Interview : Susanne Lothar: "Vielleicht wollte Ulrich noch einmal 'Halt' sagen"

Sie sagt, nichts ist mehr selbstverständlich. Jetzt ist sie Mama und Papa in einem. Susanne Lothar über die Trauer um ihren Mann – und warum Komik ihr hilft.

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Susanne Lothar, 2002.
Susanne Lothar, 2002.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ein helles Konferenzzimmer, bei der Agentin von Susanne Lothar in Berlin-Mitte. Die Schauspielerin betritt den Raum und öffnet die Glastür gleich noch einmal – damit auch der Hund der Agentin hinein kann, ein Labrador-Mix. „Der Hund ist ein lieber Kerl“, sagt Susanne Lothar. „Aber eigentlich bin ich Pferdeflüsterin, ich bin früher viel geritten.“

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Frau Lothar, vergangenen Sommer starb Ihr Mann, der Schauspieler Ulrich Mühe, an Magenkrebs. Wer war Ihre Stütze in der ersten Zeit nach seinem Tod?

Neulich habe ich mal gezählt, es sind zehn wunderbare Frauen, die mir helfen, mein Leben in der Pfanne zu wenden. Außerdem habe ich Freunde, die mir Liebe und Verständnis entgegenbringen, es ist ein großes Geschenk. Aber im Prinzip ist man allein. In der Trauer ist man immer allein.

Haben Sie Rituale des Erinnerns?
Ich habe ihn immer bei mir, ihn und die schöne gemeinsame Zeit. Ansonsten schaue ich vorwärts. Ich habe jetzt ein anderes Leben, mit zwei Kindern und einem Beruf, ich muss all das bewältigen, denn ich bin Mama und Papa in einem.

Gibt es eine andere Lebensintensität?
Ich rege mich nicht mehr über Kleinigkeiten auf, über einen verpassten Flieger oder patzige Menschen, das ist nicht wichtig. Wichtig wird die Gesundheit. Und die Tatsache, dass nichts mehr selbstverständlich ist.

Wie organisieren Sie Ihren Alltag?
Glücklicherweise habe ich oft Sonderbedingungen, ich kann vom Drehen auch mal für eine Nacht nach Hause fliegen oder Theaterstücke in Berlin proben. Und ich habe eine wunderbare Kinderfrau, Christel, sie ist ein Herz auf zwei Beinen, ich verdanke ihr so viel!

Ihr Mann stammte aus der sächsischen Kleinstadt Grimma, Sie sind in Hamburg-Harvestehude aufgewachsen – unterschiedlicher können zwei Welten kaum sein.
Er hat gestaunt, wie ich lebe, und ich habe gestaunt, wie er gelebt hat. Ich war oft verwundert, wie selbstverständlich die Angst war, mit der die Menschen in der DDR ständig leben mussten. Das kannte ich nicht, ich bin in totaler Freiheit aufgewachsen. Ich sagte zu ihm: Das hast du jetzt auch, die Mauer ist weg. Du kommst nicht mehr ins Gefängnis, wenn du sagst, was du weißt. Wenn man ein paarmal mit Staatsinstrumenten eingeschüchtert wurde, steckt einem diese Angst in den Knochen. Ihm hat es gefallen, dass ich keine Angst habe. Er hatte dann auch keine Angst mehr.

Ulrich Mühe wollte, dass im Rahmen seiner Trauerfeier der Film „Funny Games“ gezeigt wird. Sie beide spielen darin ein Ehepaar, das von zwei jungen Männern aus Spaß gequält und ermordet wird. Warum gerade dieser Film?
Er hat mir nie erklärt, warum das sein Wunsch war. Ulrich war ein Extremschauspieler, er hat sich für diese Seite der Menschen interessiert. Der Part des Mannes ist ja der schwierigste in Michael Hanekes Film, weil er bereits zu Beginn k. o. geschlagen wird und nur noch zusehen kann, wie seine Frau und sein Kind gequält werden. Als Mann muss man so eine Rolle erst einmal in sich hineinlassen. Er hat es unvergesslich gespielt.

Der Film ist auch für die Zuschauer eine Tortur.
Vielleicht wollte Ulrich ja nur noch einmal „Halt“ sagen.

Nach seinem Tod haben Sie sich in Arbeit gestürzt. Sie drehen „Der Vorleser“ mit Stephen Daldry, es gibt eine Komödie von Xaver Schwarzenberger, einen „Tatort“ und mehr. Lenkt das ab?
Der Job erfordert eine derart scharfe Konzentration, dass man zumindest ein paar Stunden absorbiert ist. Es hat therapeutischen Wert. Ich glaube auch, dass mein Spiel sich verändert hat. Manches ist nicht mehr so aufgesetzt, ich bin direkter. Außerdem macht mir mein Beruf unglaublichen Spaß.

Sie spielen oft labile Frauen. Im Kino läuft jetzt die Komödie „Fleisch ist mein Gemüse“, da sind Sie die manisch-depressive Mutter des jugendlichen Protagonisten.
Es gefällt mir, an den Abgründen entlangzusurfen und die Verwundbarkeit dieser Mutter zu zeigen. Davon abgesehen, dass Komik aus der Trauer kommt, ist Komik mein Lebenselixier. Man muss über sich selbst lachen können. Komik ist für mich überlebenswichtig, war es, ist es, wird es immer sein.

Ihre Kollegin, die Schauspielerin Martina Gedeck, schimpft darüber, dass Frauen immer wieder auf die Opferrollen festgelegt werden.
Auch Opfer können und sollen Charisma haben, selbst ein Opfer wehrt sich und kann auch zum Täter werden. Das finde ich spannend.

Peter Zadek, unter dessen Regie Sie vor 20 Jahren am Theater als Lulu Furore machten, hat gesagt, nicht Technik bestimme Ihr Spiel, sondern Fantasie.
Ich glaube, dass stimmt. Fantasie hat mich immer interessiert. Ich gehe ans Set oder auf die Bühne und schaue, was auf mich zukommt. Ich analysiere nicht. Ich erfinde. Zum Beispiel drehe ich mit Stephen Daldry den „Vorleser“. Er schätzt diese Improvisationsmöglichkeit sehr. Ich spiele die Mutter des Vorlesers und altere in der Rolle von 35 auf 80 Jahre.

Das heißt, Sie sitzen viel in der Maske.
Ich habe gesagt, ich will nicht wie ein Schrumpfkopf aussehen. Ich wollte nicht so viel Latex im Gesicht, sondern es eher gemalt haben. Als ich mit Perücke und krummem Rücken aufs Set schlurfte, sagte Stephen Daldry, du brauchst das Alter nicht spielen, geh bitte normal. Und ich sagte: Na hör mal, ich bin 47, nicht 80! Er hat mir das Schlurfen und Tattern auch noch weggenommen, das hat mir gefallen. So musste ich es mit Seele spielen. Ich will etwas auslösen. Dafür bin ich das Medium.

Ein Medium ist passiv.
Ich will kein Kontrollfreak sein. Die Leute sollen etwas spüren vom Leben. Dafür stelle ich meine Fantasie zur Verfügung, mit Zadek ging das sehr gut. Bei der Komödie „Henceforward“ unter seiner Regie haben die Leute vor Lachen in die Sessel gepinkelt, die Putzfrauen haben sich bei mir beschwert: So eine Sauerei, da machen wir jetzt Plastiktüten drunter. Und bei Sarah Kanes „Gesäubert“, ebenfalls unter Zadek, haben sich die Garderobieren beklagt, weil sich die Leute im Foyer übergeben haben.

Ihr Mann und Sie standen oft zusammen vor der Kamera oder auf der Bühne. Ist es schwer, mit dem Ehemann zu spielen?
Ach kommen Sie, das werde ich immer wieder gefragt und habe es so oft schon beantwortet. Prinzipiell ist Vertrautheit ein großer Vorteil, besonders, wenn es extrem wird. Wir haben zu Hause nie Text zusammen geprobt oder alles durchgequatscht. Wie war ich, wie siehst du das – das gab es nicht. Weil ja die Kinder da waren, hatten wir am Frühstückstisch sowieso andere Themen.

Offenbart man vor dem Partner beim Spielen Blößen, die man sich im Ehealltag nicht gibt?

Man gibt sich immer Blößen, auch vor anderen Partnern, auch bei harmlosen Szenen. Der Partner merkt, ob die Gefühle nur hergestellt sind oder nicht. Aber Ulrich und ich haben gerne Grenzen überschritten. Damit es wie im Leben ist und nicht wie im Film. Damit man an die Wahrheit stößt.

Wie stößt man an die Wahrheit?

Nur mit guten Partnern und einem weitsichtigen Regisseur. In „Funny Games“ erlebt eine Mutter, wie ihr Kind ermordet wird. Was macht sie? Hebt sie es auf, streichelt es, deckt es zu? Nein, sie musste sich übergeben – kurz, und hat sich um ihr eigenes Überleben gekümmert, anstatt zu trauern. Für mich war das nicht einfach, weil ich nicht so reagieren durfte, wie ich es selber getan hätte. Ich denke, ich habe die Rolle in eine Richtung gespielt, die man ein bisschen nachvollziehen kann. Aber ich dachte: O Gott, ob man mir und der Figur das je verzeiht?

Sie sagen, Regisseure wie Michael Haneke, Peter Zadek oder Luc Bondy hätten Sie über Ihre Grenzen getrieben. Das klingt masochistisch.
Nein, es ist mutig. Es gehört zum Beruf. Ich habe mir unzählige Grenzen gesetzt und erwische mich dabei, dass ich sie alle überspringe. Ich wollte zum Beispiel nie nackt auftreten oder tauchen lernen.

Hatten Sie Angst?
Ich glaube, man sagt oft aus Angst, das tue ich nie! Es ist seltsam, wenn man sich 30 Meter unter der Wasseroberfläche befindet und dann zur Übung das Mundstück herausnimmt. Oder man denkt, das Sauerstoffgerät versagt vielleicht und wenn man zu schnell hochgeht, kann das Trommelfell platzen. Ich habe dann aber doch den Tauchschein gemacht, in Spanien. Es ist irre, wenn man beim ersten Tauchgang am Seil hängt und hochguckt. Mein erster Tauchpartner fiel gleich in Ohnmacht, hing schlaff in meinem Arm, und ich dachte: Hilfe, jetzt muss ich dem meine Luft abgeben. Aber es gibt ja diese Unterwasserzeichen, ich habe also Zeichen gemacht, und der Tauchlehrer hat ihn nach oben gehievt. Ich wollte die Welt von unten sehen. Ich habe Haie gestreichelt und Muränen geärgert, es ist ein meditativer Sport.

Ist Theaterspielen auch so ein Angehen gegen Ängste?
Es ist alles. Leben, Menschen bewegen und alles immer neu erfinden. Wenn ich möchte, dass dies alles stattfindet, habe ich Lampenfieber.

Was machen Sie dagegen? Isabelle Huppert, mit der Sie in „Die Klavierspielerin“ vor der Kamera standen, schläft immer.
Das tue ich beim Drehen auch sehr gern. Dann kann man sich nicht zu viel vornehmen und ist durchlässiger. Ich habe lange mit Isabelle Huppert darüber gesprochen. Sie nimmt auch homöopathische Tropfen, aber das nutzt bei mir gar nichts. Vor jeder Premiere leide ich nur und denke: Das ist die letzte Premiere, das machst du nie wieder. Bis ich dann auf der Bühne stehe und mich endlich auf alles einlassen kann.

Müssen Schauspieler sich dem Regisseur unterwerfen?
Nein, sie müssen ihm vertrauen! Ich unterwerfe mich nicht, und kein Regisseur unterwirft sich mir. Das Verhältnis kann unglaublich intim sein, auch wenn man sich siezt. Es ist eine erotische Beziehung, ohne in irgendeiner Weise sexuell zu sein.

Ihr Körper ist Ihr Instrument. Wie gehen Sie mit ihm um?
Man muss ihn pflegen. Schauspielen ist auch eine mentale und physische Anstrengung. Ich mache seit 15 Jahren Pilates und Yoga.

Und was tun Sie noch zur Entspannung?
Ich gehe spazieren, bin mit meinen Kindern zusammen, schmuse mit der Katze, gucke aus dem Fenster oder höre Musik. Popmusik, die mir meine Tochter auf den iPod spielt.

Auch klassische Musik?
Im Moment geht das noch nicht wegen der Emotionen, die die Musik in mir auslöst.

Die amerikanische Schriftstellerin Joan Didion, deren Mann von einer Sekunde auf die andere gestorben ist, schreibt in ihrem Buch über Trauer …
Danach ist mir jetzt nicht!

Es gibt zurzeit eine sehr emotionalisierte Diskussion über unseren Umgang mit dem Sterben. Sie haben gerade einen Film dazu gemacht …
Der „Tatort“ mit Ulrike Folkerts, den ich gerade gedreht habe und der am 5. Oktober ausgestrahlt wird, handelt von Sterbehilfe. Er heißt „Der glückliche Tod“, es geht ums Eingemachte. Aelrun Goette, die Regisseurin, nähert sich schwierigen Themen mit Gefühl, aber dennoch unsentimental. Ich vertraue ihr sehr, und ohne sie hätte ich die Rolle gar nicht angenommen.

Was für ein Frauenbild haben Sie eigentlich von Ihrer Mutter, der Schauspielerin Ingrid Andree, mitbekommen?
Ein gutes Frauenbild, stark und verletzlich.

Ihre Mutter hat in Filmen wie „Peter Voss, der Millionendieb“ mitgespielt. Haben Sie auch künstlerisch von ihr gelernt?
Künstlerisch habe ich aus Filmen wie zum Beispiel „Der Rest ist Schweigen“ gelernt: Meine Mutter hat die Ophelia gespielt, Hardy Krüger sen. den Hamlet, und Helmut Käutner führte Regie. Und natürlich durch viele Theaterrollen, die sie gespielt hat. Einzigartig! Und das, obwohl früher andere Gesetze herrschten. Da hieß es: Niedlich sein, zwei Schichten durcharbeiten, 14, 16 Stunden am Tag. Meine Mutter ist ein Steher: Von ihr habe ich die Disziplin gelernt. Ich bin diszipliniert wie ein Zirkuspferd. Als junge Schauspielerin war ich eine Anarchistin. Wenn ich statt der einen lieber eine andere Theaterrolle wollte, hab ich mich einfach geweigert. Der Intendant war so wütend, er warf einfach einen Aschenbecher durch die Scheibe.

Und was würden Sie Ihrer Tochter gern mitgeben?
Selbstbewusstsein. Nachsicht. Liebe.

Frau Lothar, Sie haben einmal gegen die Privatsender vom Leder gezogen, weil die „spuckedoof“ seien.
Ach, pubertäres Gerede. So ist die Welt, Privatsender unterliegen einem anderen Zwang. Schade, wenn die Werbeblöcke dem Eindruck nach fast genauso lang sind wie der Film. Es gibt Dinge, die mich wütender machen: Jeder Diktator, jeder Krieg, jeder gefallene Soldat, jede Bestrafung von Oppositionellen, jede Unfreiheit, jede Demütigung – das regt mich auf.

Sollen die Olympischen Spiele in China boykottiert werden?
Ja. China muss ein Riegel vorgesetzt werden. Dass es nicht passiert, ist eine wirtschaftliche Entscheidung, keine moralische, das ist doch ungeheuerlich!

Sie sind so resolut.
Nein, nur enttäuscht.

Hilft Ihnen die Religion oder eine andere Form von Spiritualität?
Ich bin nicht spirituell. Ich habe zwei wunderbare Kinder, von denen ich viel gelernt habe. Sie sind meine Vorbilder, ich bin so stolz auf sie. Wie trauert Susanne Lothar? Das wissen viele, wie weh so etwas tut.

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