Interview zum US-Wahlkampf : „Amerika ist ein Dritte-Welt-Land“
22.10.2012 16:01 Uhr"Der Kulturkrieg ist im Grunde vorbei"
Trotzdem heißt es oft, dass die Konservativen ihn mit einem besseren Kandidaten schlagen könnten, schon wegen der wirtschaftlichen Lage des Landes. Warum war es so schwer, einen solchen Kandidaten zu finden?
Romney war die beste Wahl, weil die anderen Kandidaten zu radikal waren und einige von ihnen schlicht verrückt wirkten. Die wahren Konservativen befinden sich im heutigen Amerika bei den Demokraten, die zwar schrittweise Veränderungen zulassen, aber im Großen und Ganzen den Status quo erhalten wollen. Früher haben die Republikaner noch wirkliche Politik gemacht, zum Beispiel waren sie die treibende Kraft in der Anfangszeit der Umweltschutzbewegung. Selbst Obamas Gesundheitsreform wurde in den 90er Jahren von der Heritage Foundation entwickelt, einem republikanischen Think Tank. Aber solche Republikaner gibt es nicht mehr. Die Partei wird sich nach den Wahlen neu erfinden müssen.
Auch die christlichen Kulturkrieger, die die politische Diskussion bestimmt haben, scheinen an Einfluss verloren zu haben …
Der Kulturkrieg ist im Grunde vorbei. Die Zahl der Leute die daran festhalten, wird immer kleiner. Das hat viel mit dem demografischen Wandel zu tun. Die wütenden, alten weißen Männer werden gegenüber der hispanischen, schwarzen und asiatischstämmigen Bevölkerung bald in der Minderheit sein. Und die Generation der Unter-40-Jährigen interessiert sich nicht mehr für moralische Themen. Ich finde es höchst erstaunlich, wie schnell sich die amerikanische Kultur verändert hat. Die Mehrheit der Bevölkerung befürwortet heute die Homoehe. Vor zehn Jahren hätte ich gesagt, dass das in hundert Jahren nicht passieren wird. So gut wie jede US-Fernsehserie hat inzwischen schwule Figuren. Und wir haben einen schwarzen Präsidenten.
Denken Sie, dass Romneys Religion im Wahlkampf noch Thema sein wird?
Gute Frage, sein Mormonentum wird bisher noch nicht groß öffentlich verhandelt. Auf dem Land ist man zutiefst misstrauisch gegenüber seiner Glaubensgemeinschaft, Mormonen gelten dort als Sonderlinge. Dabei geht es nicht nur um ihre altmodische, bis zu den Knien reichende und mit kirchlichen Symbolen bestickte Unterwäsche oder um die Polygamie, wie sie in der Generation von Romneys Urgroßvater praktiziert wurde. Der gesamte mormonische Gospel ist ziemlich schwer zu verdauen. Er besagt, dass Jesus Christus nach seiner Auferstehung nach Amerika kam, um die Indianer zu bekehren, die verlorenen Kinder Israels. Außerdem glaubt die mormonische Kirche, dass jeder Mensch posthum konvertiert werden muss, damit es zum Jüngsten Gericht kommt.
Und hat das konkrete Folgen?
Als Mormone bekommt man täglich eine Liste mit Namen von Toten, die man nachträglich tauft. Deswegen hat man in Utah auch das größte genealogische Archiv der Welt eingerichtet. Darüber sind weder die jüdischen Organisationen besonders glücklich, die sich damit konfrontiert sehen, dass die sechs Millionen Opfer der Schoah konvertiert wurden. Noch können sich die Evangelikalen damit abfinden, wenn Tante Tilly nach ihrem Tod plötzlich zur Mormonin gemacht wird.
Was sollten Europäer unbedingt über Amerika wissen, um das Land zu verstehen?
Es ist für Europäer schwer zu verstehen, dass es sich bei den Vereinigten Staaten im Grunde um ein sehr reiches Dritte- Welt-Land handelt. Die schiere Anzahl der Menschen, die hier in Armut leben, ist ungeheuer deprimierend. Eigentlich sollten wir ein Mittelstandsland sein, wie wir es in den 50er, 60er und 70er Jahren waren. Mein Vater hat nie mehr als 20 000 Dollar im Jahr verdient. Das Leben, das er seiner Familie ermöglichen konnte – eine Wohnung in New York, ein Urlaub im Jahr und eine gute Schulausbildung für die Kinder –, würde heute ungefähr eine halbe Million Dollar kosten.
Das Gespräch führte Daniel Schreiber. Hier geht es zu weiteren Texten zur US-Wahl.




