Interview : "Wenn alles schiefgeht, mache ich Yoga"

Berlinale-Chef Dieter Kosslick über Independent-Filme, die Lust auf Nachhaltigkeit und die Zuflucht zum "Großen Hund".

321254_0_7954f99a.jpg
Happy Bärsday. Dieter Kosslick feiert sein Festival zum 60. Jubiläum mit einer Torte. -Foto: rtr

Herr Kosslick, warum feiert die Berlinale ausgerechnet ihr 60. Jahr? Ist ja ein eher krummes Datum.



Wir feiern doch gar nicht so groß.

Aber da ist die Retrospektive in eigener Sache, das gab es nicht mal zum Fünfzigsten.

Wir dachten, die zehnte Kosslick-Berlinale feiern, das wirkt ein bisschen übertrieben. Also machen wir lieber die 60. Berlinale draus (lacht).

Womit sind Sie vor zehn Jahren angetreten, was haben Sie geändert?

Ich war seit 1984 immer auf der Berlinale und saß meist im Foyer des Grand Hotel Esplanade, habe dort meine Termine gemacht, bin aber selten zum Festival gegangen. Entweder war man ein Raucher-Versuchsobjekt im Festivalzentrum im Bikini-Haus an der Budapester Straße, oder man wurde vergiftet. Ich übertreibe, aber das Essen war so schlecht wie die Luft: Zigaretten, Alkohol und Ausdünstungen in hoher Konzentration – das fand ich einfach nicht sehr angenehm.

Sie wollten nicht das Programm ändern, nur das Ambiente?

Zum Glück war das Umfeld ja schon geändert. Der Umzug zum Potsdamer Platz ging bereits 2000 über die Bühne. Im Tagesspiegel hatte ich damals auf die Frage, wie ich mir die Berlinale vorstelle, geantwortet: „Ein bisschen wie der Potsdamer Platz, der Hamburger Hafen, der Viktualien-Markt in München, die Thomaskirche in Leipzig, die Maultaschen in Stuttgart und der Karneval in Köln.“ Genauso ist die Berlinale geworden.

Was war der kniffligste Moment in diesen zehn Jahren?

Die Tücke eines Festivals liegt im Detail. Als Berlinale-Direktor ist man ständig bemüht, unmögliche Sachen möglich zu machen. Vieles klappt dann trotzdem nicht, entweder der Film kommt nicht oder der Star kommt nicht. Das ist frustrierend. Als 2008 die Rolling Stones zur Eröffnung kamen und ihr Auftritt nachmittags um halb vier zu platzen drohte, habe ich meine alte Schreibmaschine genommen, die in meinem Büro steht, und eine Seite reingehackt. Ein Wutschreiben, um wieder atmen zu können. Dann ging doch alles gut: Am Anfang war es ein Film, am Ende eine tolle Popveranstaltung. Wenn alles nichts mehr nützt, mache ich Yoga. „Der große Hund“ heißt die Figur, und es geht mir wieder gut.

Was sind bis heute ungelöste Probleme?

Die Vorverlegung des Oscars hat uns vor neue Herausforderungen gestellt: Die Amerikaner haben wegen all der OscarDinners kaum noch Zeit, zur Berlinale zu reisen. Außerdem werden die Filme heute sehr viel schneller ausgewertet als früher. Ein Film, der über die Banken finanziert ist, muss sofort ins Kino, wenn er fertig ist. Früher konnten Filme auf ein Festival warten, manchmal vier, fünf Monate. Ein Film wie „Up in the Air“ kann heutzutage nicht bis zur Berlinale warten.

Der lief allerdings schon in Toronto …

Es gab schon immer Filme aus Toronto und Venedig, die parallel zur Berlinale ins Kino kommen. Aber die Dimension ist eine andere geworden. Natürlich hätten wir gerne Clint Eastwoods „Invictus“ gezeigt, der am 18. Februar startet, aber es ging eben nicht. Er wurde schon in vielen Ländern gezeigt. In anderen Jahren hat es geklappt: Clint Eastwood war auch zu meiner Zeit schon auf der Berlinale …

… mit seinem Weltkriegsfilm „Flags of our Fathers“…

… und mit Scorseses „Shutter Island“ bieten wir die Weltpremiere eines nicht gerade klein dimensionierten US-Films. Es ist nicht so, dass ich morgens ins Büro gehe und eine Stunde später vor lauter Verzweiflung meinen Analytiker anrufe.

Der Wettbewerb hat außer Scorsese und Polanski eher Independent-Filme zu bieten, zur Eröffnung läuft ein chinesischer Liebesfilm. Machen Sie aus der Not eine Tugend?

Wir haben als Festival die Freiheit, es anders zu machen als der Markt. Ich bin ja kein Multiplex-Betreiber. Und die Independent-Szene ist sehr stark geworden. Der ökonomische Downturn hat für die unabhängigen Filmemacher offensichtlich eine „Up in the Air“-Entwicklung befördert. Gerade die amerikanischen Independents scheinen nicht unter der ökonomischen Krise zu leiden, im Gegenteil, sie stehen gut da. Manchmal ist es offensichtlich besser, ohne Hüftgold zu leben.

Trotzdem fällt auf, dass in diesem Jahr wenige Stars angekündigt sind.

Moment mal: Julianne Moore in „The Kids are All Right“, Catherine Keener in „Please Give“, Leonardo DiCaprio, Ewan McGregor, Ben Stiller und Shah Rukh Khan – sind das keine Stars? Dass wir mit einem chinesischen Film eröffnen, ist keine Notlösung, sondern eine bewusste Entscheidung. Als Zhang Yimou vor 21 Jahren für „Rotes Kornfeld“ als erster Asiate den Goldenen Bären bekam, hat ihn kaum jemand gekannt, jetzt gehört er zur Weltklasse der Regisseure. Wir hätten natürlich den Berlinale-Circus-Maximus auch mit „The Ghost Writer“ eröffnen können. Aber das wäre vielleicht als Statement zu etwas verstanden worden, in das wir uns nicht einmischen wollen.

Sie meinen die 33 Jahre alte Anklage wegen Missbrauchs gegen Roman Polanski und die Schweizer Auslieferungshaft?

Ja, aber zu diesem Vorgang soll sich bitte die Justiz äußern und nicht wir als Festival. Wir haben den Film eingeladen, weil wir überzeugt sind, dass er ein spannender Wettbewerbsbeitrag ist.

Sie hätten auch mit Rob Marshalls „Nine“ eröffnen können: Jede Menge Stars, und ein Musical über das Filmbusiness!

Vor mehr als einem Jahr hatten wir das auch geplant. Aber der Film ist dann in zu vielen Ländern gelaufen, nicht nur in den USA und in England, sondern auch in Dubai, Griechenland, Israel, Italien. Jetzt haben wir die Deutschlandpremiere bewusst am Ende des Festivals programmiert, da wir mit dieser Art „Remake“ von Fellinis „Achteinhalb“ noch einmal über das Filmemachen nachdenken können. Ein exzellenter Film.

Sie haben die Gala-Schiene im Friedrichstadtpalast noch einmal ausgebaut. Entwertet das nicht den Wettbewerb?

Das größte und schönste Problem der Berlinale ist, dass wir zu viele Anfragen vom Publikum haben. Okay, wir könnten die Preise erhöhen, aber ich will, dass das Festival für jedermann bezahlbar bleibt. Den Friedrichstadtpalast hatten wir seit Jahren im Auge, für den Fall, dass der ZooPalast geschlossen wird. Deshalb haben wir 2009 einen Testlauf gestartet, dann kamen aber gleich 35 000 Leute, und alle waren glücklich. Warum sollen wir damit wieder aufhören?

Das Festival geht dieses Jahr außerdem in zehn Kiez-Kinos, ins Toni nach Weißensee, ins Union, ins Capitol nach Dahlem ... Ist das nicht anachronistisch? Kinos müssen digital aufrüsten, daran entscheidet sich ihre Zukunft.

Zur Zukunft des Kinos veranstalten wir eine Diskussion in der Neuen Nationalgalerie, unter anderem mit dem Architekten Norman Foster. Es geht uns dabei weniger um Digitalisierung als um die Frage, aus welchen Materialien Kinos gebaut und wie sie ausgestattet sein sollen. Und welche kulturelle und soziologische Funktion werden Kinos künftig haben?

Cannes hat zuletzt mit „Up“, einem 3D-Film eröffnet, „Avatar“ ist der absolute Renner im Kino: Verpasst die Berlinale nicht den Zug der Zeit?

Wenn wir einen 3D-Film für den Wettbewerb gefunden hätten, hätten wir ihn gezeigt. Im Markt laufen einige 3D-Filme, in der Astor Film Lounge. Ich habe nichts gegen 3D. „Avatar“ ist die größte Kinowerbung des Jahrhunderts. Aber was das Festival angeht, müssten wir 500 000 Euro investieren, um Dutzende verschiedener E-Cinema-Formate zeigen zu können, und dann stürzt uns wie vergangenes Jahr bei „Chéri“ das System ab. Wir haben anders als bei der Zelluloid-Rolle keine Backup-Kopie. Wir hatten früher pro Jahr höchstens einen Filmriss – im letzten Jahr hatten wir zehn Problemfälle, und es war immer die Elektronik. Übrigens zeigen wir im Berlinale Special den 3D-Film „True Legend“ im Zoo-Palast. Und digitale Projektionen zeigen wir seit Jahren.

Warum gehen Sie nicht gleich ins Internet? Das ist dann noch mehr Public Viewing als dieses Jahr am Brandenburger Tor.

Downloaden ist wie Grillen: Männersache. Wir übertragen lieber die restaurierte Originalfassung von „Metropolis“ live open air, auch bei 40 Grad unter Null! Die Sache hat noch einen anderen Grund. Es gab die Idee mit dem Vorhang aus Tonnen recyclingfähigen Materials, die wir im Keller haben, Plakate und Riesenposter. Dank der Designerin Christina Kim entwickelte er sich zum Kunstwerk, zur Installation. Das Bild, das von der Berlinale 2010 überdauern soll, soll ein Bild vom Kino sein. Zumal wir beim Vermessen des Brandenburger Tors festgestellt haben, dass dessen Erbauer Carl Gotthard Langhans sich nicht nur an den Goldenen Schnitt gehalten hat, sondern auch an das Kinoformat 16:9. Wenn das kein geheimes Zeichen der preußischen Baumeister an die Berlinale ist!

Das Gespräch führten Christiane Peitz und Christina Tilmann.

Dieter Kosslick (61),  geboren in Pforzheim, ist seit 2001 Leiter der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Zuvor war er seit 1992 Leiter der Filmstiftung  Nordrhein-Westfalen, davor Geschäftsführer des Hamburger Filmbüros, Redenschreiber des Bürgermeisters von Hamburg, Pressesprecher der Leitstelle für die Gleichstellung der Frau und Redakteur der Zeitschrift Konkret.

Die 60. Berlinale eröffnet am kommenden Donnerstag mit dem chinesischen Film  Tuan Yuan und läuft  bis 21. Februar. Insgesamt werden 392 Filme gezeigt, davon 20 im Wettbewerb. Der Tagesspiegel bringt während des Festivals täglich vier Seiten, mit  Berichten, Kritiken,  Porträts, Interviews und der Martenstein-Glosse - und begleitet die Berlinale natürlich auch Online.

0 Kommentare

Neuester Kommentar