Interview zur Berlin Art Week : Kumpel, Künstler und die Quote

"Painting Forever" heißt das Motto der Berlin Art Week, die am Dienstagabend eröffnet wird. Die großen Häuser machen dazu ihre eigenen Ausstellungen: Udo Kittelmann präsentiert in der Neuen Nationalgalerie vier Künstler, Eva Scharrer hält in der DB Kunsthalle mit vier Frauen dagegen.

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Malen nach Zahlen. Anselm Reyle ließ sich unschwer erkennbar von Roy Lichtenstein inspirieren. Sein Bild ist zur Zeit in der Ausstellung "Bube, Dame, König As" in der Neuen Nationalgalerie zu sehen.
Malen nach Zahlen. Anselm Reyle ließ sich unschwer erkennbar von Roy Lichtenstein inspirieren. Sein Bild ist zur Zeit in der...Foto: Mathias Kolb

"Painting forever!", dahinter steckt auch eine andere Botschaft. Malerei, gewiss, gern immer wieder. Aber seien wir ehrlich: „Berlin forever!“ soll es heißen. Zum zweiten Mal findet die Kunstwoche statt, mit der sich Berlin im internationalen Kalender platzieren will. Am liebsten auf Dauer. Museen, Messen, Galerien, Off-Spaces, Sammler arbeiten zusammen, damit die Kunststadt funkelt. Denn für den Betrieb sind die Besucher mindestens so wichtig wie die Künstler. Ohne das Gemeinsame geht es nicht. Die Bündelung der Aktivitäten zeigt auch die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit übers Jahr – zumal in Zeiten schwindender Budgets.

Für die Besucher bietet die große Kunstsause bis Sonntag die Gelegenheit, sich im Schnellverfahren anzuschauen, was die Stadt zu bieten hat, in vier großen Ausstellungen, in der Neuen Nationalgalerie, der Berlinischen Galerie, den Kunst-Werken und der Deutschen Bank Kunsthalle, und an zahlreichen anderen Orten. Die Berlin Art Week ist eine kompakte Form, die Kunststadt von den großen Häusern bis zu den kleinen Ausstellungsorten kennen zu lernen. Und der Eröffnungsabend heute in der Auguststraße ist nur der erste Pinselstrich am Gemeinschaftswerk: Eine Kunststadt malt an ihrem Erscheinungsbild.

Frau Scharrer, Herr Kittelmann: Die Berlin Art Week hat die Malerei auf ihr Schild gehoben. Muss für sie gekämpft werden?

UDO KITTELMANN: Bei uns allen – in der von mir verantworteten Nationalgalerie, aber auch in der Berlinischen Galerie und den Kunst-Werken – stand die Malerei lange wenig im Fokus. Vorwiegend waren installative Arbeiten zu sehen, Künstler, die multimedial arbeiten. Es gab zwar thematische Ausstellungen, aber nie ausschließlich zur Malerei. Das war ausschlaggebend, zumal als uns erneut klar wurde, wie viele Maler in Berlin leben.

EVA SCHARRER: Ich glaube nicht, dass die Malerei das Ausrufezeichen braucht. Für mich ist die Debatte um den vermeintlichen Tod der Malerei gelaufen. Sie war sicher zu ihrer Zeit berechtigt. Aber blickt man auf die Kunstgeschichte, die Menschheitsgeschichte zurück, gab es Malerei immer schon. Sie wurde herausgefordert durch diverse „neue“ Medien und innerhalb des Diskurses einer inzwischen historischen Avantgarde, aber sie blieb.

Dann ist der schreiende Titel nur dem Marketing für die Art Week geschuldet?
KITTELMANN: Die Malerei ist das älteste Ausdrucksmittel von Kunst. Der Titel verweist in seinem Ewigkeitsanspruch, also forever, in die Vergangenheit und Zukunft. Wir werden die Debatte über dieses Medium immer wieder führen. Über keine andere Form wurde im 20. Jahrhundert so vehement diskutiert. Der Titel soll über ein Insiderpublikum hinaus auch andere Menschen ansprechen.

Alle vier Ausstellungen fokussieren auf die Gegenwart, auch die in der DB Kunsthalle. Was ist mit Berlins Historie als Malerstadt?
KITTELMANN: Die Tradition der Malerei ist in dieser Stadt seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert virulent. Hier haben sich die maßgeblichen Bewegungen in Gang gesetzt. Ich hätte mir eine stärkere historische Verankerung gewünscht, etwa dass man auf eine Malergeneration aufmerksam macht, die hier in den 50er, 60er, 70er Jahren wirkte. Die Notwendigkeit ist nun erkannt.

Haben galeristische Interessen bei der Künstlerauswahl eine Rolle gespielt? Schließlich gehören zur Art Week die Messen ABC und Preview.
KITTELMANN: Viele dieser Künstler haben eine Galerie. Künstler werden entdeckt meist durch Künstler, die Künstlerkünstler, die oft am wenigsten kommerziell erfolgreich sind. Dann kommt die Galerie, deren Aufgabe es ist, Künstler einer ersten Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Institutionen sind dazu da, nach der Relevanz des Künstlers zu fragen. So war das immer schon, seit es Kunsthandel und öffentliche Museen gibt. Ich glaube nicht, dass Institutionen abhängig sind vom Kunstmarkt, jedenfalls nicht die Nationalgalerie.

Eva Scharrer ist freie Kuratorin und Kritikerin. Sie gehörte zum Team der Documenta 13 und war 2007 Ko-Kuratorin der Biennale in den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Eva Scharrer ist freie Kuratorin und Kritikerin. Sie gehörte zum Team der Documenta 13 und war 2007 Ko-Kuratorin der Biennale in...Foto: Mike Wolff

Wirtschaftssenatorin Yzer steuert 350 000 Euro bei, um Kunst und Handel zusammenzubringen. Stört sie dieses starke wirtschaftliche Interesse nicht?
SCHARRER: Meine Rolle als freie Kuratorin betrachte ich als unabhängig vom Kunstmarkt. Galeristische Interessen haben bei meiner Auswahl keine Rolle gespielt – im Gegenteil, ich fand es wichtig, eine Künstlerin zu zeigen, die (noch) nicht von einer Galerie vertreten wird. Kultur spielt in Berlin als Wirtschaftsfaktor eine wichtige Rolle.

KITTELMANN: Wie würde sonst Berlin aussehen? Glücklicherweise wächst das Verständnis dafür. Die Kreativ-Industrie ist mir lieber als manch andere Wirtschaftsform. Kultur bereichert das Leben in dieser Stadt. Wenn die ganze Welt so funktioniert, dass sie auf dem kreativen Potenzial ihrer Gesellschaft fußt, wäre das großartig.

SCHARRER: Ich würde mir wünschen, dass man nicht nur in ein Event investiert, sondern nachhaltigere Modelle sucht wie eine Kunsthalle, die in der Vergangenheit gescheitert ist.

Was will „Painting forever!“? Die Grenzen der Malerei ausloten?
SCHARRER: Malerei ist mehr als Öl auf Leinwand. Viele wichtige Malereipositionen des 20. und 21. Jahrhunderts kamen ohne Pinsel oder Keilrahmen aus. Doch haben wir uns entschieden, das Potenzial von Malerei eher in diesen traditionellen Formaten auszuloten. Mich interessierte es, in der Gegenüberstellung unterschiedlicher Generationen Beziehungen herzustellen.

KITTELMANN: Das Projekt fragt nach Bewertungskriterien für Malerei. So kam auch die Auswahl der vier Künstler in der Nationalgalerie zustande, die teilweise stark polarisieren. Woran liegt das? Der Kunstkritiker Hagedorn plädiert 1762 in seiner Schrift „Zur Betrachtung von Malerei“ dafür, seinen Empfindungen freien Lauf zu lassen. In den letzten Jahrzehnten wurde versucht zu objektivieren, aber das funktioniert bei Malerei nicht, weil sie auch von einer subjektiven Haltung abhängig ist: der des Malers. Thomas Scheibitz sagt, dass er ergebnisoffen arbeitet. Das scheint mir ein Kriterium zu sein für die aktuelle Produktion: Wie weit ist die Kunst ergebnisorientiert?

Warum sind dann in der Nationalgalerie nur vier männliche Maler zu sehen?
KITTELMANN: Wir wollten die großen Pole der Malerei zeigen: zwischen Figuration und Abstraktion. Ich betrachte „Painting forever!“ als Ganzes, durch die vier Künstlerinnen in der DB-Kunsthalle gleicht sich das aus. In den Kunst-Werken dürfte sich die Balance halten, die Berlinische Galerie zeigt Franz Ackermann – das ist doch ein ausgewogenes Verhältnis.

Frau Scharrer, war Ihre Auswahl eine Gegenreaktion?
SCHARRER: Nein. Für mich stand eine Ausstellung im Vordergrund, die für sich funktioniert, die relevante, aber dabei ganz unterschiedliche Positionen zur Malerei zeigt. Es sind Künstlerinnen, die auch politisch Position beziehen. Allerdings kam ich als Kuratorin hinzu, als das Programm der anderen Institutionen schon weitgehend feststand: Da wurde eine Positionierung notwendig. Natürlich stellt sich die Frage, warum Malerinnen wie Jutta Koether oder Monika Baer in diesem Gemeinschaftsprojekt fehlen. Als Kuratorin sehe ich meine Verantwortung darin, nicht nur „die üblichen Verdächtigen“ zu zeigen, sondern weniger bekannte Positionen sichtbar zu machen.

Udo Kittelmann leitet seit 2008 die Nationalgalerie mit ihren sechs Häusern. Zuvor war er Direktor vom Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main.
Udo Kittelmann leitet seit 2008 die Nationalgalerie mit ihren sechs Häusern. Zuvor war er Direktor vom Museum für Moderne Kunst in...Foto: Mike Wolff

Gibt es also noch den „kumpelhaften Kunstbetrieb, den geschlossenen Kreis“, den viele Künstlerinnen beklagen?
KITTELMANN: Bis in die späten Sechziger waren es vor allem die männlichen Maler, die ihren weiblichen Kolleginnen nicht den Raum gaben. Das hat sich mit der gesellschaftlichen Entwicklung glücklicherweise verändert. Ein Beispiel sind Jackson Pollock und Lee Krasner. Seine Grabstätte schmückt ein großer Monolith, ihr Stein im Abstand von zweieinhalb Metern ist nur ein Zehntel so groß, ein Kieselstein dagegen. Viele Künstlerinnen stiegen damals aus, weil sie dieses Macho-Gehabe ihrer männlichen Kollegen nicht aushielten. Elaine Sturtevant legte ihren weiblichen Vornamen ab, um nicht sofort als weibliche Künstlerin erkannt zu werden.

Brauchen wir die Quote also nicht?
KITTELMANN: Diese Dinge lassen sich gottlob immer anhand des Werkes entscheiden. Beim diesjährigen Preis der Nationalgalerie ist das Verhältnis drei Künstlerinnen zu einem Künstler, davor waren es zwei Künstler und zwei Künstlerinnen. Dort entwickelt sich schon fast eine Selbstverständlichkeit.

SCHARRER: Ich lehne den Begriff „Frauenquote“ für meine Arbeit ab. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, sieht ebenso viele gute Künstlerinnen wie Künstler. Natürlich sollte das Verhältnis ausgeglichen sein.

Das klingt, als hätte der Ausstellungsbetrieb die Gleichberechtigung erreicht. Ist die Kunst also vorbildlich?
KITTELMANN: Wenn ich den Bestand der Nationalgalerie betrachte, dann ist im Nachhinein nicht zu verstehen, warum sich so wenige Künstlerinnen in der Sammlung befinden. Das liegt auch am Kanon, der zum Glück immer weiter aufgebrochen wird. Für die Museen gilt es viel aufzuarbeiten, Erwerbungen nachzuholen oder wenn Künstlerinnen – meist zu Unrecht – über Jahrzehnte in Depots lagerten, sie wieder zu zeigen. Das passiert gerade in der Alten Nationalgalerie. Für die Gegenwart entwickelt es sich hoffentlich in der nahen Zukunft zu einem ausgeglichenen Verhältnis.

SCHARRER: Das wäre zu hoffen. Diese Entwicklung ist ja noch relativ jung. Es ist die Aufgabe der Institutionen, die Versäumnisse zu revidieren, die Geschichte umzuschreiben und die Sammlungspolitik für die Zukunft zu ändern.

Das Gespräch führte Nicola Kuhn.

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