Interview : "Nichts ist gewaltiger als das Bild"

Jury-Präsident Constantin Costa-Gavras über politisches Kino, Europas Migranten – und seinen Respekt vor der Wirklichkeit.

Constantin Costa-Gavras
Constantin Costa-Gavras. -Foto: dpa

Monsieur Costa-Gavras, am 12. Februar feiern Sie während der Berlinale Ihren 75. Geburtstag. Was wünschen Sie sich?

Ich wünsche mir gute Filme! Ich war bisher nur ein Mal in einer Festival-Jury, 1976 in Cannes. Es war toll! Die Leute lassen einen in Ruhe, denn ich darf ja nichts verraten von meiner Jury-Tätigkeit.

Damals gewann Martin Scorsese mit „Taxi Driver“. Heute eröffnet sein StonesDokumentarfilm „Shine a Light“ die Berlinale. Wer war 1976 noch in der Jury?

Tennessee Williams als Präsident, Charlotte Rampling, Mario Vargas-Llosa, ein spanischer Filmkritiker und ein Schriftsteller aus dem Libanon. Williams war ein alter Mann, ich glaube, er interessierte sich nicht sonderlich für Filme. Jedenfalls bat mich das Festival, Vizepräsident zu werden. Ich habe also ein bisschen Übung. Hoffentlich finde ich in Berlin trotzdem Zeit, meinen neuen Film vorzubereiten.

Er heißt „Eden is West“ und erzählt von illegalen Immigranten in Europa. Zum ersten Mal drehen Sie in Ihrem Geburtsland Griechenland.

Ja, es ist seltsam. Dass ich noch nie dort gearbeitet habe, liegt daran, dass ich „Z“, meinen Film über die griechische Militärdiktatur, aus politischen Gründen nicht in Griechenland drehen konnte. „Eden is West“ könnte überall spielen. Wir drehen auf Kreta, weil es dort diese irrwitzigen Luxushotels gibt, deren Bungalows ein Vermögen kosten. Eins dieser Wellness-Resorts wurde als weltweit bestes Spa ausgezeichnet! Mein junger Held aus einem armen Land gerät nun ausgerechnet dorthin. Da man das wirkliche Leid der Immigranten nicht mal eben auf der Leinwand zeigen kann, möchte ich den Film so leicht wie möglich machen. Vor allem werde ich von uns erzählen, von der Gesellschaft, in die der Flüchtling hineingerät.

Weil es Sie ärgert, wie wir Europäer den Migranten begegnen?

Es wäre naiv zu glauben, dass wir alle aufnehmen können. Aber es ärgert mich sehr, dass wir ihnen nicht wenigstens helfen und die Lebensverhältnisse etwa in Afrika verbessern. Das ist fatal. Die Flüchtlinge haben zu Hause keine Träume mehr. Ihr Traum ist Europa, und wir nehmen ihnen auch noch diese Hoffnung. Das macht mich wütend, dass wir sie so erniedrigen und mit leeren Händen wieder zu ihren Familien abschieben. Wir werfen sie weg, als seien sie Menschen zweiter Klasse.

Als junger Mann sind Sie nach Frankreich eingewandert. Fühlten Sie sich auch wie ein Menschen zweiter Klasse?

Ich kam Mitte der fünfziger Jahre nach Paris. Ich hatte ein Touristenvisum, konnte aber problemlos an der Sorbonne Literatur studieren, fühlte mich schnell anerkannt und geriet als Filmassistent in den Kreis um Simone Signoret und Yves Montand, wo ich auch Chris Marker und Michel Foucault kennenlernte. Es war eine großartige Zeit, in der ich etwas Wichtiges lernte: dass man Verantwortung hat für die Gesellschaft, in der man lebt.

Wie haben Sie das gelernt?

Yves Montand war ein großer Star, er hatte Macht über die Menschen und fühlte sich in besonderem Maß verantwortlich. Als ich zum ersten Mal zu ihm ging, war ich überrascht, wie klein das Haus an der Place Dauphine war, alle nannten es „La Roulotte“, den Wohnwagen. Ich hatte gedacht, ein Star wohnt luxuriöser. Er unterstützte auch den Nachwuchs, hat Filme von unbekannten jungen Leuten produziert, von mir oder Alain Corneau. Filmleute sind Narzissten, aber Montand und Signoret hatten nie nur sich selbst im Blick.

Warum hat sich die Situation für Einwanderer so drastisch verändert?

Es waren andere Zeiten. Damals brauchten die Industrienationen dringend Arbeiter, heute werden die Kinder und Enkelkinder dieser Auswanderer immer noch wie Ausländer behandelt. Das ist eine Tragödie, es ist Rassismus und begünstigt den Extremismus. Meine Frau Michèle und ich haben Filme von Mehdi Charef produziert, die jungen Leute arabischer Herkunft erzählen uns immer wieder, wie sie von der Polizei geduzt und schlecht behandelt werden. Dabei brauchen Menschen Respekt, du musst deinen Nächsten nicht lieben wie dich selbst, aber du musst ihn respektieren. Es gibt bei uns keine Kultur des Respekts mehr.

Kann das Kino etwas dazu beitragen?

Ja. Man kann zeigen, was geschieht, wenn es an Respekt fehlt.

Sie möchten, dass ein Film mich beschämt?

Scham ist gut. Wozu sind Filme da? Damit wir Gefühle entwickeln. Der Zuschauer soll sich schämen oder traurig sein oder beglückt. Das ist wichtig, denn all unser Handeln basiert auf Gefühlen.

Hass ist ein guter Motor, sagten Sie einmal.

Als ich „Z“ drehte, war ich von Hass gegen das Obristenregime erfüllt. Warum hasst man etwas? Weil es das bedroht, was man liebt. Hass ist ein gutes Gefühl. Natürlich muss man ihn kontrollieren und in etwas Kreatives verwandeln.

Nach „Z“ dachten alle, Sie seien Kommunist. Dann drehten Sie „Das Geständnis“ über die Prager Schauprozesse, und man beschimpfte Sie als Antikommunisten.

Es war die Zeit des Kalten Kriegs und der Studentenbewegung. Viele waren sehr fanatisch. Es war unmöglich zu sagen, ich bin zwar kein Kommunist, aber ich glaube, den Arbeitern geht es schlecht.

40 Jahre 1968, darüber wird jetzt viel diskutiert. Wie haben Sie und Ihre Frau den Pariser Mai erlebt?

Wir wohnten um die Ecke von der Sorbonne, die Revolte spielte sich vor unserer Haustür ab. Meine Frau, die damals als Journalistin arbeitete, war gerade im Nahen Osten, um Ulrike Meinhof zu interviewen. Ich lief mit meinem Stiefsohn weinend durch die Straßen, weil die Polizei die Demonstranten ständig mit Tränengas attackierte. Es herrschte eine Atmosphäre von unglaublicher Freiheit. Die Studenten hatten die Sorbonne besetzt, in jedem Hörsaal wurde diskutiert. Wir Filmleute hatten fast 24 Stunden lang ein großes Kino in Nanterre besetzt. Ich saß neben Alain Resnais, Chabrol moderierte, Godard, Truffaut, alle waren da. Wir fingen am Nachmittag an, redeten uns die Köpfe heiß über Zensur und die Freiheit der Bilder und darüber, ob der Kinoeintritt gratis sein müsse. Am nächsten Vormittag saßen wir immer noch dort.

1968 wird heute auch kritisiert: In dieser Zeit liege die Wurzel zur späteren Gewalt der Terroristen.

Wenn Nicolas Sarkozy jetzt sagt, wir sollten ’68 vergessen, ist das Unsinn. Die Studentenbewegung hat die gesamte öffentliche Mentalität verändert. Von der Gewalt hat die Linke sich zum Glück wieder verabschiedet, und das Erbe von 1968 ist die Grundlage unserer heutigen Gesellschaft. Wie viele unserer heutigen Politiker sind 68er! Gut, sie haben ihre Ideale der Wirklichkeit angepasst und Zugeständnisse gemacht. Die Frage ist nur, wer sich wem annähert. Unsere Gesellschaft hat sich umgekehrt ja auch den Ideen von 1968 angepasst.

Ihre Tochter Julie hat ihren ersten Film gedreht, in „Blame it on Fidel“ geht es um die Tochter radikaler politischer Eltern. Streiten Sie mit Ihren Kindern über Politik?

Sie streiten manchmal mit mir, zum Beispiel, als ich kürzlich mit Sarkozy wegen eines Abkommens über Koproduktionen in Algerien war.

Wie bitte, Sie gehörten zu Sarkozys Entourage?

Ja, vor etwa einem Monat, mein jüngster Sohn und meine Tochter haben mir das zunächst sehr übel genommen. Ich habe immer Mitterrand, Jospin und zuletzt Ségolène Royal gewählt Aber nun ist Sarkozy Präsident, Frankreich ist in schlechter Verfassung, und ich hoffe, dass er im Lauf seiner Amtszeit ein paar Probleme lösen kann.

Was halten Sie denn vom aktuellen politischen Kino aus Hollywood?

Es ist interessant, dass die Initiative dazu nicht von den großen Studios ausgeht, sondern von den Stars, von George Clooney, Robert Redford oder Clint Eastwood. Der Irakkrieg ist eine große Tragödie, und spätestens seit Vietnam ist es eine amerikanische Tradition, in Filmen über die eigenen Probleme zu reden. Wobei es schwer ist, den Tagesaktualitäten in der Fiktion die Stirn zu bieten.

Die Berlinale zeigt mit Errol Morris’ Film über Abu Ghraib erstmals einen Dokumentarfilm im Wettbewerb. Warum haben Sie selbst nie dokumentarisch gearbeitet?

Weil es schwerer ist als Fiktion. Bildern von der Wirklichkeit begegne ich mit großem Respekt. Sie haben eine außergewöhnliche Kraft. Die Macht der Bilder liegt ja schon in unserer Biologie begründet. Es ist ein Urinstinkt: Wir können der Gefahr nur entgehen, wenn wir sie früh genug sehen. Heute sind die Bilder allgegenwärtig, mein Freund Jorge Semprun fürchtet sogar, dass wir eines Tages überhaupt nicht mehr schreiben und lesen und alles über Bilder lernen. So weit sind wir zwar noch nicht, aber die Macht der Massenmedien ist gewaltig. Die Reaktion auf die Bilder von Abu Ghraib war in der Tat so stark, dass die Akzeptanz des Irakkriegs seit diesem Tag abgenommen hat.

Warum mögen Sie es eigentlich nicht, wenn man Sie einen politischen Filmemacher nennt?

Was ist Politik: die Partei, die wir wählen, oder die Art, wie wir uns verhalten? Jeder von uns hat ein bisschen Macht. Andere haben Macht über uns, aber wir selbst haben ebenfalls welche, Sie als Journalistin, ich als Filmemacher. Selbst wenn jemand sagt, Politik interessiert mich nicht, ist das eine politische Haltung.

Und warum bauen Sie immer Mainstreamelemente in Ihre Filme ein?

Weil ich ein Spektakel veranstalte, eine Show. Das griechische Theater, Molière, Shakespeare, Brecht – alles Spektakel. Wer ins Kino geht, geht nicht zu einer politischen Versammlung. Ich habe meinen Enkelkindern gerade „Modern Times“ gezeigt und merkte wieder, wie unglaublich aktuell Charlie Chaplin ist, wenn er von Arbeitslosen erzählt oder vor allem davonläuft, was Uniform trägt. Ist das nun Entertainment oder l’art pour l’art? Nein, Kino ist Kunst für ein großes Publikum.

Das Gespräch führte Christiane Peitz.

Constantin

Costa-Gavras
, geb.

am 12.2.1933 im griechischen Loutra, ging 1951 nach Frankreich und lebt mit seiner Frau, der Produzentin Michèle Ray-Gavras, in Paris.

Er ist einer der bedeutendsten politischen Filmemacher. Für Z mit Yves Montand gewann er 1969 zwei Oscars. In seinen Politthrillern mit Stars wie Jack Lemmon, Jessica Lange und Dustin Hoffman prangert er Unrecht und Unfreiheit überall auf der Welt an.

1990 erhielt er für Music Box den Goldenen Bären, 2002 kam er mit der „Stellvertreter“-Verfilmung Amen zur Berlinale. Dieses Jahr ist er Präsident der Jury, der u. a. Sandrine Bonnaire und Diane Kruger angehören.

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