Interview : Vietnam, Irak – und morgen Iran?

Faule Journalisten, verlogene Politiker: Ein Gespräch mit der amerikanischen Reporterlegende Seymour M. Hersh.

Hersh
"Wir sind reich und bequem geworden." Der Enthüllungsjournalist Seymour M. Hersh beklagt den Verfall seiner Branche. -Foto: dpa

Glückwunsch, Mr. Hersh! In Berlin bekommen Sie den „Preis für Demokratie“, zuhause werden Sie von der Bush-Regierung als Verräter und Lügner beschimpft.



Ach, das ist nichts Besonderes. Das kenne ich seit Vietnam. Und Preise zu bekommen ist immer schön.

Ihr erster Scoop war 1969 die Aufdeckung des Massakers von My Lai in Vietnam, 2004 brachten Sie den Folterskandal von Abu Ghraib ans Licht. Haben sich die Bedingungen für Journalisten seither verändert?

Schauen Sie aus dem Fenster, wir sitzen hier in einem Hotel am Brandenburger Tor. Es hat sich einiges verändert in der Welt. Und auch wieder nicht. Wer hätte geglaubt, dass die USA 40 Jahre nach einem dummen, unnötigen Krieg gegen eine fremde südostasiatische Kultur, der unter falschen Voraussezungen begonnen wurde und den Amerika katastrophal verloren hat, im Irak denselben schlimmen Fehler wiederholen würden? Denn das ändert sich nicht: das unglaubliche Talent von Regierungen, massenhaft Leute zu umbringen.

Fühlen Sie sich als Dinosaurier des investigativen Journalismus?

Internet und Blogs verändern viel. Und den Zeitungen in Amerika geht es nicht gut. Das Internet zieht Werbung ab, was machen die Verlage? Sie schließen Auslandsbüros, entlassen Journalisten und schränken die Berichterstattung ein. Anstatt ihr Produkt attraktiver zu machen, ruinieren sie es. Die Journalisten tragen auch selbst Schuld. Wir sind reich und bequem geworden. Als ich in den sechziger Jahren anfing, hatte ich es mit hart arbeitenden Redakteuren zu tun, die nicht vom College kamen. Das waren schlaue Typen Heute sind die Journalisten zugleich smarter und dümmer – denken Sie nur an das Pressekorps in Washington.

Präsident Clinton wurde für jede Kleinigkeit attackiert, Präsident Bush wurde lange geschont, Kritik prallte an ihm ab. Wie ging das zu?

Vergessen Sie nicht den 11. September. Die amerikanischen Medien haben sich eingereiht in den Chor: Holen wir uns die Verbrecher! Warum haben wir Menschenrechtsverletzungen akzeptiert? Die USA wollten sich rächen, und die Medien applaudierten. Wir haben die ganze Geschichte verschlafen – die Lügen der Regierung, die Berichte über die sogenannten Massenvernichtungswaffen im Irak. Niemand fragt nach der Moralität dieses Kriegs, immer noch nicht. Die entscheidenden Fragen werden nach wie vor nicht gestellt. Wir müssen viel grundsätzlicher darüber nachdenken, was mein Land, was Amerika tut.

Was heißt das? Ist das noch eine Aufgabe von Journalismus?

Man muss fragen: Ist unsere politische Führung daneben, dass sie Iran angreifen wird? Stehen wir vor einer gewaltigen Weltkrise, die uns in den nächsten Jahrzehnten verschlingen wird? Die zivilen Opferzahlen im Irak sind offenbar viel höher als angenommen. Wir kümmern uns nicht um die humanitäre Tragödie der Flüchtlinge aus dem Irak, und denken Sie an die palästinensischen Flüchtlinge. All diese entwurzelten Menschen – niemand überblickt, was das auf Dauer bedeutet.

Dafür kann man die Bush-Truppe aber nicht allein verantwortlich machen.

Nein. Die europäischen Regierungen haben sich ausgesprochen feige verhalten, als es darum ging, Bush mit den Konsequenzen eines Irak-Kriegs zu konfrontieren. Das hat einer wie der venezolanische Präsident Hugo Chavez verstanden, so irre er auch sonst ist: Europa tut nichts. Nun versucht Chavez, eine neue Allianz von Ländern mobilisieren, bis hin nach Asien, die sich gegen die USA stellen. Weil die westliche Welt versagt hat.

Sie haben 2005 im „New Yorker“ eine große Recherche über Pläne der US-Regierung veröffentlicht, den Iran zu attackieren. Wie schätzen Sie jetzt die Lage ein?

Ich bin kein Staatsmann, ich weiß es nicht. Aber ich denke, dass die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs auf den Iran nicht abgenommen hat.

Das heißt, Enthüllungen sind wirkungslos?

Zur Überraschung des Weißen Hauses hat der Großteil der Presse dem Präsidenten die Sache mit der Truppenverstärkung im Irak abgekauft. Diese Truppenverstärkung bedeutet nichts anderes als ethnische Säuberung. Die Schiiten sind aus bestimmten Provinzen verschwunden. Es ist ruhiger geworden: Wenn keiner mehr da ist, kann man auch keinen mehr umbringen. Irak ist verloren, in Afghanistan sieht es schlecht aus. Bush hat noch sechzehn Monate im Amt. Ich sehe die Gefahr einer weiteren Eskalation.

Empfinden Sie persönliche Animosität gegen Politiker, über die Sie so ausdauernd recherchieren und schreiben?

Ich will Ihnen was sagen: Ich habe einen fantastischen Zahnarzt, und dem ist es gleich, ob er einen Demokraten oder Republikaner oder sonst wen behandelt. Ich mache es als Journalist genauso. Meine Leidenschaft, mein Instinkt bringt mich zu bestimmten Themen. Aber entscheidend sind immer die Fakten.

Sie sind auch ein Meinungsmacher.

Vor dem Irak-Krieg besagten alle objektiven Einschätzungen: Dieser Krieg wird Amerika stärker verändern, als wir den Irak verändern. So denke ich immer noch. Bush ist der schlechteste Präsident, den wir je hatten. Es geht nicht nur ums Öl, Bush glaubt wohl wirklich an Demokratie, und das ist das eigentlich Furchterregende. Aber das ist keine persönliche Angelegenheit von mir. Ich habe immer Distanz gewahrt, das war auch bei den Clintons so. Ich will von keinem Präsidenten zum Essen eingeladen werden. Aus diesen offiziellen Geschichten halte ich mich heraus. Abgesehen davon laden die mich sowieso nicht ein. Es gab noch nie einen Präsidenten, der mich leiden konnte. Ich nehme es als Kompliment.

Was wird ein neuer US–Präsident ändern können?

Nicht viel, fürchte ich. Wir werden einfach anfangen müssen, den Schlamassel zu beseitigen. Wenn Barack Obama gewählt wird, bekommen wir sicher ein besseres Image in der Dritten Welt. Aber Obama wird es wohl nicht werden. Ich bin überhaupt nicht sicher, dass die Demokraten gewinnen.

Sie klingen durch und durch pessimistisch. Glauben Sie nicht mehr an eine Wende in Washington?

Die Republikaner kontrollieren vieles in den Vereinigten Staaten, sie wollen wiedergewählt werden. Und die Demokraten haben in der Kriegsfrage kläglich versagt, sie sind in jede Falle getappt, die die Bush-Regierung aufgestellt hat. Und was Iran betrifft: Auch Barack Obama und Hillary Clinton stehen von seiten Israels und des American Jewish Committee, das einen Bombenangriff auf den Iran befürwortet, stark unter Druck. Da geht es um eine Menge Geld im Wahlkampf. Aber vielleicht kann Hillary uns überraschen, falls sie gewählt wird.

Sie sagen in Ihrer Berliner Preisrede, wie schmerzlich es ist, im Ausland die eigene politische Führung scharf zu kritisieren.Was ist für Sie ein Patriot?

Wollen Sie das im Ernst wissen? Es geht doch um Vertrauen. Ich belüge meine Frau nicht, ich belüge nicht meine Kinder. Was in der Familie richtig ist, muss auch für die Politik gelten. Man belügt die Menschen nicht. Daran haben sich auch diejenigen zu halten, die über Leben und Tod entscheiden. Johnson, Nixon, Kissinger, sie haben alle gelogen.

Wie würden Sie Tyrannei definieren?

Wir leben nicht in einer Tyrannei. Nein, so weit sind wir noch nicht. Die letzten sieben Jahre haben jedoch gezeigt, wie fragil die Demokratie ist. Eine sehr dünne Schale, aber zerbrochen ist sie noch nicht. Krieg ist immer eine korrupte Angelegenheit, und der Irak-Krieg ist der korrupteste Krieg, den wir je erlebt haben. Atemberaubend! Es wird alles herauskommen, irgendwann. Aber wichtiger für mich ist Iran. Wichtig ist der große strategische Zusammenhang.
Das Gespräch führten Rüdiger Schaper und Jacalyn Carley.

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