Interview mit Rainald Grebe : „Für mich ist Westberlin Ausland"

Der Kabarettist Rainald Grebe gibt zu: "Ich habe den Mitte-Blick". Funkturm, Rathaus Schöneberg? Alles Neuland. Und ja, der Bindestrich der Freiheit fehlt in seinem Stück „Westberlin“.

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Oster aus dem Westen. Rainald Grebe in der Schaubühne, wo sein Stück "Westberlin" Freitag Premiere feiert.
Oster aus dem Westen. Rainald Grebe in der Schaubühne, wo sein Stück "Westberlin" Freitag Premiere feiert.Foto: Thilo Rückeis

Herr Grebe, welche Perfidie treibt Sie denn dazu, mit dem durchgeschriebenen Stücktitel „Westberlin“ die von aufrechten West- Berlinern stets abgelehnte sozialistische Schreibweise zu zitieren?
Ja, da fehlt der Bindestrich der Freiheit. So wurde er früher in Tagesspiegel-Artikeln genannt.

Wirklich? Wann war das denn? In den Fünfzigern?
Noch in den achtziger Jahren, habe ich gelesen. Ich habe „Westberlin“ aber erst so geschrieben, ohne davon zu wissen. Später habe ich mich mit dieser Schreibweise befasst und fand sie richtig gut, weil es die Ost-Schreibweise ist.

Drum lehnen aufrechte West-Berliner sie ja ab.
Aber sie trifft genau meine Perspektive. Die ist die des Ostlers, der zum ersten Mal in den Westen geht und sich umschaut. Für mich ist Westberlin Ausland.

Seltsam, seltsam, ein in Köln geborener Ostler.
Nach der Maueröffnung war ich immer nur in Mitte, Prenzlauer Berg und Pankow unterwegs. Ich war geistig nie im Westen, wollte nur in den Osten. An U-Bahn-Stationen wie Rüdesheimer Platz oder Dahlem Dorf war ich nie.

Dabei leben dort auch Menschen.
Erstaunlich, nicht wahr? Da fragt man sich manchmal schon, ob das noch Berlin ist. Ich jedenfalls habe den Mitte-Blick. Funkturm, Rathaus Schöneberg, das ist komplettes Neuland, oder Altland, wie man’s nimmt.

Sie sind sie eigentlich derjenige, der mit seinem Waldbühnenkonzert 2011 den derzeitigen West-Berlin-Hype losgetreten hat?
Wäre jedenfalls interessant. Thomas Ostermeier hat mich vor zwei Jahren gefragt, ob ich ein Westberlin-Stück machen will. Und plötzlich kamen dann Filme, Ausstellungen, Bücher darüber. Merkwürdig. Bei mir geht’s allerdings nicht nur um die Achtziger wie in Oskar Roehlers Film „Tod den Hippies“ oder in „B-Movie“, sondern um 40 Jahre West-Berlin.

Sie sind erst 1991 von Frechen nach Berlin gekommen: Woher beziehen Sie Ihre Kenntnisse über West-Berlin?
Aus Filmen, Youtube, Fernsehen, Büchern und aus Gesprächen. Ich habe sehr viele und lange Interviews mit Veteraninnen und Veteranen geführt. So wie ich das vor jedem meiner Abende mache.

Mit wem beispielsweise?
Mit Jim Rakete, der ein Füllhorn an Geschichten ist. Mit Rik De Lisle, der bei AFN war, mit Lord Knud, Annette Humpe und Wolfgang Müller von der Band Die tödliche Doris, mit Ilja Richter, Gerd Wameling und Arnulf Rating von den „Drei Tornados“, um nur einige zu nennen. Dann habe ich auch Miss Kottiwood getroffen, die eigentlich Frau Radatz heißt. Sie ist über 80 und lebt seit 50 Jahren im Erstbezug am Kottbusser Tor. Ihr schon verstorbener Sohn Michael Radatz hat den „Dschungel“ gegründet. Da war Frau Radatz auch ständig, so als Mutti eben.

Und auf der Bühne haben Sie auch in der Wolle gefärbte West-Berliner dabei, die die Wucht ihrer Authentizität einbringen?
Absolut. Die alten Westberliner sind die Stargäste, denn auch die Darsteller sind für eigene Westberlin-Erinnerungen zu jung oder eh aus dem Osten.

Was denn, Ostler dürfen auch mitmachen?
Sicher, aber nur als Schauspieler. Sieben an der Zahl. Plus sieben Experten, also Westberliner Zeitzeugen, die ihre ganz unterschiedlichen Geschichten erzählen. Die Älteste ist 84. Einer ist ein ehemaliger Schöneberger Sängerknabe. Und Lieder werden auch gesungen.

Bedauern Sie, West-Berlin verpasst zu haben?
Sicher, da hätte ich gerne einiges gesehen. Den 2. Juni auf der Krummen Straße, 1967 beim Studentenprotest, als die Schüsse auf Benno Ohnesorg fielen. Das SO 36 in seinen Anfangszeiten. Das erste Konzert der Einstürzenden Neubauten. Und ich hätte auch gern in einer Altbauwohnung mit elf Zimmern für 600 Mark gelebt. Oder dieses bestimmtes Klima, dieses Lebensgefühl erlebt, von dem alle Leute unter dem Schlagwort „Es ging nicht um Geld“ erzählen. In Westberlin war es in den siebziger und achtziger Jahren verpönt, mit einer Kneipe Geld machen zu wollen. Der antikapitalistische Traum war bei vielen da. Das sind schöne Geschichten, auch wenn viel Geld in die Stadt reingepumpt wurde.

Wie sieht’s denn heutzutage mit der antikapitalistischen Haltung in der Berliner Künstlerszene aus?
Die mag’s noch geben, aber ich höre mehr vom Stress, Anträge zu schreiben, um an Fördergelder zu kommen. Viele spielen sich heute den Arsch ab und kommen trotz toller Qualität gerade so hin. Das scheint in Westberlin nicht der Fall gewesen zu sein. Wolfgang Müller hat erzählt, dass er mit sechs Mal Kellnern im Monat seine Miete drin hatte. Der hatte einfach Zeit, musste nicht dauernd seinem Lebensunterhalt nachrennen und konnte sich schöne Gedanken machen.

Wann war Ihr erster persönlicher Berlin-Kontakt?
Im Mai 1989 beim Kirchentag. Ich habe mich als Gemeindemitglied eintragen lassen, was ich gar nicht war, um mal nach Berlin zu kommen. Ich war auf einem Wolf-Biermann-Konzert und bei einer Diskussionsrunde mit Bischof Kurt Scharf, Bommi Baumann und irgendeinem Gerster von der CDU. Da ging’s dermaßen ab – auch im Publikum –, ich war vollkommen elektrisiert. So haben Leute in keiner anderen deutschen Stadt geredet. Ich hab gedacht, da will ich hin!

Wo haben Sie damals übernachtet?
Privat, bei einem Gemeindemitglied auf der Couch. Merkwürdiger Typ. Überm Sofa hing eine Urkunde des Fleischerhandwerks. Da haben auch zwei ältere Damen aus Leipzig geschlafen. Die wiederum waren meine ersten Ost-Kontakte, denen ich Briefe geschrieben habe. Den Mauerfall im November habe ich dann im Fernsehen gesehen und bin Silvester zum Konzert mit David Hasselhoff nach Berlin getrampt. Auf der Mauer lernte ich nachts einen aus Erfurt kennen. Morgens sind wir in den Osten, haben in irgendeinem Haus eine Tür eingetreten und da gepennt. Später bin ich mit verkifften Punks aus Paderborn zurück nach Westdeutschland gefahren. Das alles zu erleben war voll elektro.

Welche Ihrer neu gewonnenen Erkenntnisse über die Mauerstadt hat Sie denn wirklich überrascht?
Dass Berlin eine wirkliche Mieterstadt war. Bis in die achtziger Jahre rein gab es keinen nennenswerten Bestand an Eigentumswohnungen. Die Probleme, die wir jetzt so mit dem Wohnungsmarkt haben, existierten anscheinend gar nicht.

Und welches der Klischees – Provinzialität, Alimentiermentalität, Harald Juhnke, „Drei Damen vom Grill“ – können Sie widerlegen?
So was Revolutionäres ist nicht dabei. Mir ging es eher darum, zuzuhören und Dinge zu erzählen, die auch Platz haben im Westberlin-Potpourri. Ein Nebeneffekt: Ich habe festgestellt, wie alt ich schon bin. Von den Schauspielern und Hospitanten kennt keiner mehr Wolfgang Neuss. Das hat mich richtig geschockt. Also weiß auch die Hälfte des Publikums nicht, worüber wir reden. Westberlin ist eine versunkene, historisch abgeschlossene Welt. Den politischen Status, die Geschichten aus tausendundeiner Nacht wie die von dem Blumenladenbesitzer, der Millionär wurde, das kann sich keiner mehr vorstellen. Daher ja auch der Nimbus.

In Ihren Konzerten und Kabarettprogrammen ironisieren Sie ständig Begriffe wie Heimat, Volksmusik, Volkslied: ist „Westberlin“ auch ein satirisches Vehikel der Selbstvergewisserung?
Satirisch, was heißt das schon. Mit dem Thema Westberlin lässt sich schnell Quatsch machen. Versunkenes lässt sich immer leicht hopsnehmen. Es hat aber auch viel Melancholie. Hier sind es die Statisten, die den Abend erden oder beglaubigen.

Den nostalgischen Heimwehabend?
Ja, durchaus, jedenfalls nicht den Kabarettabend.

Wie viel West-Berlin steckt denn heute noch in der Stadt?
Nicht mehr so viel. Westberlin war sehr deutsch, nicht so international, wie die Stadt heute ist. Deswegen hat David Bowie auch so einen Effekt gehabt. Da kam einmal ein Weltstar in die Stadt und alle haben darüber geredet. Wahnsinn! Was ist denn das gewesen bitte schön? Das wäre heute doch undenkbar. Ich stelle mir vor, Lady Gaga wohnt in der Prenzlauer Allee – das würde doch in der Musikszene Berlins keinen interessieren!

Und wie viel West-Berlin steckt als alter Westdeutscher in Ihnen?
Westdeutschland ist mir sehr fremd geworden. Aber ein interessantes Detail fällt mir noch ein: Ich habe auch den Chef vom Wirtshaus Moorlake getroffen. Der sagte, seine Klientel, das Westberliner Bürgertum, dass bei ihm traditionell die Schauspielerlesungen besucht, bröckelt. Der arbeitende Mittelstand, der sich was leisten kann. Die Wilmersdorfer Witwen, die gibt’s nicht mehr.

Zur Person: Rainald Grebe, geboren 1971 in Köln, wuchs in Frechen auf. Er studierte Puppenspiel an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin und arbeitet seit 15 Jahren als Musikkabarettist, Autor und Regisseur.

Das Gespräch führte Gunda Bartels.

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