Interview mit Randy Newman : „Marx hatte recht!“

Vor dem Auftritt in Berlin: Der Musiker Randy Newman über witzige Songs, Goethes Faust und das Ende des amerikanischen Empires.

Rupert Koppold
„Ich bin immer noch sehr gut.“ Randy Newman spielt am Dienstag um 20 Uhr im Admiralspalast. Foto: p-a/dpa
„Ich bin immer noch sehr gut.“ Randy Newman spielt am Dienstag um 20 Uhr im Admiralspalast. Foto: p-a/dpaFoto: picture-alliance/ dpa

Mister Newman, ein Song auf Ihrem „Bad Love“-Album von 1999 heißt: „I want everyone to like me”.

Na ja, viele in diesem Geschäft wollen geliebt werden. Auch ich bin wahrscheinlich blöde genug, mich so zu verhalten. Ja, ich würde mich beinahe dazu bekennen.

In Ihrem Song „Laugh and be happy“ finden sich die Zeilen: „Es ist ganz einfach, glaub an deinen Traum und der Traum wird wahr.“ Ein Kommentar zu Bobby McFerrins „Don’t worry, be happy“?

Ich habe diesen Song schon vor langer Zeit für einen Animationsfilm geschrieben. Später habe ich den Text ein bisschen geändert. Aber es war schon immer ein Song über Leute, die ungerecht behandelt werden, in der neuen Version geht es um Immigranten. Es sind eigentlich ziemlich eindeutige Worte, aber weil ich das mache, klingt es ein bisschen ironisch.

Die Ironie, der Sarkasmus, auch die Ambivalenz sind Markenzeichen Ihrer Songs. Können Sie Ihre Ansichten und Ihren Zorn nur in Verkleidung ausdrücken?

Bei einigen Sachen, die ich geschrieben habe, war es wohl die einzige Möglichkeit. Eben nicht mit so platten Zeilen wie ,The Bastards are grinding you down, blablabla’. Ich weiß jetzt allerdings: Es gibt diese Saukerle, die dich kaputt machen – gerade jetzt! Trotzdem, wenn man bloß sagt: ,Atombomben sind schlecht‘, ist das zu wenig. Ja, die Indizien deuten darauf hin, dass ich mich auf diese Weise ausdrücke, ich will mich quasi aus den Songs herausschreiben. Außerdem muss ich gestehen, dass meine Ansichten sowieso immer wackliger werden, je älter ich werde.

Sie versetzen sich in Ihren musikalischen Rollenspielen in Rassisten, Sklavenhändler oder Verrückte. Manche irritiert das. Wundert es Sie, wenn ein Song wie „Short People“ („Short People got no reason to live“) immer noch Kontroversen auslöst?

Das war für mich immer wieder überraschend. Aber so arbeite ich nun mal. Hier war ich natürlich schon ziemlich nahe an einer Grenze dran. Aber „Short People“ war einfach ein Spaß, ein Witz.

In „Burn on“ geht es um einen verschmutzten Fluss, der buchstäblich Feuer fängt. Der Song entstand 1972. Sehen Sie sich als Pionier der Umweltschutzbewegung?

Jesus, nein! Aber das war ein unglaubliches Schauspiel damals. Ich hab’s im Fernsehen gesehen. Und seit meinem Song ist da wieder alles in Ordnung, alles sauber.

Ein anderer Song heißt „The World isn’t fair“, er ist an Karl Marx adressiert. Sollte man den wieder lesen?

Ja, das „Manifest“. Das dicke Buch, „Das Kapital“, habe ich nie gelesen. Marx hatte mit vielen Dingen recht. Aber würde ich das als politischer Kandidat sagen – es wäre der Todesstoß für die Karriere.

Sie schreiben also Marx um?!

Ja. Es ist schon lustig, jeder will bei uns frei sein, die Redefreiheit ist angeblich auch für die Republikaner sehr wichtig. Dabei darf man gar nichts mehr sagen.

Sie leben in L. A. und arbeiten als Komponist auch für das Filmbusiness. Sind Sie Teil der Hollywood-Szene?

Nein. Wissen Sie, ich habe fünf Kinder, eine Frau – sogar zwei davon –, das beantwortet schon Ihre Frage.

In Ihrem Song „A few Words in Defense of our Country“ von 2008 heißt es im Refrain: „This Empire is ending“. Es klingt so, als wäre das für Sie eine gute Nachricht.

Nein! Na ja, das ist nicht gerade eine gute Nachricht. Andererseits: Wir mischen uns überall ein, ich weiß nicht, ob es besser wäre, wenn wir das nicht mehr täten. Ich glaube tatsächlich, dass es kein amerikanisches Jahrhundert mehr geben wird, so wie damals nach dem Ersten Weltkrieg. Kulturell besteht das Empire aber weiter.

Kulturell sind ja auch Sie Teil des Empires.

Na ja, wenn man Teil eines Empires ist, muss man auch in seinem Sinn handeln. Ich habe aber, wie Sie ja schon feststellten, meine eigene Art des Erzählens gewählt.

Was mögen Sie eigentlich lieber: Komponieren und Texteschreiben oder Auftreten?

Auftreten. Weil es leichter ist und man sofort belohnt wird. Schreiben ist für mich nicht so einfach. Ich halte auch immer Ausschau nach ersten Anzeichen künstlerischen Verfalls. Aber ich glaube, ich bin immer noch fast so gut, wie ich jemals war.

Sie haben 2010 Ihren Stern auf dem Hollywood Walk of Fame bekommen, Eric Idle hat ihn verliehen. Sehen Sie eine Verwandtschaft zwischen Ihrer Arbeit und der von Monty Python?

Die wollen Leute zum Lachen bringen, genau wie ich. Es sind allerdings unterschiedliche Arten der Komik. Man hat mich damals vor der Verleihung gefragt, ob ich zwei Prominente nennen könnte, ich habe John Lasseter von den Pixar-Studios („Toy Story“) und Eric Idle genannt. Ich kenne ja sonst nicht so viele.

Sie haben 1990 ihre eigene „Faust“-Version vorgestellt. Was hat Sie an diesem deutschen Thema interessiert?

Das ist einfach eine große Geschichte. Und im ersten Teil so wunderbar in Form gebracht. Ach, dieser Teufel, der immer so schwer arbeitet und doch nie gewinnt! Den zweiten Teil allerdings habe ich nie verstanden. Ich hatte viel Spaß mit dieser Show, die würde ich gern mal in Deutschland aufführen.

Das Gespräch führte Rupert Koppold.

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