Interview : Spionieren in Hollywood

In "Julia" stöckelt sie als Alkoholikerin durch den Morgen nach der Party. In Isaac Juliens Panorama-Beitrag "Derek" läuft sie mit hellwachem Blick durch London. Tilda Swinton spricht sich aus: Über Filmkunst, Aids und Oscars.

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Adel verpflichtet: Die Britin Tilda Swinton zu Gast in Berlin. -Foto: AFP

I Tilda Swinton, die 47-jährige Tochter aus dem schottischen Hochadel, die Underground-Queen, die Huren und Madonnen, Männer und Frauen, Luder und Ladys gespielt hat. Swinton, die eine Oscarnominierung für ihre Rolle in „Michael Clayton“ bekommen hat, – sie ist noch einmal zur Berlinale gekommen, um für „Derek“ zu werben. 22 Jahre ist es her, dass sie mit Derek Jarman und „Caravaggio“ erstmals beim Festival zu Gast war. Jetzt sitzt sie in einer Suite des Hotels Concorde mit Blick auf das alte West-Berlin und schaut zurück nach vorn.

Über das Wir-Gefühl:

„Anders als Malerei oder Literatur ist Film Teamarbeit. Trotzdem favorisiert die Filmindustrie das Auseinanderdividieren. So ein Unsinn: Draußen sind lauter fantastische Leute, und du sollst allein in deinem Trailer sitzen und vor dem Spiegel deinen Text auswendig lernen? Das geschieht aus Unsicherheit, basiert auf Angst. Dabei ist es so einfach: Ich bin fast nie in meinem Wohnwagen – oder er ist umgekehrt voller Leute. Ich genüge mir selbst nicht. Das weiß ich seit der Zeit mit Derek Jarman: dass es großartig ist, mit Freunden Filme zu machen.“

Über die Aktualität der Utopie:

„Nichts von dem, wofür wir in den Achtzigern kämpften, hat sich erledigt. Ich habe „Derek“ nicht wegen der guten alten Zeiten produziert, sondern wegen der neuen Zeiten. Es gibt vielleicht keine neue Protestbewegung, aber doch Protestmomente.Wir stecken in einer Sackgasse: Die Lage für das Arthouse-Kino hat sich erheblich verschlechtert. Derek Jarman starb 1994 an Aids, zur gleichen Zeit ging die Kultur in Großbritannien den Bach hinunter. Vorher klagten wir über schlechte Arbeitsbedingungen, aber wir konnten immerhin noch arbeiten. Heute ist das unmöglich. Das British Film Institute als Förderinstanz für Leute wie Derek Jarman, Peter Greenaway, Sally Potter, Isaac Julien oder Terence Davies wurde systematisch zerstört. Filme werden über die Staatliche Lotterie finanziert, die sich als profitorientierte Filmförderung versteht. Vor allem für junge Künstler ist das die Pest. Dummerweise müssen wir sagen: Wir wollten es so. Wir haben Tony Blair und New Labour gewählt.“

Über Aids:

„Dass die Protestbewegung der Achtziger zum erliegen kam, hatte viel mit dem Aids-Trauma zu tun. Meine über 90-jährige Großmutter sagte zu mir: Du bist eine junge Frau, es kann nicht sein, dass du dieses Jahr auf 43 Beerdingungen warst. Heute denken viele junge Leute, mit den lebensverlängernden Medikamentencocktails sei Aids heilbar geworden und wir Älteren würden übertreiben. Aids ist ein Mythos, und über die damalige Zeit ist die Klappe zugeschlagen und ein Teppich geschoben worden. Mit „Derek“ möchte ich etwas gegen diese Amnesie tun, denn mit dem Protest erstarb eine ganze Kultur der Freiheit, eine lautstarke, manchmal wütende Kreativität.“

Über Hollywood:

„Ich fühle mich dort wie ein Spion. Das Geheimnis heißt Geld, viel Geld. Je mehr ein Film kostet, desto größer ist der zeitliche Abstand zwischen der Kreativität und der eigentlichen Entstehungszeit des Films. Das ist eine nützliche Information: Dass es viel einfacher ist, mit einem Schnellboot auf widrige Winde zu reagieren als mit einem schweren Tanker. Wenn du Lowbudget arbeitest, ist das Chaos mit an Bord. Du hast diese Location nur bis 18 Uhr, aber es regnet und du brauchst unbedingt Sonne für die Szene. Wenn du ein 200-Millionen-Dollar-Budget hast, wartest du einfach. Wenn du ein kleines Budget hast, sagst du: Toll, es regnet, ich lasse mir was einfallen. Etliche meiner großen Studiofilme habe ich allerdings mit echten Filmfreaks gedreht: Andrew Adams, David Fincher oder Spike Jonze. Das ist ähnlich wie damals mit Jarman. Da braucht nur irgendein Computerkid mit einer neuen Technik auf dem Set zu erscheinen mit der man Brad Pitt um 20 Jahre verjüngen kann und plötzlich verwandeln sich alle in Experimentalfilmer.“

Über „Julia“:

„Der Film war eine Heimkehr für mich. Das Chaos dieser Frau, die raue Ästhetik: Ich wollte schon lange so etwas Instinktives machen. Erick Zonca macht zoologisches, animalisches Kino. Ich war zum ersten Mal keine Schauspielerin, sondern habe meine Fähigkeiten zu etwas Neuem verschmolzen. So wie man seine Juwelen und sein Gold nimmt und zu einem Klumpen zusammenschmilzt. Ich wollte, dass Julia nicht wie Tilda Swinton aussieht. Sie war nicht in mir drin, ich habe mich in sie hineinbegeben. Es ist nicht mal mein Körper, wie übrigens auch die Konzernsprecherin in „Michael Clayton“ nicht meinen Körper hat, sondern Speckröllchen. Das passt überhaupt nicht zu meiner Statur, ist also gut, um zu zeigen wie dissonant diese Frau sich in ihrem Körper fühlt.“

Über die Oscars:

„Der Streik ist vorbei, ich werde zur Verleihung gehen, spionieren und neue Geheimnisse lüften.“

Aufgezeichnet von Christiane Peitz.

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