Interview : Neue Welt in altem Gehäuse

Adrian von Buttlar ist der Vorsitzende des Landesdenkmalrates Berlin. Ein Gespräch über die Rekonstruktion des Neuen Museums

Adrian von Buttlar
Adrian von Buttlar. -Foto: Rückeis

Herr von Buttlar, Sie haben die „kritische Rekonstruktion“ des Neuen Museums von Anfang an begleitet. Sind Sie zufrieden?

Ja, sehr. Das Ineinander von Alt und Neu ist dem Haus angemessen und entfaltet eine gute Wirkung. Ein Zurückgehen auf den alten Zustand war nicht möglich.

Das Neue Museum gehört denkmalpflegerisch zu den umstrittensten Objekten Berlins. Die Debatte schwankte zwischen Totalrekonstruktion und modernem Wiederaufbau. Spiegeln sich die beiden Pole im heutigen Erscheinungsbild des Hauses?

Eine vollkommene Rekonstruktion ging aus fachlicher Sicht nicht – aus Ehrfurcht vor dem, was im Original erhalten war. Die öffentliche Diskussion hat gerade beim Ergänzungsbau eine Einfühlung in die Typologie befördert, ohne eine peinliche Historisierung hervorzubringen.

Was haben Sie aus dem jahrelangen Entscheidungsprozess gelernt?

Es war ein gemeinsamer Lernprozess, bei dem Bauherren, Architekten, Denkmalpfleger aufeinander zugegangen sind. Es gab kritische Augenblicke, etwa bei der Frage, ob man hier einen Fanfarenstoß wie den Entwurf von Frank Gehry zulassen darf. Zum Glück wurde zugunsten der historischen Struktur entschieden. Das zweite kritische Moment war, als die Stiftung den Weltkulturerbe-Antrag zurückzuziehen drohte. Nach den Erfahrungen mit dem Neuen Museum hoffen wir, auch beim Alten Museum und beim Pergamonmuseum weniger Substanzverlust zu haben. Es war nicht einfach, die Balance zwischen Historizität und Modernisierung zu wahren. Alle machten Kompromisse.

Wurde die Konservierung mancherorts nicht trotzdem zu weit getrieben? Böse Zungen sprechen schon von einem „Ruinenfetischismus“.

Auch Häuser des 19. Jahrhunderts haben im Laufe der Zeit hohen Stellenwert gewonnen. In allen Epochen hat es höchstrangige Objekte gegeben. Das Neue Museum besitzt die Qualität eines Renaissancepalazzo oder antiker Architektur, nicht zuletzt durch die neue Bautechnologie, die angewandt wurde. Es wäre nur peinlich geworden, das alles wieder wie einst auszumalen. Das hätte auch die Originalteile herabgesetzt.

Hätten Sie sich nachträglich auch beim Bode-Museum weniger Eingriffe gewünscht?

An einigen Stellen hätte weniger eingegriffen werden müssen – statt einer Totalerneuerung mit neuen Oberflächen, die der Museumstechnologie geschuldet war. Da wurde beim Neuen Museum wesentlich differenzierter vorgegangen.

Die Häuser auf der Museumsinsel wurden sehr unterschiedlich behandelt. Wäre nicht ein Generalkonzept besser gewesen?

Das geht nicht. Es gibt auf der einen Seite den Masterplan: wohin man will in Richtung Modernisierung, Erschließungen, etc. Auf der anderen Seite ist jedes Haus verschieden. Das Konzept des Neuen Museums ist nicht ohne Weiteres übertragbar. Denkmalpflege bedeutet Abwägen.

Bei der Treppenhalle kommt allerdings sehr drastisch die Gegenwart zur Geltung.

Die Wiederherstellung historischer Details hätte – wie von bürgerschaftlichen Initiativen gefordert – eine Komplettrekonstruktion erforderlich gemacht. Das wäre auf halbem Wege inkonsequent gewesen, man musste sich entscheiden. Wir haben uns für die abstrakte, neutrale Lösung stark gemacht und sind deshalb auch gegen die Wiederaufstellung der Koren, der Mädchenfiguren, als historisches Zitat. Man wird sich daran gewöhnen und das Bild des Verlorenen erinnern. Denn es ist eine neue Welt in altem Gehäuse.

Das Gespräch führte Nicola Kuhn.

Adrian von Buttlar ist der Vorsitzende des Landesdenkmalrates Berlin, dem er seit 1994 angehört, und hat an der TU einen Lehrstuhl für die Kunstgeschichte der Moderne inne.

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