Interview mit Pepe Danquart : „Die Kraft, das Glück zu fordern“

Mit "Lauf Junge lauf" betritt der deutsche Regisseur und Oscar-Preisträger Pepe Danquart Neuland. Im Interview spricht er über seinen kindlichen Helden – und den Kampf gegen Kitsch und Klischees.

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Der deutsche Regisseur und Oscar-Preisträger Pepe Danquart mit den beiden Hauptdarstellern Kamil Tkacz (l) und Andrzej Tkacz bei der Premiere seines Films "Lauf Junge lauf". Foto: dpa
Der deutsche Regisseur und Oscar-Preisträger Pepe Danquart mit den beiden Hauptdarstellern Kamil Tkacz (l) und Andrzej Tkacz bei...Foto: dpa

„Der Junge im gestreiften Pyjama“, „Lore“ oder „Die Bücherdiebin“ – zahlreiche Filme und Bücher widmen sich den Themen des Nationalsozialismus und Holocaust aus der Kinderperspektive. Worin besteht für Sie der besondere Zugang?
Das Buch von Uri Orlev, der die Überlebensgeschichte von Yoram Fridman aufgeschrieben hat, ist eine bewegende und fesselnde Huck-Finn-Story vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges. Auch wenn ich glaubte, alles über diesen Abschnitt der Geschichte zu wissen, war diese Perspektive für mich neu. Durch die Augen des Jungen wird diese Zeit aus einem ganz anderen Blickwinkel erzählt.

Sie haben dafür auch offenkundig eine besondere visuelle Entsprechung gesucht.
Als Kind nimmt man die Dinge oft größer wahr, als sie in Wirklichkeit sind. Ein Sandhaufen kommt einem wie ein Berg vor. Unterhosen, die auf der Leine hängen, sehen aus wie große Fahnen. Solche Wahrnehmungen haben wir in die Bildgestaltung aufgenommen. Auch den Wald erfassen wir aus der Perspektive des Kindes – als Bedrohung, aber auch mit der Geborgenheit, die er dem Jungen über Monate und Jahre bietet. Wir arbeiten viel mit totalen Totalen, die den verschwindend kleinen Menschen in der ihn umarmenden Unendlichkeit der Landschaft zeigt. Auf der Leinwand ist es ein großes Bild, wenn der Junge fast eine Minute braucht, um durch das ganze Panorama zu laufen.

Eine mögliche Moral des Films: Haben Kinder einen stärkeren Überlebenswillen als Erwachsene?
Das würde ich nicht generalisieren wollen. Mag sein, dass der Wunsch zu leben am Anfang stärker ausgeprägt ist, während man mit fünfzig oder sechzig Jahren eher resignativ einlenkt. Yoram Fridman hat mir erzählt, dass damals in diesem Wald mehr als tausend Kinder Zuflucht gesucht haben und er nur von zwei anderen weiß, die überlebt haben. Yoram war ein hochintelligenter Junge mit einem starken Willen. Das Vertrauen auf die eigene Kraft prägt ihn heute noch. Sicherlich steckt die Traumatisierung noch immer in ihm, aber diese Kindheit hat ihn auch stark gemacht. Er ist auch später oft mit dem Glück davongekommen, aber er hatte auch immer die Kraft, dieses Glück einzufordern.

Wie fand Friedman es, dass ausgerechnet ein Deutscher seine Geschichte verfilmt?
Das war auch eine meiner ersten Fragen an ihn. Er sagte mir, dass ich einer Generation angehöre, die zehn Jahre nach dem Krieg geboren ist, und er nicht pauschalisieren wolle. Andererseits sei es ihm eine Genugtuung, dass die, die ihm so viel Leid angetan haben, ihm am Ende seines Lebens einen Film widmen. Den Deutschen traue er einen besseren Film als den Amerikanern zu. Seine größte Angst war, dass seine Lebensgeschichte verkitscht wird.

Für ein Kind in dieser Situation ist die wichtigste Frage, wem es vertrauen kann und wem nicht. Wie haben Sie diese Vertrauensfrage im Film aufgelöst?
Durch Versuch und Irrtum erwirbt sich der Junge langsam eine gewisse Menschenkenntnis. Eine Polin beschützt den fremden Jungen und setzt dabei ihre Existenz aufs Spiel, andere würden ihn für eine Flasche Wodka an die Nazis ausliefern. Die Frage „Wie hätte ich gehandelt?“ ist in unserem Film sehr evident.

Die Diskussion über die Fernsehserie „Unsere Mütter, unsere Väter“ hat deutlich gezeigt, dass in Polen genau beobachtet wird, wie sich deutsche Filmemacher zu dem Thema äußern. Ihr Film wurde in Polen sehr positiv aufgenommen.
Wenn in „Unsere Mütter, unsere Väter“ sogar die Partisanen zu Antisemiten stilisiert werden, ist es kein Wunder, dass man sich in Polen empört. Das Thema ist dort hochaktuell. Die Medienaufmerksamkeit bei der Premiere von „Lauf Junge lauf“ in Warschau war gewaltig. Der Film hat in Polen inzwischen die 100 000-Zuschauermarke geknackt, das ist sehr viel für eine deutsche Produktion. Dass heute ein deutscher Regisseur eine polnisch-jüdische Geschichte in Originalsprache in Polen drehen kann – das ist ein deutliches Zeichen europäischer Annäherung.

Wie hat sich im deutschen Kino der Umgang mit NS-Themen verändert?
Ich bin sehr stolz darauf, dass wir keine einzige Naziflagge zeigen. Auch auf die Aufmarsch-Klischeeszenen haben wir verzichtet. Der Krieg ist auch ohne historisches Dekor ständig präsent: durch die Ruinen, in der ärmlichen Kleidung, im Verhalten der Menschen. Die realistische Darstellung eines historischen Kontextes über das Alltägliche ist mir viel wichtiger als eine Überhöhung des symbolischen Bildes. Das Schwarz-Weiß-Denken früherer Filme – auch im polnischen Kino der fünfziger Jahre gab es das, da waren alle Polen Widerstandskämpfer – ist vorbei. Das Gute und Böse steckt in jedem von uns, und auf dieser Basis treffen wir unsere persönlichen Entscheidungen.

Pepe Danquart (59) betritt mit „Lauf Junge lauf“ in doppelter Hinsicht Neuland: als Spielfilmregisseur und mit der Wahl eines historischen Stoffs. Bisher ist der in Singen am Bodensee Geborene, 1977 Mitbegründer der Freiburger Medienwerkstatt, als Kurz- und Dokumentarfilmer bekannt geworden – vor allem mit den Sportfilmen Heimspiel (2000, über die Eisbären Berlin), Höllentour (2004, über die Tour de France) und Am Limit (2007, über die Kletterer Thomas und Alexander Huber). Zuletzt drehte er 2011 das viel beachtete Politikerporträt „Joschka und Herr Fischer“. Auch Danquarts Zwillingsbruder Didi („Viehjud Levi“) ist Filmregisseur.

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