Interview mit Monika Grütters : „Die Hauptstadt muss auch dienen“

Seit Dezember ist Monika Grütters Kulturstaatsministerin. Im Tagesspiegel-Interview spricht sie über Berliner Baustellen und Barrieren – und ihre ersten Monate im Kanzleramt.

Vielfalt ist ein kultureller Schatz. Monika Grütters auf ihrer Dachterasse im Kanzleramt.
Vielfalt ist ein kultureller Schatz. Monika Grütters auf ihrer Dachterasse im Kanzleramt.Foto: Mike Wolff

Frau Grütters, Sie sind bald 100 Tage im Amt. Ihr hohes Starttempo legt nahe, dass an dieser Stelle in den letzten Jahren wenig passiert ist. Stimmt das?

Das ist eine Frage der Akzentverschiebung. Mir brennt die Provenienzforschung unter den Nägeln, nicht nur bedingt durch den Fall Gurlitt. Wir müssen mehr tun als bisher. Ich möchte außerdem einige Themen anstoßen, vor allem über das Humboldt-Forum müssen wir reden, um wegzukommen von der Polemik, dass es doch nur ein besseres Völkerkundemuseum geben wird. Wir brauchen vielmehr eine Vision. Und dann ist die Frage der Museumslandschaft akut.

Das Land Berlin erweckt den Eindruck, als herrsche hier ein kulturpolitisches Vakuum, zumal der neue Staatssekretär Tim Renner erst Ende April die Amtsgeschäfte übernimmt. Machen Sie die Berliner Landespolitik jetzt auch noch mit?

Berlin ist für seine Kultur zunächst einmal selbst verantwortlich. Aber Kulturpolitik in und für Berlin ist häufig auch Bundeskulturpolitik, weil hier die Potenziale und Spannungen sichtbarer und konzentrierter sind als in anderen Bundesländern. Berlin ist eben kein konkurrierendes Bundesland wie jedes andere, sondern in der Hauptstadt spiegelt sich deutsche Geschichte. Ich versuche den Bundesländern klarzumachen, dass sie als allererste von einer Kulturblüte ihrer Hauptstadt profitieren, und umgekehrt den Berlinern, dass Hauptstadtsein auch eine dienende Funktion ist.

Es geht voran - Die Sanierung der Staatsoper in Berlin
Ab demnächst gibt es für Leute mit Staatsoperentzug Baustellenbegehungen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 63Foto: Mike Wolff
04.04.2014 17:37Ab demnächst gibt es für Leute mit Staatsoperentzug Baustellenbegehungen.

Können Sie als Staatsministerin überhaupt konkret eingreifen, zum Beispiel beim Kulturforum?

Statt ein Ort der Begegnung zu sein, ist das Kulturforum eine urbane Ödnis an einem der sensibelsten Gelenke der Stadt. Seit vierzig Jahren redet Berlin darüber als Stadtentwicklungsprojekt, ohne dass etwas passiert. Man kapituliert immer wieder vor der Größe der Aufgabe. Aber wenn sich dort der Bund tatsächlich engagiert, muss auch das Land mitziehen, das wäre echte Hauptstadtpolitik. Deshalb wünsche ich mir, dass die Kunst des 20. Jahrhunderts, des großen Berliner Jahrhunderts, angemessen zur Geltung kommt. Zum Beispiel müsste man nach privater Unterstützung Ausschau halten oder fragen, ob auch Public-Private-Partnerships vorstellbar wären.

Warum ist es so absurd schwierig in Berlin, die Partner zusammenzubringen? Haben wir in der Hauptstadt die falschen Strukturen für die großen Aufgaben?

Ja, vielleicht sind die schwerfälligen Strukturen schuld daran, dass sich ein Muster immer wiederholt: Immer wenn sich die Verantwortlichen zu einer anderen Platzgestaltung hätten durchringen müssen, wurde das Projekt wieder in die Zukunft verschoben. Es gibt zwei zentrale Orte für eine echte Berlin-Vision: das Humboldtforum und das Kulturforum. Deshalb hat der Bund auch ein Interesse, Debatten anzustoßen über eine Art Gemäldegalerie des 20. Jahrhunderts. Es ist schließlich ein Unterschied, ob wir über Kosten in Höhe von 130 an dem einen oder 180 Millionen Euro an dem anderen Standort am Kulturforum reden. In Zeiten der Schuldenbremse muss das alles sehr gut begründet sein. Da der Bund das im Zweifel nicht allein realisieren könnte, hoffe ich auf bürgerschaftliches Engagement, aber auch, dass das Land Berlin sich endlich engagiert.

Neue Nationalgalerie
Die Stahl-Glas-Konstruktion ist ein lichtdurchfluteter, im Innern stützenloser Hallenbau.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Doris Spiekermann-Klaas
18.11.2013 18:06Die Stahl-Glas-Konstruktion ist ein lichtdurchfluteter, im Innern stützenloser Hallenbau.

Ihr Vorgänger Bernd Neumann war auf diesem Terrain sehr vorsichtig und hat erst einmal eine Studie in Auftrag gegeben, um Zeit zu gewinnen.

Die Studie hat die verschiedenen Varianten ganz seriös untersucht, das ist eine gute Diskussionsgrundlage für mögliche Neubauten. Denn die Sammlungen dürfen Deutschland nicht verloren gehen. Außerdem kann die Nationalgalerie ihre eigenen Bestände ja heute schon nur zu 20 Prozent ausstellen. Das ist unverantwortlich. Noch einmal: Wir reden vom großen Berliner Jahrhundert, von den Künstlern der Brücke bis Beuys, von Heisig bis Richter. Auf Zeit zu spielen ist jetzt nicht die richtige Strategie.

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