Interview mit Robert Redford : Die Freiheit von damals

Robert Redford über die Siebziger, politisches Bewusstsein – und eine peinliche Erinnerung.

Christian Aust
Forever blond. Robert Redford als der Ex-Linksradikale Jim Grant, der nach Jahrzehnten wieder gejagt wird. Foto: Concorde
Forever blond. Robert Redford als der Ex-Linksradikale Jim Grant, der nach Jahrzehnten wieder gejagt wird. Foto: ConcordeFoto: dpa

Mister Redford, in Ihrem Film spielen Sie einen untergetauchten politischen Radikalaktivisten der „Weather Underground“-Bewegung, dessen Identität von einem Journalisten aufgedeckt wird. Sind Sie ein Filmemacher mit einer politischen Agenda?

So würde ich es nicht formulieren. Ich wollte keinen historischen Film über die Bewegung machen, es gibt ja Dokumentarfilme. Ich war vielmehr fasziniert davon, wie diese Menschen 30, 40 Jahre später leben. Damals waren sie besessen von einer Idee, dann gingen sie in den Untergrund, um nicht entdeckt zu werden – und konnten ihre Ideen nicht verwirklichen. Was ist aus ihren Visionen geworden? Wenn man die historischen Details beiseitelässt, geht es um Grundprobleme der menschlichen Existenz.

Welche Rolle spielte diese Bewegung damals in Ihrem politischen Bewusstsein?

Ich habe mit den „Weathermen“ sympathisiert. Andererseits war ich gerade damit beschäftigt, meine Theaterkarriere in New York in Gang zu bringen und als Schauspieler zu überleben. Die Bewegung entstand ja parallel zur musikalischen Revolution der Rolling Stones, der Beatles oder von Bob Dylan. Es ging also auch um Musik, Drogen, Mode, die freie Liebe – alles vermischte sich. Eine Veränderung war dringend nötig, aber viele der Protagonisten brannten in relativ kurzer Zeit aus. Damals war, glaube ich, zu viel Ego im Spiel.

Was ist heute aus der revolutionären Energie in unserer westlichen Welt geworden?

Es hat sich viel verändert, allein durch das Internet. Die Flut an Informationen ist dermaßen intensiv, dass wir keine Zeit zum Nachdenken mehr haben. Mitte der Siebziger besaßen die USA auch noch eine gewisse Unschuld, die jetzt vollkommen verschwunden ist. Ich erinnere mich gut an die „Watergate Hearings“. Im Komitee saßen Demokraten und Republikaner, beide Seiten arbeiteten ernsthaft zusammen, um der Wahrheit näherzukommen. Das Ganze hatte eine selbstverständliche moralische Basis, sie fehlt heute – in allen politischen Auseinandersetzungen.

Meinen Sie damit auch, Journalisten nehmen ihre Aufgabe nicht mehr wahr?

Um es diplomatisch zu formulieren: Die Umstände und die Infrastruktur für den Journalismus haben sich vollkommen geändert. Wir haben Computer, das Internet, Kabelfernsehen, der Journalismus musste sich diesen Techniken anpassen. Da stehen oft ökonomische Interessen im Vordergrund. Die weichen Themen und die Unterhaltung nehmen immer größeren Raum ein, das finde ich traurig.

Wir haben Sie seit fünf Jahren nicht mehr auf der Leinwand gesehen. Warum nicht?

Niemand wollte mich. Nein, im Ernst, die Vorbereitungen zu „The Company You Keep“ zogen sich hin. So lange, dass ich dachte: Wenn ich mich jetzt nicht beeile, bin ich zu alt für die Rolle. Die hat mich von Anfang an gereizt, zumal eine gewisse Ironie in der Tatsache liegt, dass ich einem Mann spiele, der vor einem Reporter flüchtet. In „Die Unbestechlichen“ war es umgekehrt, ich war der Reporter.

Ist es nicht unnötig kompliziert, Regie zu führen und auch die Hauptrolle zu spielen?

Für „The Company You Keep“ hatten wir kaum Geld und ein großes Ensemble. Ich musste schnell arbeiten, manchmal ohne Proben. Als Regisseur hätte ich gerne mehr Zeit, aber als Schauspieler mag ich diese Spontaneität. Insgesamt fühle ich mich in der Doppelrolle nicht besonders wohl. Ich kriege es ganz gut hin, aber man ist aus dem Ensemble ausgegrenzt.

Auch als Gründer des Sundance Festivals sind Sie eine Legende. Wie erleben Sie die Veränderungen im Filmgeschäft heute?

Ich habe Sundance auch deshalb gegründet, weil die Filmindustrie sich aus Umsatzgründen immer mehr darauf konzentrierte, die Bedürfnisse des jungen Publikums zu befriedigen. Das ist im Prinzip in Ordnung, aber geht auf Kosten der humanistischen Seite des Kinos. In den Siebzigern hatte ich das Glück, beide Arten von Filmen machen zu können: Mainstream und Independent. Als es für die Indies immer schwerer wurde, wollte ich jungen Regisseuren mit dem Festival eine Chance geben.

Sie sind mit einer Deutschen verheiratet, verbringen viel Zeit hier. Wie hat das Ihren Blick auf die USA verändert?

In der Schule habe ich mich nur für Kunst und Sport interessiert. Politik war mir egal, Politiker fand ich langweilig. Mit 18 kam ich nach Frankreich, ich war gerade aus der Schule geflogen, was mir nichts ausmachte – ich hatte das Gefühl, meine Ausbildung findet sowieso viel mehr auf Reisen statt, im Kontakt mit anderen Kulturen und Menschen.

Das klingt romantisch.

Ist aber eher naiv. Die Franzosen waren großartig darin, mir als Amerikaner ein schlechtes Gefühl zu machen. Aha, du kommst aus diesem reichen Land, mit all dem Militär und eurer angeblichen Freiheit, was ist deine politische Meinung? Ich hatte keine – und das war mir so unendlich peinlich, dass ich endlich aufpasste, was in der Politik los ist. Aber ich tat es aus europäischer Perspektive. Ich reiste dann weiter nach Deutschland, Italien und Spanien. Als ich in die USA zurückkehrte, hatte ich ein viel differenzierteres Bild meiner Heimat als die meisten meiner Landsleute.

Haben Sie jemals über eine politische Karriere nachgedacht?

Nein. Politik ist unehrlich und falsch, billig und oberflächlich. Damit wollte ich meine Zeit nie verschwenden.

Das Gespräch führte Christian Aust.

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