Interview : Suche nach dem roten Faden

Der Schauspieler und First-Steps-Juror August Diehl über Fernweh, Filmpreise und die eigene Familie.

Herr Diehl, letztes Jahr spielte Ihr Bruder Jakob in einem Film mit, der für den „First Steps Wettbewerb“ nominiert war, dieses Jahr Ihr Vater Hans Diehl – und Sie sitzen in der Jury ...

Ja, ich war auch überrascht, als ich ihn plötzlich sah. Aber ich kann da unbefangen sein, ich habe ihn ja oft genug erlebt, wie er seine Rollen entwickelt, und auch schon mit ihm auf der Bühne gestanden. Und mein Bruder ist eigentlich Komponist, der will gar nicht Schauspieler sein, das war für ihn eher ein Ausflug. Unsere ganze Familie ist ja eine Theaterfamilie...

... Ihre Mutter ist Kostümbildnerin ...

... kein Wunder, dass mein Bruder was anderes machen will.

Für Anfänger gibt es in der Filmbranche viele Preise und Förderungen. Beim zweiten oder dritten Film wird es schwer.

Ich kann nur sagen, wie das bei mir war. Ich habe gleich für meinen ersten Film „23“ von Hans-Christian Schmid einen Preis bekommen. Der Film war ein großes Glück für mich, ich war damals noch an der Schauspielschule und habe die Zeit wie im Rausch erlebt. Natürlich wusste ich, dass das mit den Preisen irgendwann zu Ende sein wird. Das Tolle ist aber, dass Preise einem Türen öffnen. Davon profitiere ich immer noch. Die First Steps sind eine Motivation an die Regisseure, den nächsten Film zu machen. Am Abend der Preisverleihung begegnen sie ja vielen Leuten aus der Filmwelt, man schließt Kontakte und das ist das Wichtige in der Branche.

Aber erst danach wird es ernst, und vielleicht auch schwieriger.

Ja, dann ist das Taschengeld zu Ende. Aber dann sind die First-Steps-Nominierten ja schon Mitglied in der Familie.

War Ihr Vater für Sie ein Lehrer?

Oh Gott, nein. Ich habe ihn zwar als Kind oft auf der Bühne gesehen, aber damals habe ich gedacht, dass er eigentlich das Gleiche macht wie ich, spielen. Nur bei ihm musste man leise sein und der Zuschauerraum wurde dunkel. Wir sind uns bis heute gegenseitig ein Geheimnis beim Spielen. Im Mai standen wir bei den Ruhrfestspielen zusammen auf der Bühne, auch meine Frau ...

... die Schauspielerin Julia Malik ...

hat mitgespielt. Ich hatte da nie das Gefühl, dass ich den gleichen Beruf mache wie sie oder mein Vater, weil ich ein anderer Mensch bin. Bei meiner Arbeit geht es um mich und das, was ich bin, was mich im Kern ausmacht.

Sie standen in der Theatergruppe Ihrer Schule zum ersten Mal auf einer Bühne. Sie sagten einmal, Sie hätten sich in der Rolle sicherer gefühlt als im wirklichen Leben.

Damals war ich mitten in der Pubertät.

Und heute?

Das Schöne ist, wenn man zum Beispiel eine chaotische Szene spielt und sich in der Rolle verliert, ist im Drehbuch oder im Stück immer ein roter Faden da. Im Leben nicht. Man weiß, wo eine Szene hinführt, das gibt Sicherheit.

Aber wenn man sich wie Sie in Ihrer ersten Theaterrolle bei Peter Zadek nackt auf die Bühne stellen muss, fühlt man sich vermutlich nicht mehr so sicher.

Das ist ein gutes Beispiel: Man weiß, warum man da nackt auf der Bühne steht. Weil das im Stück steht und Sinn ergibt. Wenn ich aber ein Interview führe und man sagt mir: Bitte machen Sie das nackt, dann wäre ich unsicher.

Sie sind gerade in „Dr. Aléman“ im Kino zu sehen und spielen einen Arzt, der in Kolumbien zwischen die Fronten zweier Dealerbanden gerät. Die dreimonatigen Dreharbeiten in einem Slum von Cali waren sicher nicht immer ungefährlich.

Es gab bestimmt gefährliche Situationen, aber die habe ich nicht mitbekommen. Es gab drei Schutzringe um den Drehort: den Militärring, den Polizeiring und den wichtigsten, den Gangsterring. Das war mir selber nicht klar, bis ich mal in einer Drehpause zu einem Kiosk ging, um mir eine Cola zu holen. Plötzlich kamen drei Leute aus einem Hauseingang heraus, die Hände hinterm Rücken. Der Aufnahmeleiter kam angerannt und sagte: Mensch, du darfst auf keinen Fall den inneren Ring verlassen! Da habe ich zum ersten Mal überhaupt gehört, dass es so was gab. Ohne die Dreharbeiten hätte ich die Leute von Siloé nie kennen gelernt. Ich mochte sie sehr und habe mich auch wohl gefühlt dort. Man gewöhnt sich komischerweise auch als Europäer sehr schnell an die Gefahr. Ich musste in der Zeit dort oft an Kriegsreporter denken, von denen man ja auch weiß, dass die irgendwann süchtig werden nach diesen Ländern im Kriegszustand.

Sie haben als Kind mit Ihrer Familie lange in Frankreich gelebt. Kennen Sie dieses Fernweh, das auch die Filmfigur Marc hat?

Ja, das habe ich oft. Wenn ich längere Zeit frei habe, dann will ich eigentlich immer reisen. Dadurch, dass wir so oft umgezogen sind, bin ich nirgendwo richtig zu Hause. Das war nicht immer schön, wenn man zum Beispiel die Schule wechseln musste. Was sich durch mein Leben zieht, ist Ankunft und Abschied.

Wie am Filmset.

Ja, wenn man sich gut versteht mit den Leuten, ist das ja auch wie eine Familie, so eine Zirkusfamilie, mit der man sehr eng zusammenwächst, die man aber am Schluss auch wieder ziehen lässt. Es liegt mir nicht, dass ich zum Beispiel an einem festen Haus bin, im Ensemble. Ich werde ungeduldig, wenn ich die dritte Arbeit am gleichen Ort mache. Sich ständig zu wiederholen, das macht mich depressiv.

Die Fragen stellte Annabel Wahba

AUGUST DIEHL, 32, ist zurzeit in dem Film Dr. Aléman von Tom Schreiber zu sehen. Außerdem sitzt er in der Jury für First Steps, einen Wettbewerb für Abschlussfilme deutscher Filmhochschulen. Die Preise werden am Dienstag im Theater am Potsdamer Platz in Berlin vergeben, zum neunten Mal.

August Diehl studierte an der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin. Für seinen ersten Filmauftritt in dem Hackerdrama 23 von Hans-Christian Schmid bekam er den Deutschen Filmpreis als bester Hauptdarsteller. Weitere wichtige Filmrollen: „Lichter“, „Was nützt die Liebe in Gedanken“, „Der neunte Tag“.

Er spielte Theater bei Peter Zadek, u.a. den Kostja in Die Möwe. Zu sehen war er auch in dem Film Die Fälscher, der 2008 den Oscar als bester fremdsprachiger Film bekam.

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