Interview : Star-Autor Sullivan: „Ich bin wie Pacman“

John Jeremiah Sullivan spricht im Interview über seinen Reportageband „Pulphead“ und seine Idee von New Journalism.

Lutz Happel

Mister Sullivan, verstehen Sie Ihre in „Pulphead“ gesammelten Reportagen als politische Literatur?

Der politische Aspekt meines Schreibens findet sich eher unter der Oberfläche. Ich suche einfach nach Geschichten. Amerika ist groß, ein riesiges Chaos, so dass es schwer ist, eine gültige Aussage zu treffen, ohne sie sofort auf 25 Arten relativieren zu müssen. Die Frage ist immer: Worüber genau redest du eigentlich?

Lebt „Pulphead“ deshalb von so vielen Sujets: der Tea Party, Axl Rose, Disneyland, Christenrock, einem Naturforscher des 18. Jahrhunderts oder der Höhlenmalerei?

Mein Buch soll wie ein Insektenauge funktionieren. Viele kleine Augen erzeugen zusammen ein stimmiges Bild.

Der deutsche Untertitel lautet „Vom Ende Amerikas“. Wie kann etwas am Ende sein, das so reich an Geschichten ist?

Der Titel ist auch geografisch gemeint, er deutet auf die entlegenen Orte hin, an die mich meine Recherchen geführt haben. Der russische Theoretiker und Schriftsteller Viktor Schklowski benutzte das Wort Verfremdungseffekt. Deswegen hat es beispielsweise so viel Spaß gemacht, über Michael Jackson zu schreiben.

Sie beschreiben ihn nicht als gescheitertes Monster, sondern als „das größte Werk postmoderner Bildhauerkunst“.

Michael Jackson ist eine Figur, zu der sich offenbar jeder eine Meinung gebildet hat. Es macht mir Spaß, mit solchen Meinungen zu spielen. Jedes Detail kann Irritationen hervorrufen. Der Boden unter den Füßen des Lesers verschiebt sich dadurch ein klein wenig, und das Gefühl verschwindet, bereits zu wissen, wovon der Text handelt, den man gerade liest. Meinungseifer ist der Feind des Denkens.

Sie sind bekannt für Ihre umfangreichen Recherchen. Gibt es Momente, in denen Sie überrascht sind über die Tiefen, in die Sie dabei vorstoßen?

Während der Arbeit an meinem neuen Buch passiert das ständig. Als ich anfing, über Christian Gottlieb Priber, einen Juristen aus Zittau, zu recherchieren, war er für mich nur ein Abenteurer aus dem 18. Jahrhundert.

Nie von ihm gehört.

Niemand scheint je von ihm gehört zu haben. Er behauptete, aus Sachsen geflohen zu sein, weil man ihn wegen seiner Utopie eines idealen Gemeinwesens einsperren wollte. Jedenfalls landete er, woher ich stamme, im heutigen Tennessee. Dort lebte er sechs Jahre lang unter Indianern. Priber war seiner Zeit voraus. Er war Feminist, Sozialist, Advokat der Sklaven und Anti-Kolonialist.

Welche Form wird Ihr Buch haben?

Wenn ich es hinkriege, wird sich das Ganze wie ein Roman von García Márquez lesen, doch nur aus historischen Fakten bestehen. Zusammen mit einem Assistenten fresse ich mich wie Pacman durch Zehntausende von Dokumenten.

Wie wollen Sie erzählen, ohne zu erfinden?

Das ist eine der Schwierigkeiten dieses Buches. Ich darf nichts erfinden. Ich darf keine Spielchen treiben wie: „Er erwachte am Morgen des 29. März und sein Herz war voll des Mutes.“ Deshalb arbeite ich schon seit 15 Jahren daran.

Viele Kritiker verorten Sie im sogenannten New Journalism und vergleichen Sie mit Autoren wie Tom Wolfe oder Hunter S. Thompson. Man findet in Ihren Texten aber nicht einen Hauch von deren Zynismus.

Zynisch schreiben ist einfach. Es fühlt sich an wie Tischtennisspielen. Ich spiele aber lieber Tennis. Ich möchte nicht behaupten, dass man keine brillanten Satiren schreiben kann, aber es interessiert mich nicht besonders. Außerdem ergibt der Begriff New Journalism nur Sinn, wenn man im Jahr 1704 beginnt, mit Daniel Defoes Buch „The Storm“ über einen Hurrikan, der England traf. Joseph Eddison und Richard Steele, die die Zeitschriften „The Spectator“ und „Tatler“ gründeten, Samuel Johnson und das „Gentleman’s Magazine“ oder eben Defoe und die „Weekly Review“ – die haben im 18. Jahrhundert den New Journalism erfunden.

Woher kommt Ihre Empathie?

So sehe ich die Welt: Mitfühlen impliziert Vergebung. Für mich klingt das nach einem vernünftigen Standpunkt, denn jedes Exemplar unserer abgefuckten Spezies kommt mit Handicaps auf die Welt.

Gab es Momente, in denen Sie merkten, zu nah dran zu sein?

Definitiv. Die meisten Stücke haben es deshalb nicht in das Buch geschafft. Manche von denen, über die ich schreibe, fühlten sich aber auch aus zu großer Nähe wahrgenommen. Es scheint etwas Unheimliches darin zu liegen, beschrieben zu werden, vergleichbar damit, Aufnahmen der eigenen Stimme zu hören. Anders als die Tiere, müssen wir nicht nur mit uns selbst, sondern zusätzlich mit der Idee von uns klarkommen. Das ist vielleicht ein grausames Schicksal, aber ein interessantes.

Das Gespräch führte Lutz Happel.

John Jeremiah Sullivan, Jahrgang 1974, ist in den USA der namhafteste literarische Reporter seiner Generation. Mit „Pulphead“ (Suhrkamp) machte er auch in Deutschland Furore.

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