Interview : "Wir verbessern das 19. Jahrhundert"

Friederike Seyfried, Andreas Wemhoff und Andreas Scholl: Drei Direktoren, eine Generation, alle recht frisch im Amt. Im Neuen Museum wollen sie gemeinsam eine andersartige Form der Zusammenarbeit erproben.

305069_0_5ba78c66.jpg
Die drei von der Insel: Friederike Seyfried, Matthias Wemhoff und Andreas Scholl. -Foto: Mike Wolff

Wir unterhalten uns hier in einem Haus, das Neues Museum heißt. Was ist neu?



WEMHOFF: Für uns ist neu, ein Museum in engem Austausch mit anderen Sammlungen aufzubauen. Wir haben die Übergänge so gestaltet, dass man das Haus als Ganzes wahrnimmt. Den Besucher interessiert nicht so sehr, welchen Sammlungsbereich er gerade durchschreitet, sondern dass er gut aufbereitete Themen erlebt.

Ein Großteil der Sammlungen stammt ursprünglich aus dem Neuen Museum. Fühlen Sie sich als Heimkehrer?

SEYFRIED: Für mich klingt diese Frage eher befremdlich, da ich noch nicht mal richtig angekommen bin. Für die Objekte ist es tatsächlich eine Heimkehr. Für mich ist es Ankunft.

SCHOLL: Für die Antikensammlung passt diese Metapher. Bis zum Zweiten Weltkrieg war das Museum stark durch die Antikensammlung bestimmt. Das ganze Konzept war auf die Überhöhung der griechischen Kunst ausgerichtet. Daran erinnern wir am prominentesten Ort des Hauses, in der Treppenhalle, mit Abgüssen klassischer Tempelfriese, denn das Neue Museum war einmal die Heimat der bedeutendsten Abgusssammlung weltweit, die aber weitgehend im Krieg zerstört worden sind. Wir zeigen nun Abgüsse des 19. Jahrhunderts, die dort schon einmal gehangen haben.

Wie stark sind Sammlungen durch die Interimszeit geprägt, die Jahre seit dem Krieg bis zur Wiedervereinigung?

WEMHOFF: Unser Haus ist von den Spuren des Krieges noch immer stark gezeichnet. Viele Stücke wurden im Krieg zerstört. Außerdem befinden sich 1500 unserer Spitzenstücke als Kriegsbeute weiterhin in Moskau und St. Petersburg, was beim Rundgang immer wieder deutlich wird durch den Hinweis „Als Kriegsbeute seit 1945 in Russland“. In diesem Punkt ist die Nachkriegsgeschichte noch nicht zu Ende, aber wir hoffen, dass diese Rückkehr auf die Insel die Bedeutung unserer Sammlung nach außen noch einmal deutlich macht. Eine Sammlung, die jetzt Teil des Weltkulturerbes ist, kann nicht auf Dauer so willkürlich und völkerrechtswidrig auseinandergerissen sein. Das bleibt ein drängendes Handlungsfeld – auch der Politik.

305047_0_b969da63.jpg
"Die jüngsten Funde stammen von der Berliner Mauer." Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte. -Foto: Mike Wolff

0 Kommentare

Neuester Kommentar