Interview : Stuckrad-Barre: "Ich zahle gerne Steuern"

Mit seinem Buch "Soloalbum" wurde er einst zu einem der wichtigsten Protagonisten der sogenannten Popliteratur. Benjamin von Stuckrad-Barre spricht mit dem Tagesspiegel über Westerwelles Hautproblem, Popliteratur und seine Kindheit als Pastorensohn.

Stuckrad_Barre
Wie guckt eigentlich Pofalla? Der Popliterat und Reporter Benjamin v. Stuckrad-Barre. -Foto: laif

Herr Stuckrad-Barre, in Ihrem neuen Buch „Auch Deutsche unter den Opfern“ gibt es einige Politikerporträts, die während des Bundestagswahlkampfs erschienen. Auffällig ist, dass Sie keine politische Einordnung vornehmen.



Ich bin ja kein Journalist. Mich interessieren die Vorgänge im Sozialen, die Gesten, der Sprachmüll. Ich finde es nicht spannend, wie sich das nun mit der Gesundheitsreform verhält. Ich schaue mir an: Wie guckt Pofalla, wenn die Kanzlerin guckt?

Und wie guckt er?

Sehr entgegenkommend. Das war auffallend bei Merkel, wie viel Angst da im Raum ist. Man merkt: Die Männer kommen nicht damit klar, dass der Boss eine Frau ist. Und dann rutschen sie auf ihrer eigenen Überheblichkeit aus. Pofallas Unterwürfigkeit ist ja auch eine Form der Überheblichkeit.

Guido Westerwelle haben Sie auf seine schlechte Haut angesprochen. Das hatte sich vorher noch niemand getraut.

Das ist doch das Erste, was einem zu Westerwelle einfällt! Ich bin seit 20 Jahren Stammgast bei Hautärzten und weiß, was Hautprobleme im Selbstbewusstsein anrichten können. Die Stunden mit den Cremetuben im Badezimmer, der Anblick im Spiegel. Und die Ärzte, die sagen: Richtig gut wird’s sowieso nie. Als Politiker muss man damit ja ständig ins Licht. Ich hatte mich auf das Treffen intensiv vorbereitet, doch am Ende schnurrte für mich alles auf eine Frage zusammen: Wie kann man sich mit so einem vernarbtem Gesicht ins grelle Licht stellen und sagen: „Alle mal herhören, ich weiß, wie man Steuern und Staatsverschuldung gleichzeitig senken kann!“? Geschieht das trotz oder wegen der Narben? Westerwelle fand das Thema überhaupt nicht anzüglich.

Was hat er geantwortet?

Er hat etwas gesagt, das man sofort vergessen konnte. Aber das war, weil es nichts Besonderes war, eine gute, eine wahre Antwort.

Wegen Ihres persönlichen Zugangs zur Gegenwart nennt man Sie Popliterat.

Vor zehn Jahren dachte ich, mich dagegen wehren zu müssen. Heute fühle ich mich nicht mehr verantwortlich für die Benennung des Genres, in dem ich arbeite.

Wie würden Sie Ihre Arbeit bezeichnen?

Ich laufe durchs Land und versuche, festzuhalten, was der Fall ist, was aktuell los ist in Deutschland, wie gesprochen, regiert und überlebt wird. Ich sitze gern in einem Regionalexpress und hüpfe so durchs Land. Wie man das nun nennen soll? Keine Ahnung. Der Begriff „Literatur“ ist ein Allesfresser, den akzeptiere ich selbstverständlich auch für mich.

Dennoch galten Sie als Popstar: Ihr Debütroman „Soloalbum“ war ein Bestseller, Ihre Liebesgeschichte mit Anke Engelke Thema im Vermischten. Als Sie 1999 mit Kollegen den Gesprächsband „Tristesse Royale“ herausgaben, lautete der Untertitel „das popkulturelle Quintett“.

Bescheuerter Untertitel.

Kaum ein Buch aus dieser Zeit hat so viel Empörung hervorgerufen. Fünf blasierte Schnösel treffen sich im Adlon, um über’s Leben zu reden.

Ist der Autor, der sein Handwerk am Literaturinstitut in Leipzig gelernt hat, dann einen todlangweiligen Erstling rausbringt und sich mit nachdenklichem Gesicht fotografieren lässt, etwa nicht blasiert? Dagegen hat sich unsere Attacke gerichtet. Wir fanden die Erscheinungsformen der Gegenwartsliteratur hässlich, wir konnten uns über das Goethe-Institut nur totlachen. Ich wollte Literatur so auf die Bühne bringen, dass es mir selbst Spaß macht. Ich habe nie in Literaturhäusern gelesen, sondern in Clubs oder Orten, die normal an die Welt angeschlossen sind.

Warum trafen Sie sich im Adlon? Einen künstlicheren Ort gibt es nicht.

Das stimmt. Wenn man da reinkommt, hat man das Gefühl, in der Fußgängerzone von Dubai zu sein. Das soll klassisch wirken, ist aber viel zu niedrig, dann plätschert die ganze Zeit dieser Brunnen. Für uns war das wie eine Theaterkulisse.

Liest man das Buch heute, wirkt es sehr traurig: Fünf junge Männer wissen nicht, was sie mit ihrem Leben anstellen sollen.

Ich fand das damals schon traurig. Am Ende wussten wir gar nichts mehr, die Begriffe, die da die ganze Zeit durch die Gegend gewirbelt wurden, waren leer, und das wiederum war ganz amüsant. Außerdem waren wir nur für dieses Buch eine Gruppe. Außer Christian Kracht kannte ich vorher keinen. Wir sind auch danach nicht mehr oft zusammen aufgetreten. Mir wurde das zu viel. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass das Buch so einen Hass auf sich ziehen würde.

Irgendwann sind Sie dann ganz verschwunden. Essstörungen, Drogen, Alkohol. Umzug in die Schweiz. War das eine Flucht?

Ich hatte die Schnauze voll von Berlin, auch von mir selbst, aber von sich selbst kann man sich ja nicht so gut trennen. Also musste ich woanders hin.

Nach Ihrer Rückkehr haben Sie den großen Absturzroman versprochen.

Ich habe den erst mal zur Seite gelegt, weil es nicht gut war, was ich da geschrieben habe. Das hatte mehr was von Therapiegeschwafel.

In der Drogenliteratur und in der Popmusik klingt das anders: Bewusster Leben durch Betäubungsmittelmissbrauch.

Ist aber alles Unsinn. Der Süchtige ist der unfreieste Mensch, den es gibt, alles in seinem Leben ist vorgegeben. Da am Nebentisch sitzt übrigens Thomas Steg ...

... bis letztes Jahr stellvertretender Regierungssprecher ...

... mit dem habe ich mich vor zwei Jahren mal getroffen, als ich mit Helmut Dietl an einem Drehbuch gearbeitet habe. Der hat uns so tolle Sachen erzählt, dass wir uns danach gleich hingesetzt haben, um eine Szene zu schreiben über einen Regierungssprecher, der durchdreht und einfach die Wahrheit sagt. Leider ist die Szene wieder rausgefallen.

Es heißt, das Drehbuch sei eine Fortsetzung der Münchner Gesellschaftskomödie „Kir Royal“. Wann kommt der Film?

Das Drehbuch ist fertig, aber gedreht wird noch nicht. Wer da alles mitredet! Die Filmförderung sieht es so und so, der Verleih hat auch noch eine Meinung.

Klingt ein bisschen frustriert.

Nein. Es war die schönste Schreiberfahrung, die ich je gemacht habe. Bei Dietl ist das Tragische immer komisch – und umgekehrt. Nach einem Jahr hatten wir 600 Seiten, ein unverfilmbares Märchen, und mussten alles wieder zusammenstreichen. Ich weiß gar nicht genau, was noch drin ist.

Worum es im Groben geht, wissen Sie aber schon noch?

Um Politik und Gesellschaft in Berlin. Dietl hat monatelang mitgeschrieben, was ihm so aufgefallen war zwischen Kanzleramt und Borchardts, was ihm die Leute erzählt haben. Von ihm habe ich gelernt, so zu schreiben, wie tatsächlich gesprochen wird: Indem man Fehler in die wörtliche Rede einbaut. Das wichtigste Satzzeichen waren die drei Punkte. Geben Sie mir mal die ... Wasser... Dings ...flasche. Dietl hat ein absolutes Gehör für Dialekte und Soziolekte. Er hat mir mal einen Brief gezeigt, den er ans Finanzamt geschrieben hat. Darin weist er nach, dass seine gesamten Lebensführungskosten abzugsfähig sein müssten, weil er immer arbeitet, auch im Schlaf. Schließlich können auch Träume zu Filmszenen werden. Großartige Idee.

Spricht da die vom deutschen Steuersystem geknebelte Mittelschicht, um die sich die FDP gerade solche Sorgen macht?

Nee. Ich zahle gerne Steuern. Ich finde es grauenhaft, wenn sich die Leute drumrumschlawinern. Die gehen ja auch über die Straße, und die ist gemacht worden. Ich zahle sogar Kirchensteuer.

Die Kirche hat Ihr halbes Leben finanziert, Sie stammen aus einer Pastorenfamilie.

Aber manchmal komme ich ins Grübeln. Als ich nach dem Rücktritt von Margot Käßmann dieses Foto in einer Zeitung sah, die Bischöfin mit ihren Töchtern im Reihenhausgarten, alle haben einen Hasen auf dem Schoß – das hat bei mir einen Aggressionsanfall ausgelöst. Das Patente dieser Frau, die sagt, dass sie es schwer hat, es aber schaffen kann, weil der Glaube ihr hilft, die Häschen zu füttern. Da fühle ich mich wie früher auf dem Kirchentag. Ich bin ja als Kind in diese Kirchentage reingefallen wie Obelix in den Zaubertrank. Ich will da nie wieder hin, habe aber trotzdem ständig das Gefühl, da zu sein.

Ist das ein Problem für Sie?

Nein. Aber ich finde es armselig, wenn man seinen Lebensweg mit Mitte 30 noch als Protest gegen sein Elternhaus formulieren muss. Trotzdem ist das mit fünfzehn natürlich hart in so einem Pfarrhaus. Schon morgens bekommt man eine Tageslosung um die Ohren, „So und so, der Herr aber sagt“. Einmal habe ich meinem Vater gesagt, dass ich damit so früh am Tag nichts anfangen kann, da hat es geknallt. Wir hatten beide recht. Er, weil er seinen Glauben beleidigt sah. Ich, weil es wirklich nicht zum Aushalten war.

Wie halten Sie es heute mit dem Glauben?

Der stand für mich nie zur Debatte. Es werden seit Ewigkeiten kluge Bücher über Gott und ob es ihn gibt geschrieben. Darüber ist alles gesagt. Wenn sich 2010 einer hinstellt und verkündet, „Übrigens, Gott ist tot“ – das ist für mich Kabarett.

Das Gespräch führte Stefanie Flamm.

ZUR PERSON

Benjamin von Stuckrad-Barre wurde 1975 in Bremen geboren und arbeitete zunächst als Journalist für „Taz“, „Spiegel“ und „Rolling Stone“. 1998 wurde er mit seinem Buch „Soloalbum“ zu einem der wichtigsten Protagonisten der sogenannten Popliteratur.

Es folgten weitere Bücher wie „Livealbum“, „Tristesse Royale“ (mit Christian Kracht, Eckhart Nickel u. a.) oder „Deutsches Theater“. Seit Anfang 2008 arbeitet Stuckrad-Barre als Reporter für den Springer-Verlag.

Sein neues Buch „Auch Deutsche unter den Opfern“ versammelt Reportagen und Kolumnen aus den letzten zwei Jahren.
Es ist im Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, erschienen, hat 226 Seiten und kostet 14,95 €. Am Mittwoch, 17. März, liest Benjamin von Stuckrad-Barre ab 20 Uhr Berliner im Postbahnhof daraus vor.

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