Kultur : Intime Intrigen

Dauerstress am Kaiserhof: Zhang Yimous „Der Fluch der goldenen Blume“

Sebastian Handke

Ranküne ohne Ende: Die Kaiserin (Gong Li) hat eine Affäre mit dem Stiefsohn. Der Stiefsohn aber liebt die Tochter des Hofarztes. Der Hofarzt vergiftet langsam die Kaiserin, auf Geheiß des Kaisers (Chow Yun Fat). Der hat nämlich genug von seiner zweiten Frau: „Dein Yin und Yang sind nicht im Gleichgewicht, deshalb machst du immer so höhnische Bemerkungen.“ Die Kaiserin spinnt Intrigen und stickt Chrysanthemen; der zweite Sohn, gerade aus der Schlacht zurück, hält zu ihr. Und wenn das böse Gesicht des jüngsten Sohnes nicht täuscht, braut sich auch da noch was zusammen.

Zhang Yimous „Der Fluch der goldenen Blume“ entspinnt ein Sinn- und Intrigenspiel vom Wahnsinn und Zerfall einer verlotterten Kaiserfamilie; ein allerdings grenzwertig groteskes Spiel – geht es hier um ein Shakespeare’sches Königsdrama, eine altchinesische Seifenoper oder eine schwarze Komödie?

Nicht ohne Grund wurde Zhang Yimou mit der Planung für die Festivitäten der Olympischen Spiele in Peking betraut: Sein neuer Film enthält einige äußerst eindrucksvolle Szenen. Wenn etwa nachts die Ninja-Scharen aus dem Himmel in die Schlucht gleiten, wo sie mit Seilen und Säbelhaken für Tod und Verderben sorgen. Oder das Duell zwischen Kaiser und Sohn: Wie die Schwertklingen auf Goldrüstungen reiben und dabei Funken schlagen, hat man selten so atemberaubend inszeniert gesehen. Und wer sich an den Kino-Massenschlachten der letzten Jahre noch nicht satt gesehen hat, wird am Blutbad im Hof des Palasts gewiss seine Freude haben. Doch Yimous Ausstattungswut läuft hier Amok und erstickt das Drama in einer Pracht, deren Künstlichkeit kaum zu überbieten ist.

Wie Chen Kaige („Lebewohl, meine Konkubine“) gehörte auch Zhang Yimou zur ersten Abschlussklasse der 1982 wiedereröffneten Pekinger Filmakademie. Diese „fünfte Generation“ überraschte in den Neunzigern mit poetischen Filmen, in denen chinesische Tradition bildlich verherrlicht und zugleich inhaltlich kritisiert wurde. Damals schon legten Kaige und Yimou hohen Wert auf Licht, Ton und bezaubernde Bilder. Statt zarter Arthouse-Dramen pflegen sie heute das prahlende Kampf- und Kostümepos: Chen Kaiges hysterischer Film „Wu Ji“ (2006 auf der Berlinale) ist der traurige Höhepunkt eines Kinos, das nur noch forciert vom Ruhm der chinesischen Filmindustrie kündet.

Bei allem Respekt für den großen Regisseur Zhang Yimou – mit seiner nun abgeschlossenen Historientrilogie hat er sich immer mehr für dieses seelenlose Kino einspannen lassen. In „Hero“ und „House of Flying Daggers“ gelang Yimou noch die Versöhnung von Opulenz mit Askese, von Spektakel und Drama. „Fluch der goldenen Blume“ dagegen ist derart überladen, dass man Sorge hat, die Leinwand könnte sich unter der Last aus ihrer Verankerung lösen und mit lautem Aufprall zu Boden gehen.

Cinemaxx Potsdamer Platz, Delphi, Filmkunst 66, FT Friedrichshain, Hackesche Höfe, Kulturbrauerei; OmU im Babylon Kreuzberg

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