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Interview : Stephen Frears: „Ein bisschen Lubitsch schadet nicht“

30.11.2011 16:56 Uhrvon
Dinosaurier des Autorenfilms. Stephen Frears, 70, spricht am Freitag, den 2. Dezember, über "The Queen". Foto: dpa Foto: dpaBild vergrößern
Dinosaurier des Autorenfilms. Stephen Frears, 70, spricht am Freitag, den 2. Dezember, über "The Queen". Foto: dpa - Foto: dpa

Am Samstag wird der britische Filmemacher Stephen Frears im Berliner Tempodrom mit dem Europäischen Filmpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Ein Gespräch über das Kino in Europa, den Kapitalismus, seine jüdische Mutter, die Queen und Bruce Willis.

Einer der letzten warmen Herbsttage in London. Wir treffen uns im Café Raoul’s, in einer der wenigen Straßen des Nobelviertels Notting Hill, die sich noch Reste von Normalität bewahrt haben. Stephen Frears wohnt um die Ecke, seit über 30 Jahren.

Mr. Frears, als Sie sich nach der Bekanntgabe des Europäischen Ehren-Filmpreises bedankten, sagten Sie, Sie seien nicht sicher, ob England überhaupt in Europa liege. Was macht Sie so skeptisch?
Wir sind in der EU, aber wir haben den Euro nicht, also sind wir nur halbherzige Europäer. Sie müssen Geld wechseln und Ihren Pass zeigen, wenn Sie nach London kommen, ich kann mich dafür nur entschuldigen! Und wir sind Inselbewohner.

Aber anders als viele meiner Landsleute bin ich für Europa. Wobei selbst ich angesichts der Schuldenkrise oft denke, zum Glück haben wir das Pfund und stecken nicht im Euro-Schlamassel.
Wie macht sich das Inselhafte bemerkbar?
Das Problem dieses Landes ist das Gewicht der Tradition: Shakespeare, die Queen, all das. Das Konservative ist einfach bedrückend. Die jetzige Regierung schafft Verhältnisse wie unter Churchill oder Macmillan. Heute werden wir wieder von der Oberschicht regiert. Ich bin ein Kind des Wohlfahrtsstaats der 60er und 70er Jahre, er war eine großartige Erfindung. Aber er wurde unter Maggie Thatcher korrumpiert.
Der Kapitalismus steckt in der Krise, stimmt Sie das optimistisch?
Der Kollaps war wohl unvermeidbar, Karl Marx hat es vorausgesagt. Aber dass viele jetzt auf die Straße gehen, hat mit ihrer schrecklichen Lage zu tun. Die Basis des modernen Großbritannien war die industrielle Revolution mit riesigen Industrien, Baumwolle, Schiffbau, Bergbau. Das ist vorbei. Vor allem für die jungen Leute gibt es keine Jobs, das macht mir Sorgen. Zum Glück lassen sich viele ihren Optimismus nicht nehmen.
Auf Tony Blair haben Sie einmal große Hoffnungen gesetzt, aber dann haben Sie sich geärgert, dass Sie ihn in „The Queen“ sympathisch dargestellt haben.
Es gibt zwei Dinge in meinem Leben, die ich irgendwann mit absoluter Sicherheit wusste: Dass es keine Massenvernichtungswaffen im Irak gibt und dass Tony Blair die Labour-Partei zerstören würde. Als ich „The Queen“ drehte, hatte er gerade mit großer Mehrheit eine Wahl gewonnen, es war nicht absehbar, dass er den Irakkrieg mit anzetteln würde. Aber schon kurz nach Dianas Tod 1997 hatte er gelogen: Bernie Ecclestone, der Rennstallbesitzer, spendete Labour eine Million Pfund, die Regierung erlaubte daraufhin Zigarettenwerbung bei Autorennen. Blair bestritt jeden Zusammenhang und sagte den berühmten Satz: „Ihr wisst, ich bin eine ehrliche Haut.“ Seitdem wusste ich, er ist ein Wahrheitsverdreher.
Sie stammen aus einer gewöhnlichen Mittelschichtfamilie, was hat Sie politisiert?
In den Sechzigern gab es den Mainstream des Dagegenseins, es war normal, gegen die Atombombe zu demonstrieren. Ich habe erst spät angefangen, selber zu denken, dank Hanif Kureishi, mit dem ich 1985 „Mein wunderbarer Waschsalon“ drehte. Ich war schon über 40. Später fiel mir auf: Wir haben zwar einen Anti-Thatcher-Film gedreht ...
... über pakistanische Einwanderer und britischen Ausländerhass ...
..., aber der Erfolg des Films machte uns zu kleinen Geschäftsleuten. Wir wurden genau so, wie Miss Thatcher uns wollte.
Ihre Filme handeln von Arbeitern oder Adeligen. Ist die Mittelschicht uninteressant?
Im Gegenteil, von Chabrol gibt es großartige Filme über die Mittelschicht. Ich selbst kann offenbar besser Filme über das drehen, was mir nicht so vertraut ist. Zumal man dabei wunderbare neue Welten entdeckt. Vielleicht schreibe ich deshalb meine Scripts nicht selbst: Die Drehbuchautoren sind meine Reiseführer.
Ist England heute multikultureller als zur Zeit von „Der wunderbare Waschsalon“?
Ich habe ein Haus auf dem Land, wenn ein schwarzer Freund mich da besucht, starren alle ihn an, da geht es bis heute nicht sonderlich multikulturell zu. London hat sich da schon verändert, wobei Notting Hill vor allem stinkreich geworden ist. Haben Sie die Preise in den Auslagen gesehen? Es sind unvorstellbare Zahlen. Der Laden dort gehörte einst einem blinden indischen Schneider. Da drüben war ein Elektrogeschäft, überall gab es kleine Läden mit nützlichen Dingen, sie sind fast alle verschwunden. Der Eckladen hier ist ein Enthaarungs-Studio und im Café plaudern die Kellner über Victoria Beckham. Es gibt kein Entkommen.
Wie hat sich denn das Filmemachen in den letzten 30 Jahren verändert?
Es wird immer mehr vom Geld regiert. Als ich in den Siebzigern für die BBC arbeitete, gab es frischen Wind, auch wenn niemand etwas verdiente. Ich kam vom Royal Court Theatre, einem Autorentheater, und die BBC war ein Paradies für Autorenfilmer. Das Entscheidende waren die Drehbücher, sie wurden von Englands besten Autoren verfasst und handelten von den aktuellen Problemen. Das war für mich noch wichtiger als für Ken Loach oder Mike Leigh, da ich meine Bücher wie gesagt nicht selber schreibe. Man nennt uns drei gerne in einem Atemzug, das ist okay, denn wir kennen uns natürlich und ich schätze sie sehr. Aber wir sind Einzelkämpfer.

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