Interview mit Ono Ludwig : „Digibilder sind mir zu willkürlich“

Der Fotokünstler Ono Ludwig erzeugt mit der Camera obscura betont verwaschene Bilder. Warum? Weil unscharfe Selbstporträts für ihn besonders stimmig sind. Ein Gespräch zum Monat der Fotografie.

Der Künstler als seine Mutter. In manchen Bildern der Serie „Multiple I“ verschachtelt der Berliner Ono Ludwig mehrere Identitäten. So schlüpft er hier unter dem Titel „My Mother, Glamourgirl“ nicht nur in die Rolle seiner Erzeugerin, sondern lässt sie auch nur eine bestimmte Facette ihrer Persönlichkeit zeigen – in diesem Fall der Vamp. Andere Facetten der Mutter im Künstler: Foto: Ono LudwigAlle Bilder anzeigen
Foto: Ono Ludwig
18.10.2012 16:16Der Künstler als seine Mutter. In manchen Bildern der Serie „Multiple I“ verschachtelt der Berliner Ono Ludwig mehrere...

Herr Ludwig, warum haben Sie Ihre Serie „Multiple I“ genannt?
Weil sie multiple Facetten meiner Persönlichkeit zeigt. Alle Fotos haben letztlich mit mir zu tun, auch wenn man mich auf den Fotos nicht erkennt. Das Bild „Migräne“ zum Beispiel zeigt eine vor Schmerz gekrümmte Person. Das bin ich selbst, und ich bin auch all die anderen, als die ich mich inszeniere, seien es Mister Pongo oder meine Mutter.

Wer ist Mister Pongo?
Der Hund aus dem Film „101 Dalmatiner“, der von allen geliebt wurde, von seiner Gefährtin, von seinen Besitzern, einfach von allen. Deshalb habe ich als Mister Pongo diese schwarzen Punkte im Gesicht. Aber natürlich haben Flecken im Gesicht immer auch mit Krankheit zu tun.

Wie entstehen die Fotos?
Ich fotografiere mit einer Camera obscura, ein ganz simples Prinzip. Bei diesen Kameras gibt keine Linse, sondern nur ein Loch mit Klappe davor, durch das Licht auf den Film im Innern fällt. Zwei dieser Kameras habe ich selbst gebaut, aus Pappschachteln. Diese simplen Kameras haben eine sehr lange Belichtungszeit, zwischen zehn Sekunden und einer Minute. Ich habe also genug Zeit, mich in Position zu bringen und dann die Klappe der Kamera zu öffnen beziehungsweise auf den Auslöser zu drücken. Mein Problem war nur: Wie halte ich so lange still? Ich musste dran denken, wie Leute in der Anfangszeit des Fotografierens regelrecht fixiert wurden, an Stangen mit halbrunden Stützen hinter Hüfte und Hals.

Wie haben Sie dieses Problem gelöst?
Gar nicht, ich habe irgendwann gemerkt, dass es eher ein Gewinn als ein Problem ist. Denn die Aufnahmen bekommen eine gewisse Unschärfe, und die ist stimmig, wenn es um Selbstporträts geht. Denn das Bild, das man von sich hat, die Erinnerungen, aus denen es sich zusammensetzt – auch die sind nie völlig scharf oder genau, eher verwischt und verschleiert.

Wäre es denkbar, die gleichen Bilder in Farbe aufzunehmen?
Nein, für mich nicht. Rein technisch hätte ich die Aufnahmen auch mit einem Farbfilm machen können, das geht mit einer Camera obscura. Aber in Farbe hätten sie nicht diese Aura des Depressiven, des Eleganten und auch Zeitlosen.

Apropos zeitlos: Warum überhaupt eine Camera obscura?
Weil sie spannender ist als die schnellen digitalen Medien: Man sieht nicht sofort, ob ein Bild was taugt. Man muss es entwickeln und entdeckt eigentlich erst auf dem Kontaktbogen, ob ein Bild Potenzial hat oder nicht. Man fotografiert dadurch ganz anders. Mir ist das zu willkürlich, wenn jemand tausend Digibilder macht und alle löscht bis auf das eine, das toll ist.

Sie porträtieren sich selbst, indem Sie in die Haut anderer schlüpfen. Wonach wählen Sie diese Rollen aus?
Das ist schwer zu sagen, oft passiert das rein intuitiv. Wenn ich im Kino sitze zum Beispiel und den Hund auf der Leinwand beneide, der so geliebt wird.

Und Ihr Selbstporträt als „My Mother“?
Auslöser dafür war der Tod von Amy Winehouse. Drogen, Alkohol, ein früher Tod – all das hat mich an meine Mutter erinnert. Sie ist nicht früh gestorben, manchmal hätte ich ihr das gewünscht, aber sie war, wenn ich mir alte Fotos aus den sechziger Jahren ansehe, eine schöne junge Frau. Und sie war Alkoholikerin und Prostituierte. Ich habe oft gedacht, was aus ihr hätte werden können, wenn sie nicht diesen sadistischen Mann, meinen Stiefvater, geheiratet hätte. Letztlich ist das Foto ein Versuch, meine Mutter zu verstehen, ihr nicht vorzuwerfen, dass sie mir diesen Mann zugemutet hat.

Was sagt Ihre Mutter zu diesem Bild?
Das weiß ich nicht, sie ist inzwischen tot. Und ich hätte sie auch nicht gefragt – ich hatte wenig Kontakt zu ihr. Mit neun bin ich in ein Heim gekommen und danach zu einer Pflegefamilie.

Der Titel „Multiple I“ könnte sich auch auf das Krankheitsbild der multiplen Persönlichkeitsstörung beziehen.
Ja, das ist beabsichtigt. Ich habe vor Ewigkeiten mal das Buch einer jungen Frau gelesen, bei der eine multiple Persönlichkeitsstörung diagnostiziert worden war, da habe ich vieles wiedererkannt. Und als ich die Serie mit den Selbstporträts zusammengestellt habe, dachte ich, das ist ein passender Titel.

Assoziiert man diese Störung nicht eher mit Frauen als mit Männern?
Ist das so? Wenn, spielt es für mich auch keine Rolle. Ich habe fast zehn Jahre als Frau gelebt, von 16 bis 25, einfach weil ich dachte, als Frau würde ich mehr geliebt oder wäre zumindest weniger geschlagen worden. Aber natürlich ist das nicht so, und heute bin ich froh, dass ich mich nie habe operieren lassen.

Haben Sie Angst vor dem Vorwurf, exhibitionistisch zu sein?
Nein. Die Fotos zeigen einfach meine Wahrheit, aber sie funktionieren auch, wenn man mich nicht kennt, und das sollte Kunst ja auch, unabhängig sein von dem, der sie macht.

Das Gespräch führte Dorothee Robrecht. Die Bilder werden in der Galerie Pflüger 68 in der Pflügerstraße 68 ausgestellt. Vernissage: 19.10., 19 Uhr; Ausstellung bis 30.11., Mo-Fr 10-18 Uhr

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