Interview mit Ulrich Kuhon, Deutsches Theater : Tragödien aus dem Schrebergarten

Das Existenzielle suchen: Ulrich Khuon, der neue Chef am Deutschen Theater Berlin, über die Stille vor dem Start der neuen Spielzeit.

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Diesseits und jenseits von Afrika. Mit einer Adaption von Joseph Conrads berühmter Erzählung "Herz der Finsternis" beginnt am 17....Foto: Arno Declair

Wenige Tage vor Eröffnung der neuen Spielzeit am Deutschen Theater sieht es noch mächtig nach Baustelle aus. Ulrich Khuon sitzt in einem Behelfsbüro, sein Schreibtisch zeichnet sich durch eine an Leere grenzende Aufgeräumtheit aus. Im Intendantenzimmer wurde bei den Renovierungsarbeiten Schwamm gefunden. Khuon tritt die Nachfolge von Bernd Wilms an.

Herr Khuon, Sie haben sich lange auf Ihre Intendanz vorbereitet, von Hamburg aus. Wie erleben Sie Berlin, Ihre neue Stadt?


Es war im Grunde eine schizophrene Situation, wenn man so früh gewählt wird - zweieinhalb Jahre Vorbereitungszeit, das kann tödlich sein. Wenn man plant und plant und noch nicht am Ort sein kann, an der Baustelle. Endlich ist die Arbeit konkret, greifbar, und dann lässt auch die Sorge nach. Das endlose Nachdenken und Überlegen ist vorbei.

Das Deutsche Theater ist noch immer eine Baustelle, wenige Tage vor Ihrem Start.

Aber die Proben sind davon nicht tangiert. Der Bühnenraum ist fertig.

Zu Beginn dieser Spielzeit gibt es etliche Intendantenwechsel im deutschsprachigen Theater, in Wien, in Hamburg, in Frankfurt am Main. Alles blickt auf die neuen Chefs – werden Intendanten überschätzt?

Man braucht diese symbolischen Figuren. Sobald die Saison läuft, lässt diese Fixierung auch wieder nach. Die Öffentlichkeit mag Intendanten gelegentlich überschätzen, aber deren Arbeit wird leicht unterschätzt – einen solchen Betrieb mit all den unterschiedlichen Menschen zusammenzuhalten.

Ihr Kollege Matthias Hartmann am Wiener Burgtheater hat zur Eröffnung seiner Direktion gleich den „Faust“ inszeniert. Sie führen nicht selbst Regie. Ist man da als Intendant machtlos und ausgeliefert?

Die Unbeeinflussbarkeit bestimmter Dinge gehört zu den Erscheinungen unserer Zeit. Der Mensch früherer Epochen hatte viel stärker den Eindruck, er könnte Schicksal gestalten. Die eigene Zerrissenheit ist aber nur für einen kleinen Kreis von Menschen relevant. Manchmal denke ich: Wäre ich in die Politik gegangen, dann wäre ich Kommunalpolitiker geworden. In der Kommunalpolitik hat das eigene Handeln eine gewisse Konsequenz, am Theater ist das auch der Fall.

Der Intendant des DT als Bürgermeister?

Ich hänge sehr der Auffassung an, dass man auf begrenztem Raum etwas schafft, das dann ausstrahlt. Deshalb bin ich in dem Sinn auch kein politischer Mensch, der zu allen Themen immer gleich etwas zu sagen hat. Sich zu Dingen lauthals zu äußern, von denen man keine Ahnung hat, das mag ich überhaupt nicht.

Sie haben Theologie studiert. Rührt daher die Gelassenheit?

Es hat mehr mit Erfahrung zu tun. Als Verantwortlicher für diesen Theaterbetrieb drehe ich lieber an vielen kleinen Stellschrauben. Ich halte es für Quatsch, radikal den Gordischen Knoten zu durchschlagen. Offensichtlich bin ich jemand, der die Systeme von mehreren Seiten angeht.

Das Deutsche Theater hat eine mächtige Tradition. Fürchten Sie Vergleiche?

Früher, in Konstanz, wurde ich mit Heinz Hilpert konfrontiert, der nach dem Zweiten Weltkrieg dort mal anderthalb Jahre Intendant war. Bis in die achtziger Jahre hinein war das ein Thema – die Konstanzer hatten vergessen, dass sie ihn vertrieben hatten, wegen seiner Schuldenpolitik. Nachher wurde er heiliggesprochen. In Hamburg habe ich Leute erlebt, die von Gründgens schwärmten, nachdem sie dreißig Jahre lang nicht im Theater gewesen waren. Da wird dann die eigene Jugend beschworen – damals, bei Peymann oder Zadek oder Stein! Man spiegelt sich selbst in fernen Theaterzeiten.

Theater lebt vom Gedächtnis, weil es so ephemer ist. Theater braucht diese Tradition, diese Reibung.

Wir müssen keine Angst haben vor dem Heute. Auch ein Regisseur wie Nicolas Stemann, der „Ulrike Maria Stuart“ von Elfriede Jelinek inszeniert hat, ist schon eine Größe – und ein üblicher Name. Aber auch ein Zadek war früher mal ein üblicher Name, auch er musste kämpfen, um gut zu sein.

Also haben wir kein Gefälle, vielmehr eine Kontinuität?

Als ich nach Hamburg ans Thalia Theater kam, störte es mich nicht, dass man Jürgen Flimm nachweinte. Hätten sie ihm nicht nachgeweint, dann würden sie auch mich schnell vergessen. Dieses Festhaltenwollen ist eine Qualität.

Sie übernehmen von Ihrem Vorgänger Bernd Wilms etliche Inszenierungen.

Ich fände es falsch, alles auszuradieren. Ich muss doch wertvolle Aufführungen nicht zerschlagen. Bestimmte Inszenierungen von Jürgen Gosch, Dimiter Gotscheff und Michael Thalheimer müssen bewahrt werden. Wir bringen so viele neue Stücke heraus, dafür brauchen wir unsere ganze Kraft.

Sie behaupten, sich von Politik fernzuhalten. Aber Ihr Eröffnungsprogramm mit den Afrika-Stücken hat eine sichtbare politische Stoßrichtung.

Mich interessiert die existenzielle Grundierung. Das Individuum kommt in der Gesellschaft ja nicht darum herum, Entscheidungen zu treffen, Fehler zu begehen. Nehmen Sie nur Kleists Prinz von Homburg, Andreas Kriegenburg inszeniert das Stück – wie dieser Mensch sich müht, dazuzugehören und doch scheitert. Ein schwieriger Text, wenn ich jemand auf der Straße vermitteln will, worum es da geht. Selbst ein abgelegenes Stück wie „Das Goldene Vlies“ von Grillparzer, das wir im Oktober zeigen, lässt sich schlagender erklären.

Wie denn?

Da geht einer in die Fremde, erobert eine Frau und zerstört sie dann zu Hause. Das gibt es in jeder Schrebergartenkolonie.

Sex geht immer. Und wie würden Sie werben für „Öl“ von Lukas Bärfuss, eines Ihrer Eröffnungsstücke?

Da gehen Menschen in ein Land, wo sie arbeiten, dessen Schätze sie ausbeuten wollen, und sie sind einsam und einer fremden Welt ausgesetzt. Das erleben wir momentan in Afghanistan nicht anders als in Afrika. Schauen Sie, wie kalt und technisch und wie schnell in Afghanistan von den „richtigen Entscheidungen“ gesprochen wird.

Der Bundeswehroffizier in Kundus, der den amerikanischen Bombenangriff angefordert hat – ist das ein Homburg, ein Preuße unserer Zeit?

Er wird wohl nicht, wie Kleists Held, geträumt haben, und schon gar nicht von einer Liebesgeschichte. Aber man sieht das Dilemma - es wird von „richtig“ und „falsch“ gesprochen, bevor der Fall untersucht ist, und womöglich lässt sich der Zwischenfall gar nicht mehr untersuchen, weil die Toten schon beerdigt sind.

Sie haben das Existenzielle angesprochen. Theater muss existenziell sein, sonst braucht man es nicht.

Das glaube ich schon. Im Theater kann sich keiner davonstehlen, er kann sich nicht in ein anderes Programm einwählen. Man ist durch die Schauspieler, die da vor einem stehen, anders berührt, eben existenziell betroffen. Freilich gibt es auch Filme, die das schaffen, wie zum Beispiel „Inglourious Basterds“. Tarantino ist der totale Theaterregisseur, so wie er Szenen entwickelt. Man hört seinen Schauspielern stundenlang zu, es sind ja vor allem Theaterschauspieler und -szenen, bevor die Ballerei losgeht. Diese existenzielle Intensität möchte man auch im Theater haben.

Das Gespräch führte Rüdiger Schaper.


ZUR PERSON

Ulrich Khuon, 1951 in Stuttgart geboren, beginnt nach Stationen in Konstanz, Hannover und Hamburg nun seine Intendanz in Berlin.

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