlecht für die Länge des Films, nicht so relevant wären.

Oft heißt es, Schauspieler blieben auch nach Drehschluss in ihrer Rolle. Gibt es dieses Phänomen tatsächlich?
Ich mag Sätze wie „Die Rolle hat Besitz von mir ergriffen“ nicht besonders. Ich kenne es nicht, aus gespielten emotionalen Zuständen nicht mehr rauszukommen. Manchmal gibt es eine Art Nachbeben – Denkanstöße, die man durch die Arbeit gewinnt. Dennoch: Ich spiele Dinge im Kopf, zum Beispiel wenn ich schreibe. Dann erlebe ich vor dem Computer, was ich mir vorstelle, fange auch manchmal an zu weinen. Das ist aber ein aktiver Vorgang.

Können Schauspieler besonders gut lügen, weil sie wissen, wie man den Körper und die Körpersprache kontrolliert?
Darüber denke ich nicht viel so nach. Auf der Bühne würde ich es nicht Lügen nennen. Im Leben lüge ich ungern. Es gelingt mir deswegen auch meist nicht so gut.

Das Gespräch führte Jenni Zylka.

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