Intonations-Festival : Glanzlichter und Minidramen

Migration als zentrales Thema: Beim „Intonations“-Festival im Jüdischen Museum waren vor allem Werke von vertriebenen und verfolgten Künstler zu hören.

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Blick in den Glashof des Jüdischen Museums während des "intonations"-Festivals.
Blick in den Glashof des Jüdischen Museums während des "intonations"-Festivals.Foto: Monika Rittershaus

„Migration“ ist immer noch das Thema der Stunde, und die Musikfestivals profitieren davon, weil sich die buntesten, kreativsten und erhellendsten Programme mit den Werken vertriebener und verfolgter, durch die Welten, Zeiten und Kulturen wandernder Künstler stricken lassen. Bei Elena Bashkirovas „Intonations“ im Jüdischen Museum ist das weit gefasst: Rachmaninoff, dessen auf zwei Klaviere übertragene „Symphonische Tänze“ Denis Kozhukin und Kirill Gerstein glänzend, mit rhythmischem Biss vertreten, floh vor den Bolschewiki in die USA; Ferruccio Busoni präsentiert den international vernetzten Künstler. Durch seine „Fantasia Contrappuntistica“ geistert der lutherische Choral „Allein Gott in der Höh’ sei Ehr’“ sowie in den wahnwitzigsten Fugen-Verwicklungen das B-A-C-H-Motiv; das Klavierduo Gerstein-Kozhukin durchleuchtet sie mit der Klarheit bewundernswert abgestimmter Dialoge und wird auch in den massivsten Akkordballungen niemals knallig, setzt einer trocken-transparenten Tongebung wundersam „impressionistische“ Verschattungen entgegen.

Anschlagskunst beweist Kozhukin auch in Strawinskys „L’Histoire du Soldat“, während die den Teufel repräsentierende Violine Alexander Sitkovetskys die Ironie überkandidelter Tanzrhythmen virtuos-komödiantisch ausreizt. Jubel erntet auch die Gestaltung von Liedern Erich Wolfgang Korngolds durch Anna Samuil: Dem „Sterbelied“ gibt sie berührende Nuancen zwischen Wehmut und Trost, „Vier Shakespeare-Lieder“ versieht sie mit einer Art pathetischem Humor, dem kraftvolle Spitzentöne die Glanzlichter aufsetzen. Ein wenig hört man hier schon den Filmkomponisten, als der Korngold im USA-Exil erfolgreich wurde.

Sehr plastisch ausgeführt ist das alles, und fast könnte Beethovens C-Moll- Streichtrio da ins Hintertreffen geraten – doch Kolja Blacher, Nobuku Imai und Frans Helmerson formen aus dem bedeutenden Frühwerk in gespannter Konzentration und individuell sprechender Tongebung ein Minidrama von nachhaltiger Wirkung.

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