Kultur : Interview mit Pierre Rosenberg: "Wie locken Sie die Jugend in den Louvre?"

Herr Rosenberg[Sie sind seit vierzig Jahren im Lo]

Pierre Rosenberg, geboren 1936 in Paris, amtiert seit Oktober 1994 als "Président-directeur" des Louvre, des bei weitem größten französischen Museums. Nach dem Studium der Rechtswissenschaft in Paris sowie der Kunstgeschichte an der Louvre-Schule kam er 1962 an das Museum, in dem er seither tätig ist. Vor seiner Berufung zum Chef des Hauses war er zuletzt Leiter der Gemäldeabteilung. Seit 1982 hat Rosenberg entscheidend am Grand Projet des Staatspräsidenten Mitterrand, dem Ausbau des "Grand Louvre" mitgewirkt. Als Spezialist der französischen Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts hat er die Werkverzeichnisse der Zeichnungen von Poussin, Watteau, Fragonard, David und Ingres bearbeitet. Die Liste seiner Ehrungen und Auszeichnungen ist lang; die ruhmreichste ist die Berufung in den Kreis der "Unsterblichen" der Académie française im Jahr 1995. Auch am Aufbau des Nationalinstituts für Kunstgeschichte, das den Altbau der Nationalbibliothek in Paris beziehen wird, ist er beteiligt. Am kommenden Freitag, dem 13. April - seinem Geburtstag -, scheidet Rosenberg aus dem Amt: nicht in den Ruhestand, sondern um seine weltweiten Beziehungen als künftiger Direktor des Ausstellungshauses Palazzo Grassi in Venedig zu nutzen.

Herr Rosenberg, Sie sind seit vierzig Jahren im Louvre tätig und stehen seit sieben Jahren an der Spitze dieses großen Hauses. Der Louvre ist eines der bestbesuchten Museen der Welt - wie bewerten Sie diesen Erfolg?

Es ist durchaus etwas Neues, dass die Museen derart in Mode gekommen sind. Das ist zunächst einmal eine gute Nachricht. Noch vor zwanzig Jahren sah das ganz anders aus. Aber diese positive Entwicklung hat auch ihre Kehrseite.

Welche Aspekte bezeichnen Sie als negativ?

Ich fürchte den Ansturm des Tourismus. Wir hoffen, dass dadurch unser Stammpublikum nicht vertrieben wird.

Wenn Sie auf die Pyramide mit dem zentralen Eingang zum Louvre schauen, sehen Sie jeden Tag eine lange Besucherschlange...

nein, das stimmt nicht. Diese Warteschlangen gibt es nicht jeden Tag, sondern vorwiegend am Wochenende.

Als auswärtiger Besucher habe ich den Eindruck, der Louvre sei jederzeit gut besucht.

Denken Sie an unsere Abendöffnungen an immerhin zwei Tagen - da gibt es keine Schlangen vor dem Eingang und kein Gedrängel in den Sälen. Es ist überaus angenehm, bis zehn Uhr abends im Museum spazieren zu gehen. Gewiss, übers Jahr gesehen haben wir mehr als sechs Millionen Besucher, und das ist, verglichen mit anderen Museen der Welt, sehr viel. Und natürlich verzeichnen wir einen erhöhten Zulauf während der Ferienzeit - und an den Tagen, an denen der Eintritt frei ist. Aber wenn man will, kann man die Warteschlangen sehr gut umgehen. Es gibt mittlerweile Nebeneingänge, an denen man zu keiner Zeit warten muss. Das Interessante ist jedoch, dass das Publikum heutzutage den Louvre durch die Pyramide betreten will, sonst hat es das Gefühl, das Museum nicht wirklich zu besichtigen. Hinzu kommt, dass sich der Besucheransturm auf sehr wenige Werke konzentriert, wie beispielsweise die Mona Lisa. In den Sälen der holländischen, der flämischen oder selbst der französischen Malerei habe ich derlei Andrang noch nie gesehen. Das breite Publikum sieht leider nur ein paar Werke - und kommt wegen dieser Werke ins Museum. Wir haben es noch nicht geschafft, das Publikum für das gesamte Museum zu interessieren. Dies wird eine vorrangige Aufgabe für die kommenden Jahre sein.

Aber der Umbau zum "Grand Louvre" hat die Attraktivität des Hauses doch gesteigert?

Gewiss, aber sechzig Prozent unserer Besucher kommen aus dem Ausland. Ich will ja auch nicht zu pessimistisch sein. So wissen wir beispielsweise, dass unser Publikum im Durchschnitt drei Stunden und zwanzig Minuten im Museum verbringt. Das ist eine ganz beträchtliche Dauer.

Vertrauen Sie darauf, dass auch das Publikum von morgen mit dem heutigen Angebot des Museums zufrieden sein wird?

Die Museen müssen sich in den kommenden Jahren sehr stark wandeln, um ihr Publikum zu halten und vor allem auch neue Besucherschichten zu erschließen. Der Erfolg der Museen wird allerdings nur mit der Erziehung des Publikums möglich sein.

Was müssen die Museen tun, um ein jüngeres Publikum zu gewinnen?

Wir machen bereits sehr viel. Das Museum gewährt freien Eintritt für alle Besucher unter 18 Jahren. Sie wissen so gut wie ich, dass ein junger Mensch, der bis zum Alter von etwa zwanzig Jahren kein Museum besucht hat, auch später nicht mehr kommen wird. Aber wenn uns die Schulen nicht dabei helfen, Kunstgeschichte zu vermitteln, wird es sehr schwer werden, eine jüngere Generation ins Haus zu bringen.

Hat ein Museum, das sich auf alte Kunst konzentriert, mithin schlechte Karten?

Ja, das ist leider wahr. Ich glaube, dass die jüngere Generation sich mit der modernen Kunst sehr viel leichter tut als mit den alten Meistern. Da müssen die Museen zusammenarbeiten. Man muss zuweilen die moderne Kunst zu den alten Werken bringen.

Mittlerweile ist ein wachsendes Interesse an außereuropäischer Kunst zu beobachten.

Das ist eine Entwicklung mit weit reichenden Konsequenzen. Die asiatische und die afrikanische Kunst üben eine größere Faszination auf ein jüngeres Publikum aus, weil sie vermeintlich leichter zu verstehen sind als unsere alte europäische Kunst. Wer bis zum Alter von zwanzig Jahren gelernt hat, ins Museum zu gehen, wird später auch andere Museen besuchen - einerlei, ob er chinesische Kunst bevorzugt oder Zeichnungen des 16. Jahrhunderts.

Seit einiger Zeit ist im Louvre eine kleine Abteilung mit 120 Werken außereuropäischer Kunst zu sehen. Wie empfinden Sie selbst diesen "Fremdkörper" innerhalb der abendländischen Kunstsammlung Ihres Hauses?

Wie Sie wissen, war das ein großer Streitfall in Paris. Man hat geglaubt, dass die Konservatoren des Louvre gegen diese Kunst eingestellt seien. Das ist vollkommen falsch. Wir alle hier sind hundertprozentig überzeugt, dass ein Museum für die "ursprünglichen Künste" - les arts premiers - eine unabdingbare Notwendigkeit ist.

Hätten Sie es bevorzugt, wenn die außereuropäische Kunst ganz in den Louvre einbezogen würde?

Der Louvre ist seit über einem Jahrhundert kein enzyklopädisches Museum mehr. Die Idee des enzyklopädischen Museums ist heutzutage nicht mehr zu verwirklichen. In Paris ist unlängst das Museum der asiatischen Künste wiedereröffnet worden, ein vorzügliches Museum. Und es ist wunderbar, dass die Kunst Japans, Chinas und ganz Asiens ein Museum ganz für sich hat. Das Wichtigste ist, dass Paris eine universale Stadt bleibt, in der man alle Kulturen erfahren kann. Für den Louvre käme ein solcher Anspruch zu spät.

In Berlin wird eine Art enzyklopädisches Museum in der Verbindung von Museumsinsel und Schloss geplant.

In Berlin handelt es sich um verschiedene Museen, um verschiedene Gebäude.

Und wie beurteilen Sie das Konzept, diese Museen baulich zu verknüpfen, damit die Touristen die wichtigsten Highlights im Schnelldurchgang besichtigen?

Die "wichtigsten Highlights" - nein, das ist nicht mein Geschmack. Ich glaube im Gegenteil, dass das Museum möglichst viel zeigen muss. Im übrigen ändert sich die Meinung schnell, was ein Meisterwerk ist. Der Besucher sollte seine Lieblingswerke selbst ausfindig machen.

Das Publikum wird nicht allein von Meisterwerken angezogen, sondern auch von großen Ausstellungen.

Als wir den Louvre Anfang der achtziger Jahre neu konzipiert haben, waren wir der Ansicht, wir besäßen genug, um derartige Ausstellungen nicht veranstalten zu müssen. Dafür haben wir bekanntlich den Grand Palais. Sie haben aber leider Recht. Ob in New York oder in London: Das Publikum kommt wegen solcher Events. Aber es gibt nicht "das" Publikum. Wir haben zum Beispiel 70 000 "Freunde des Louvre", die zwei bis drei Mal im Monat ins Museum kommen. Die sind für uns ebenso wichtig wie die Millionen Touristen. Wir müssen uns auf die unterschiedlichen Besuchergruppen einstellen - darin besteht die Herausforderung.

Das touristische Publikum bringt allerdings das meiste Geld. Und der Druck auf die Museen wächst, mehr Eigeneinnahmen zu erwirtschaften.

Gewiss, das Geldproblem ist eine große Gefahr für die Museen, und diese Gefahr muss man erkennen. Aber ich glaube nicht, dass die Finanzen an erster Stelle stehen dürfen.

Mit anderen Worten: Sie sind ein Verfechter der staatlichen Finanzierung?

Ja, aber nicht ausschließlich. Im Louvre erwirtschaften wir mittlerweile vierzig Prozent unseres Etats selbst, und dieser Anteil wird in Zukunft eher noch steigen.

Woraus setzen sich die Eigeneinnahmen zusammen?

Zuallererst aus den Eintrittsgeldern, dann aus den Erträgen der Buchhandlungen sowie der Cafés und Restaurants - und natürlich aus mäzenatischen Zuwendungen. Interessanterweise werden alle in den kommenden Jahren anstehenden Renovierungsarbeiten im Gebäude aus privaten Mitteln finanziert. Das bezahlt uns nicht mehr der Staat. Und wir wissen, dass der Staat es zukünftig nicht mehr bezahlen kann.

Auch in Frankreich richten sich die Hoffnungen auf den privaten Sektor?

Es wird immer eine Kombination von staatlicher Zuwendung und privaten Mitteln geben müssen. Wichtig ist, dass der Staat versteht, dass unser Museum nicht nur an die schiere Zahl der Besucher denken kann, sondern zugleich ein Ort der Bildung ist. Und in einer solchen Perspektive wandelt sich auch die Betrachtung der finanziellen Probleme. Im übrigen ist der ständige Hinweis auf die Finanznot ein Weg, die Probleme des Museums nicht wirklich zu untersuchen. Im Augenblick mögen die Museen weltweit erfolgreich sein - aber ob sie es bleiben, wage ich nicht vorauszusagen.

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