Interview mit Terry Gilliam : „Kinder soll man erschrecken“

Terry Gilliam in Berlin: Gespräch über Grimms Märchen, deutsche Mythen und andere Gruselstoffe

-

Herr Gilliam, waren Sie schon am Grab der Brüder Grimm in Berlin-Schöneberg?

Oh nein, lieber nicht. Wenn ich da hin gehe, kommen die von den Toten zurück und tun mir schlimme Dinge an.

Was fasziniert Sie so an Märchen?

Ich bin mit Märchen aufgewachsen und mit dem Radio, das hat meine Einbildungskraft trainiert. Das Schöne an Märchen ist, dass sie auf so archetypische Weise zu den wirklich wichtigen Dingen vordringen – vor allem Grimms Märchen, weil sie so düster und verstörend sind. Man sollte seine Kinder nicht behüten, sondern ruhig auch erschrecken. Das ist eine gute Vorbereitung auf das Leben: Es kommen schreckliche Dinge, die du nicht verstehst, aber meistens gibt es ein Happy- End. So ist das ja auch in „Tideland“.

Ihr neuer Film ist selbst für Ihre Verhältnisse ausgesprochen bizarr.

Es gefällt mir, dass der Film so starke Reaktionen hervor ruft. Ich gehöre nicht zu den Filmachern, die das Publikum versöhnen wollen. Bei „Tideland“ habe ich etliche Regeln gebrochen: Der Film hat keine richtige Form, keine normale Geschichte, keinen strukturellen Sinn... Man muss vergessen, wer man ist. „Tideland“ ist wie ein Trip, und man versteht ihn nur, wenn man ihn mit den Augen eines Kindes sieht. Viele Leute hassen diesen Film, andere sagen, es sei das Zärtlichste, was ich je gemacht habe.

Es geht um ein neunjähriges Mädchen inmitten von Drogen, verrottende Leichen, Taxidermie, Nekrophilie, Pädophilie. . .

Ich möchte, dass die Leute erkennen, wie sehr sie von Medienbildern kontrolliert werden: Wann immer man eine Zeitung in die Hand nimmt, vor allem in England und USA, sieht man Kinder immer nur als Opfer. Schon die Romanvorlage zu „Tideland“ spielt auf krasse Weise damit, wie Kinder dargestellt werden. Natürlich irritiert es, wenn man sieht, wie die kleine Jeliza-Rose ihrem Vater die Heroin-Spritze zubereitet. Aber um Heroin geht es gar nicht. „Tideland“ ist das Psychogramm eines Mädchens, das seine Umwelt in etwas anderes verwandelt, um überhaupt darin leben zu können. Die Menschen vergessen, dass Kinder so etwas tun und dass die Vorstellungen, die sie dabei entwickeln, nicht unbedingt niedlich sind. Wenn man „Alice in Wonderland“ originalgetreu verfilmen würde – die Leute würden ausflippen, so finster ist das.

Diese Überlebensstrategie scheint das Thema all Ihrer Filme zu sein.

„Tideland“ ist sogar autobiografisch! Ich könnte nicht überleben, wenn ich die Welt nicht ständig transformieren würde. Es gibt in meinem Filmen immer den Kampf zwischen physischer Realität und Einbildungskraft, denn ich muss selbst permanent herausfinden, was echt ist und was nicht – weil ich es einfach nicht weiß. Meine Filme helfen mir dabei. Ich versuche einfach, immer neue Perspektiven auf die Realität zu eröffnen. Für mich und für das Publikum.

Haben Sie ein Notizbuch neben dem Bett, um Ihre Träume aufzuschreiben?

Früher habe ich das getan. Inzwischen bin ich alt und faul und schlafe lieber weiter. Aber ich habe gerade ein neues Script fertiggestellt, das war sehr aufregend. Ich schrieb es sehr schnell, wie damals bei Monty Python, als wir so wenig Zeit hatten. Dieses Schreiben ohne Nachdenken ist ein traumartiger Zustand. Ich dachte, wenn ich aufhöre zu denken, dann sprudeln die Einfälle geradezu. Wenn man zu viel nachdenkt, verliert man das Vertrauen in die Idee. Daher sind Geschichten heute auch so langweilig – weil alles nur bedacht, gemessen und nummeriert wird. Ich vermisse die sechziger Jahre. Die Menschen erfanden so viele außergewöhnliche Sachen, ich war bei einer Werbeagentur der Langhaarige vom Dienst. Alle jungen Leute wurden albern und verrückt.

Schade, dass deren Kinder nicht weitergemacht haben.

Das ist die große Enttäuschung (lacht). Meine Tochter wird jetzt Anwältin. Sie möchte viel Geld verdienen, damit sie machen kann, was sie will. Ich sagte: Das ist nicht gut! Du musst das tun, was dich anregt und begeistert. Wenn du damit Geld verdienen kannst, großartig. Wenn nicht, wirst du dein Leben dennoch genießen.

Vielleicht haben Sie Ihre Tochter nicht genug erschreckt, als sie klein war.

Oh doch, das habe ich.

Und womit?

Grimms Märchen!

Sie haben auch einen Film über Baron Münchhausen gemacht. Das Deutsche scheint Sie zu begeistern.

Ich bin von der deutschen Kultur vielleicht mehr beeinflusst als von irgendetwas anderem. Sie ist großartig, übervoll mit dramatischen Geschichten und ungewöhnlichen Bildern – ihr solltet wirklich aufhören, euch dafür zu entschuldigen. Als ich damals „Baron Munchhausen“ nach Deutschland brachte, kam es mir so vor, als hätten die Deutschen Angst vor meinem Film. Das ist doch furchtbar. Vor einiger Zeit habe ich Wagners „Ring“ gelesen: was für eine außergewöhnliche Geschichte! Da kann Tolkien einpacken. Diesen Film würde ich gerne machen. Aber ohne Gesang.

Die Dreharbeiten zu „Baron Munchhausen“ waren ein Desaster und begründeten ihren Ruf als Regisseur des Scheiterns.

Eine Zeit lang habe ich damit kokettiert, obwohl es nicht stimmt. Inzwischen ist es ein echtes Hindernis, weil die Produzenten Angst vor mir haben. Es ist für mich sehr mühsam geworden, überhaupt noch die Energie für den Kampf mit ihnen aufzubringen, weil sie alle so dumm sind. Die meiste Zeit bin ich ziemlich deprimiert. Es liegen mehrere großartige Drehbücher bei mir herum, schon seit Jahren, und sie werden wohl nie realisiert. Ich bin nicht mehr jung und fange schon an zu zählen, wie viele Filme ich überhaupt noch machen kann, bevor ich sterbe.

Auch mit Ihrem Herzensprojekt „Don Quixote“ sind Sie tragisch gescheitert.

Das war schlimm. Es war, als laste ein Fluch darauf. Aber Johnny Depp und ich wollen es noch mal wagen, und wir sind guter Dinge, dass wir das Drehbuch schon nächsten Monat von der Versicherung zurückkaufen können.

Auch Quixote transformiert die Welt. Im Roman wird er am Ende normal.

Ja, er wird normal, und das Traurige ist, dass er sofort daran stirbt, denn es war ja seine Einbildungskraft, die ihn am Leben hielt. In meinem Film kommt Quixote aber gar nicht dazu, normal zu werden, denn er wird vorher von Johnny getötet. Wie gesagt, ich mag Happy-Ends.

– Das Gespräch führte Sebastian Handke.

Terry Gilliam , 1940 in

Minneapolis geboren, wurde als Cartoon-Zeichner und Mitglied der

legendären britischen Comedytruppe Monty Pythons bekannt, für die er surreal-absurde Animationen lieferte und 1970 seinen ersten Spielfilm „Die Ritter der Kokosnuss“ inszenierte. Mit Filmen wie „Time Bandits“, Brazil , „König der Fischer“, „12 Monkeys“ und Fear and Loathing in Las Vegas etablierte er sich als

einer der eigenwilligsten, bildmächtigsten Regisseure unserer Zeit.

Das Berliner Kino Babylon Mitte präsentiert derzeit eine Werkschau mit allen Gillian-Filmen (bis 25. Januar) Sein jüngster Film Tideland (der keinen deutschen Verleih hat) läuft nochmals am

13. Januar um 18 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar