Interview : "Wir wollten einfach intensiv leben"

Die Zwillingsschwestern Gisela Getty und Jutta Winkelmann waren Ikonen der 70er Jahre. In einem Fotoband gewähren sie nun Einblick in ihre wilde Zeit. Ein Gespräch über Gleichberechtigung, Groupies und die 68er-Generation.

Ex-Kommunarde Rainer Langhans mit Gisela Getty (l.) und Jutta Winkelmann.
Ex-Kommunarde Rainer Langhans mit Gisela Getty (l.) und Jutta Winkelmann.Foto: ddp

Bei Zwillingen spricht man von einer Rollenaufteilung mit einem Außen- und einem Innenminister. Wer von Ihnen ist wer?


Gisela Getty: Also früher war ich ganz sicher der Außenminister und Jutta der Innenminister. Heute ist so eine eindeutige Rollenaufteilung nicht mehr nötig. Am Anfang empfinden sich Zwillinge ja eher als Einheit, früher waren wir eine richtig kleine Gang. Mit dem Älter werden kommt der Punkt, wo man die Fähigkeiten der anderen selber entwickeln möchte und sich individualisiert. Es gibt auch eine Menge Wesensunterschiede zwischen uns. Wir haben übrigens auch nie zusammen gewohnt. Auch heute nicht, Jutta lebt in München, ich lebe in Österreich, L.A. und London.

Die Getty-Zwillinge in ihren "wilden Jahren".
Die Getty-Zwillinge in ihren "wilden Jahren".Foto: Promo

In ihrer Biographie steht, dass Ihr Glück in der Symbiose liegt. Sie verstehen sich als die "Auserwählten". Worin besteht dieses Auserwähltsein?


Jutta Winkelmann: Das bezieht sich auf einen gemeinsamen LSD Trip, den wir in Italien, in Sperlonga, hatten. Da hatten wir eine Erleuchtung, eine gemeinsame Vision, dass wir Kinder Gottes sind. Als Zwilling ist man immer was Besonderes. Heute sehen wir das natürlich nicht mehr so naiv wie damals. Die ganze 68er Generation hat sich ja als was Besonderes gefühlt. Wir lebten in einer besonderen Zeit und wir wollten die Welt verändern. Und wir dachten, es kann eine Welt der Liebe entstehen - make Love not War.

Gab es auch Momente in Ihrem Leben, wo Sie sich an dieser zwillingshaften Symbiose gestört haben?


Gisela Getty: Ja natürlich, immer wieder kam es zu unglaublichen Konflikten. Man hat ja auch ein Konkurrenzverhältnis und es kommt schnell zu Eifersucht. Und ständig hat man einen Spiegel vor der Nase und denkt, das bin doch auch ich und dann ist die andere plötzlich so anders. Das ist richtig verstörend. Und wenn man sich abgrenzen will, bekommt man Schuldgefühle. Es ist wie im Gefängnis, man ist gefangen und gleichzeitig auch der Bewacher.


Jutta Winkelmann: Es ist unglaublich anstrengend, weil man zwei Leben lebt. Die Spiegelneuronen sind stark ausgeprägt. Wenn Gisela mir etwas erzählt, dann ist das so plastisch, als hätte ich es selbst erlebt.


Sie sind in Kassel aufgewachsen. Mit 17 hatten Sie einen Schlüsselmoment, als Sie die Musik Bob Dylan’s entdeckten - den Sie später auch trafen. Warum war Dylan gerade so wichtig für Sie?


Gisela Getty: Das war wie ein Erweckungserlebnis. Seine Stimme sprach uns direkt aus der Seele. Es ging ja vielen so, er wurde die Stimme einer ganzen Generation. Bob Dylan hat mehrere Dinge verkörpert. Man sieht ihn ja nie auf einem Foto mit einer Frau an seiner Seite. Er ist immer dieser Monolith. Und das ist das, was wir auch festgestellt haben: Seine wichtigste Verabredung ist die mit sich selbst. Dylan verkörpert eine große Selbstreferentialität.


Eines Ihrer Lebensmotti war: "Das Ideal ist die Frau, die Spaß an der Physis hat, ohne sich dabei auf einen Mann zu beziehen". Doch bei Dylan kamen Sie sich in die Quere. Sind Sie da ihrem Motto untreu geworden?


Gisela Getty: Nein, denn das hieß ja nicht, dass man sich nicht verlieben oder keinen Spaß am anderen Geschlecht haben durfte. Man sollte Eigenverantwortung übernehmen und nicht in ein Abhängigkeitsverhältnis abrutschen. Unabhängigkeit ist die Voraussetzung dafür, dass man sich gut versteht.


Sie werden oft als Groupies der 60er und 70er Jahre bezeichnet, doch Sie gründeten auch das Kassler Filmkollektiv, drehten politische Filme und gewannen mit 19 Jahren den Großen Filmpreis von Oberhausen wo Sie mit Filmemachern wie Rainer-Werner Fassbinder zusammenkamen. Wie erklären Sie sich dieses Groupieimage?


Jutta Winkelmann: Das empfinde ich gar nicht so. Manche sehen uns so, weil sie uns oft auf Fotos in Zeitschriften mit bekannten Leuten gesehen haben. Aber ich finde nicht, dass uns dieses Image so anhaftet.


Gisela Getty: Also ich habe nichts gegen Groupies. Das sind ja Mädchen, die was probieren, genau wie wir. Aber heute kann man sich das schwer vorstellen, dass der Geist damals so ein anderer war. Wir waren ja eine große Familie von Dennis Hopper bis Leonard Cohen - und die waren für uns nicht irgendwelche Promis oder Celebrities. Wir waren Teil des Ganzen. Das kann man nicht unabhängig vom Zeitrahmen betrachten. Es gab keine Hierarchien oder gesellschaftliche Schranken, es hatte alles einen natürlichen Werdegang.


Mit 21 Jahren haben Sie Ihre Ehen, Ihr Studium und Ihre Eltern in Kassel hinter sich gelassen und sind nach Berlin gegangen, um als kommunistische Aktivistinnen "an der Front" zu kämpfen. Geschah dies aus politischer Überzeugung oder aus purer Lust sich von den Eltern abzugrenzen - und von der Kriegsgeneration?


Jutta Winkelmann: Es war ein Aufbruch einer gesamten Generation. Wir sind die Kinder Hitlers und wir mussten dazu eine Distanz aufbauen. Nicht nur von den eigenen Eltern. Es ging auch um die verdrängte Schuld und das Unaufgearbeitete der ganzen Kriegsgeneration. Das war natürlich ein sehr starker Bruch. Es herrschte eine ganz merkwürdige Atmosphäre in Deutschland. Diese Wirschaftswunderbegeisterung, dieses Wir-sind-wieder-wer - und das alles auf blutgetränkten Boden.


Gisela Getty: Wir 68-er wollten die Welt verändern, eine gleichberechtigte Welt schaffen, das haben wir dann kommunistisch genannt. Wir haben sehr stark gespürt: jetzt kommt die Zeit der Mädchen. Wir werden nicht so leben wie unsere Mütter. Wir werden jetzt alles das machen, was bisher nur Jungs machen durften. Deswegen betrachten wir das, was wir damals gemacht haben, als politisch.


Anfang der 70er Jahre gingen Sie gemeinsam nach Rom, lernten unter anderem den großen Produzenten Carlo Ponti. Stimmt es, dass Ihnen die Rolle in einem Fellini-Film entgangen ist, weil Sie kein Telefon hatten?


Gisela Getty: Ja, das stimmt. Wahrscheinlich waren es sogar noch mehr Rollen, die uns entgangen sind. Wir waren in Rom ja bekannt als "die Zwilinge aus Deutschland". Dann sind wir von Fellini persönlich zum Casting gebeten worden. Der war gleich ganz begeistert und wollte mit uns arbeiten. Nur wir hatten weder eine Wohnung, noch ein Telefon, noch Interesse. Wir hatten keine Karriere im Kopf, wir wollten einfach intensiv leben.


Jutta Winkelmann: Wir mochten Fellini sehr und auch seine Filme fanden wir fantastisch, aber das Leben war noch fantastischer. Carlo Ponti hat uns einen Fünf-Jahresvertrag angeboten, jedes Jahr einen Film. Wir haben uns dann draußen gefragt: Wollen wir das? Das hörte sich an wie fünf Jahre Gefängnis.


In Rom lernten Sie den 16-jährigen Enkel des reichsten Mannes der Welt kennen, Paul Getty, den Sie Frau Getty 1974 heirateten. Sie sollen in L.A. einen Deal gehabt haben: Lass mir Getty, und ich helfe Dir bei Dylan. Ist dieser Deal aufgegangen?


Bob Dylan 1976.
Bob Dylan 1976.Foto: Promo

Jutta Winkelmann: Nicht ganz, aber im tieferen Sinne schon. Wir hatten ja verstanden, worauf es im Leben ankommt. Die Begegnung mit Dylan ging schon sehr tief, aber dann kam man wieder schnell bei sich selbst an. Ein Leben an seiner Seite als Musikerfrau im Proberaum mit ´nem Päckchen Bier unterm Arm, ne. Wenn ich eine tolle Musikerin gewesen wäre, das wäre eine andere Sache gewesen. Aber ein Dasein als Schattenfrau, das war nichts für mich. Ich bin dann nach Deutschland zurückgekehrt und habe Rainer Langhans kennen gelernt. Sein Angebot fand ich spannender. Er sagte: "die Revolution geht weiter, aber jetzt nicht mehr außen, sondern innen".


Harte Drogen spielten auch immer wieder eine große Rolle. Wie sehen Sie dieses Kapitel heute?


Gisela Getty: Harte Drogen wie Heroin oder Crack haben wir nicht genommen, nur psychedelische. Das war damals eine Möglichkeit Erfahrungen zu machen, die über den Körper hinausgehen - mystische Erlebnisse, Selbsterfahrungen, die damals sehr wichtig waren. Heute ist das sicherlich anders. Ich glaube nicht, dass die Leute, die das heute nehmen, die gleichen Erfahrungen machen wie wir damals.


Schließlich ging Ihnen das Geld aus und Sie erwägten einen Banküberfall. Sie wurden sogar verdächtigt, an Paul Gettys Entführung beteiligt gewesen zu sein, bei der ihm ein Ohr abgeschnitten wurde. Stimmt das?


Jutta Winkelmann: Nein, das Geld ging nicht aus. Wir hatten ja nie Geld. Wir sind tatsächlich verhaftet worden und wurden verdächtigt Paul entführt zu haben. Die Polizei dachte, wir wären im Auftrag der RAF nach Italien gekommen, um ihn zu entführen und von dem Lösegeld Waffen zu kaufen.


1974 zogen Sie mit Paul Getty nach Kalifornien. Sie lebten in San Francisco und Hollywood. Wen haben Sie dort alles getroffen?


Gisela Getty: Zum Beispiel Andy Warhol. Joan Didion habe ich einmal auf einer Party getroffen. Georgia O’Keefe hab ich über Dennis Hopper kennen gelernt. Das war für mich ein prägendes Erlebnis. Ich war Anfang 20 und wusste zunächst nicht, wer sie ist. Dann erfuhr ich, da lebt eine Malerin draußen in New Mexiko, ganz alleine in einem kleinen Haus. Als ich sie traf, war sie schon sehr alt und fast blind. Ich habe sie kennen gelernt als eine, die das Älterwerden anders angeht. Sie war humorvoll und kreativ. Da dachte ich mir, du musst dir merken, wie die älter wird.


Jutta Winkelmann: Jetzt müssen wir das Altern für uns neu erfinden. Die Frage ist, wie altert man gut? Es ist harte Arbeit, alt zu werden. Vor allem für Frauen ist es schwierig, nicht mehr so begehrenswert zu sein. Man sieht zwar älter aus, fühlt sich aber noch jung. Aber sich die Angst vor dem Tod aus dem Gesicht straffen zu lassen, das geht nicht. So eine Alte, die dauernd Sex hat, das finde ich unwürdig. Begehren hat ja viel mit Biologie zu tun. Und wenn das eben nicht mehr reizvoll ist, dann muss man da radikal ehrlich sein. Aber die Erotik, die fehlt einem.


Gisela Getty: Das ist ja auch eine gesellschaftliche Frage. Es werden bald sehr viele Menschen alt werden. Da stellt sich natürlich die Frage: Was ist der Sinn des Lebens? Dass all die lustigen Alten jetzt durch Thailand stampfen und reisen ist ja schön und gut, aber es geht noch um mehr. Wer sind wir und was wollen wir? Da kommt ein riesiges Arbeitsfeld auf uns zu.


Dennis Hopper 2001.
Dennis Hopper 2001.Foto: Promo

Was ist mit den Personen von damals, stehen Sie noch in Kontakt mit ihnen? Wie oft sehen Sie Paul Getty?


Gisela Getty: Ich sehe ihn einmal im Monat in Kalifornien. Und mit den anderen: das ist eine Vernetzung von Freunden, die auf einer tieferen Ebene stattgefunden hat. Wir sind eine globale Familie. Wenn man sich sieht, ist es so vertraut, als hätte man sich erst gestern gesehen.


Jutta Winkelmann: Die Wahrheit ist, dass wir alle untereinander verbunden/vernetzt sind. Genauso, wie es heute im Internet stattfindet.


Wie sehen Sie die Zeiten heute und das, was von der Emanzipation übrig ist? Haben Sie das Gefühl, nachhaltig etwas verändern zu können?


Jutta Winkelmann: Da hat sich enorm viel verändert. Auf der ganzen Welt ist es menschlicher geworden seit den 68ern. Natürlich gibt es auch Rückschläge, durch Bush zum Beispiel. Der hat viel kaputt gemacht. Aber ich denke, dass es auch im Untergrund sicher weiter geht.


Gisela Getty: Vieles ist ja heute selbstverständlich, wofür wir damals gekämpft haben. 1972 durften Frauen noch kein eigenes Konto eröffnen und ihre Männer durften für sie den Job kündigen. Homosexualität war kriminell. Es ist wunderbar, dass diese Dinge heute selbstverständlich sind.


Wen würden Sie als Ihre "Nachfolger", als It-Girls von heute bezeichnen?


Gisela Getty: Das sind für mich alle Mädchen, die ihre Träume verwirklichen.

Das Interview führte Annika Kuhlmann.

Einen Einblick in ihre Erlebnisse geben die Zwillinge in einer Ausstellung in der Galerie des Café Einstein, Unter den Linden 42 in Berlin. Die Ausstellung geht noch bis zum 5. Mai 2010.

Der Bildband "The Twins: Gisela Getty und Jutta Winkelmann" erschien im Verlag Blumenbar.

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