Interview : Naomi Klein verfilmen

Die Regisseure Michael Winterbottom und Mat Whitecross über den Vorwurf des Antisemitismus und ihren Film „Shock Doctrine“ im Panorama, der noch nicht ganz fertig ist.

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Mat Whitecross und Michael Winterbottom (rechts). -Foto: ddp

Mr. Winterbottom, Mr. Whitecross, hat Sie die Lektüre von Naomi Kleins „The Shock Doctrine“ so begeistert, dass Sie sofort einen Dokumentarfilm darüber machen mussten?



MICHAEL WINTERBOTTOM: Wir wurden aus Naomis Umfeld angesprochen, ob wir das Buch nicht verfilmen wollten. Ich habe es dann gelesen, und es hat mich überzeugt. Naomi erzählt eine alternative Geschichte der letzten 30 Jahre. Als ich in den 80ern erwachsen wurde, wurde Großbritannien gerade von Thatcher komplett privatisiert. Das Buch half mir, diese Zeit zu verstehen. Außerdem erleben wir durch die Krise gerade eine historische Umwälzung. Eine neue Zeit ist angebrochen, die ein neues Denken braucht.

MAT WHITECROSS: Ich hatte vor diesem Film bereits drei verschiedene Projekte angedacht: eins über meine Eltern, die politische Gefangene in Argentinien waren; über einen US-Verhörspezialisten in Abu Ghraib; und über die Privatisierung des US-Schulsystems. Naomi stellt in ihrem Buch diese Geschichten in einen Zusammenhang. Das fand ich stark.

Was ist die „Shock Doctrine“, nach der auch Ihr Film benannt ist?

WINTERBOTTOM: Der Neoliberalismus, dessen Niedergang wir gerade erleben, hat sich nicht von alleine auf dem Globus ausgebreitet, sondern ist Gesellschaften immer dann aufoktroyiert worden, wenn sie unter Schock standen – nach Kriegen, Umweltkatastrophen oder Staatsstreichen. Es waren nie demokratische Entscheidungen, die ihm zum Durchbruch verhalfen, sondern er ist in Ausnahmesituationen durchgedrückt worden: etwa in Chile nach dem Putsch 1973 oder in England mit dem Falklandkrieg und der gewalttätigen Zerschlagung der Gewerkschaften in den 80ern. Eine Konsequenz ist, dass eine winzige Minderheit unvorstellbar reich geworden ist, während sich die Aussichten der Mehrheit verschlechtert haben.

Ist Ihr Film nicht ein langer Werbefilm für Kleins Buch? So wie Sie sie anhimmeln?

WINTERBOTTOM: Klar wollen wir ein neues Publikum für Naomi gewinnen. Eins, das mit Bildern mehr anfangen kann als mit Büchern. Wir haben mit Naomi zusammengearbeitet, sie hat Power.

Klein schlägt im Buch einen großen Bogen von Schock-Experimenten mit psychisch Kranken in den 50er Jahren bis zum Irakkrieg. Wie haben Sie da ausgewählt.

WHITECROSS: Wir haben versucht, Naomis narrativen Bogen nachzuzeichnen.

Es sieht eher so aus, als ob Sie sich danach gerichtet haben, wo am meisten Bildmaterial vorhanden war: Chile, England, Russland, Irak.

WINTERBOTTOM: Sicher, wir haben einen Film gemacht, dafür braucht man Bilder. Es gab sehr viel Material aus diesen Ländern.

Der Film ist noch nicht ganz fertig. Warum wollten Sie Ihn auf der Berlinale zeigen?

WHITECROSS: Wir sind fast fertig mit dem Schnitt. Aber Berlin wollte den Film unbedingt haben. Und wir haben ja eine tolle Beziehung zur Berlinale, natürlich auch wegen der Bären, die wir hier gewonnen haben. Wir fanden, dass das Festival mit seiner politischen Ausrichtung der richtige Platz für unseren Film ist.

Ihnen wurde bei einer Berlinale-Vorführung Antisemitismus vorgeworfen, weil der Jude und Ideologe des Neoliberalismus Milton Friedman im Film der Böse ist.

WINTERBOTTOM: Quatsch. Naomi Klein ist auch Jüdin.

Klein wurde für ihr Buch angegriffen, weil sie alle historischen Ereignisse ihrer These vom Desasterkapitalismus unterwirft.

WINTERBOTTOM: Geschichte wird immer konstruiert. Naomi hat eine provokante Erzählung geschaffen, mit der man sich auseinandersetzen muss.

Gibt es eine Renaissance des politischen Dokumentarfilms?

WINTERBOTTOM: Es gab vor einigen Jahren den Michael-Moore-Effekt, als viele politische Dokumentarfilme ins Kino kamen. Diese Zeit ist vorbei. Heute laufen sie im vor allem im Fernsehen.

Sind Sie Filmemacher oder Aktivisten?

WHITECROSS: Kann man das immer trennen? Wir sind engagiert. Wir wollen zeigen, was auf der Welt passiert.

– Das Gespräch führte Philipp Lichterbeck

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