„intonations“-Festival : „Wir sind einfach glücklich!“

Vom 7. bis 11. Mai findet im Glashof des Jüdischen Museums das Kammermusik-Festival „intonations“ zum dritten Mal statt. Festivalmacherin Elena Bashkirova über die einmalige Atmosphäre im Jüdischen Museum Berlin – und ihre Programmideen.

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Mit Spielfreude. Elena Bashkirova wurde in Moskau als Tochter des legendären Pianistenausbilders Dmitri Baschkirov geboren. Seit 1988 ist Daniel Barenboim ihr Ehemann. Foto: Monika Rittershaus
Mit Spielfreude. Elena Bashkirova wurde in Moskau als Tochter des legendären Pianistenausbilders Dmitri Baschkirov geboren. Seit...Foto: Monika Rittershaus

Für ihre beiden Festivals ist sie eigentlich ununterbrochen im Dienst: Seit 1998 leitet die Pianistin Elena Bashkirova in Israel das „Jerusalem Chamber Music Festival“, vor drei Jahren kam dann „intonations“ im Jüdischen Museum Berlin dazu. Wo immer sie während der Saison gerade auftritt, wann immer sie Künstlerfreunde trifft, stets berichtet sie von ihren beiden Gründungen, lädt die geschätzten Kollegen zum Mitmachen ein. „Das Tolle an den Festivals ist ja, dass sich sofort ein ganz besonderes Familiengefühl einstellt“, erzählt Elena Bashkirova bei einem Treffen im Wilmersdorfer Café „Manzini“. „Wir kommen zusammen, proben intensivst, spielen diese rauschhaft langen, abwechslungsreichen Programme – und sind einfach glücklich.“

Die Begeisterung der Interpreten überträgt sich dabei unmittelbar auf die Zuhörer. In Jerusalem gibt es viele Menschen, die kein Konzert verpassen, und auch in Berlin hat sich schnell ein Stammpublikum gebildet, das die besondere Atmosphäre im Glashof des Jüdischen Museums zu schätzen weiß. Es gibt sogar Fans, die sich für beide Konzerte am Finaltag Karten kaufen: „Sie kommen um 11 Uhr zu uns, hören drei Stunden Musik, gehen zwischendurch spazieren und sitzen um 19 Uhr wieder mit leuchtenden Augen da“, berichtet Elena Bashkirova.

Eine der Grundideen von „intonations“ wie auch vom „Jerusalem Chamber Music Festival“ war, die heutige Spezialisierung bei Kammermusikaufführungen aufzuheben. Im Klassikbetrieb ist es üblich, dass entweder ein Streichquartett den ganzen Abend bestreitet oder aber ein Solist mit Klavierbegleitung oder ein Trio. Elena Bashkirova und ihre Freunde musizieren dagegen nach dem traditionellen Salon-Prinzip: Wie einst bei geselligen Zusammenkünften in großbürgerlichen Wohnzimmern treten die Formationen bunt gemixt auf.

Nachwuchskünstler treffen auf erfahrene Profis

In diesem Mai sind beispielsweise bei jedem Konzert auch Sänger vertreten. Stars der Opernszene wie Dorothea Röschmann, Angela Denoke, Mojca Erdmann und Robert Holl, die hier zu Lied-Interpreten werden – und sich dabei natürlich am liebsten von der Festivalleiterin selber begleiten lassen würden. Die aber ist in diesen Tagen ja eigentlich schon voll mit der Organisation ausgelastet und muss sich darum auf wenige Auftritte beschränken: „Auch wenn ich gerne bei jedem Konzert dabei wäre!“

Ein weiterer wichtiger Faktor bei der Zusammenstellung des Programms ist für Elena Bashkirova die Mischung von Nachwuchskünstlern und erfahrenen Profis: „Denn beide Seiten können immer voneinander profitieren.“ Iddo Bar-Shai ist so ein neuer Name. Kolja Blacher, Radu Lupu oder Andras Schiff dagegen sind beim Publikum seit langem ebenso bekannt wie beliebt. Frans Helmerson, als Cello-Professor eine Institution, wird ebenso dabei sein wie einer seiner Schüler an der renommierten Kronberg Academy, der 1988 geborene Gabriel Schwabe.

Viele Mitwirkende rekrutieren sich aus den Reihen der Berliner Philharmoniker. Geigerin Madeleine Carruzzo war schon häufig dabei, ebenso wie Guy Braunstein, der jüngst seine Orchesterposition aufgegeben hat, um sich einer Solistenkarriere zu widmen. Zu den vertrauten Philharmoniker-Gesichtern gehören weiterhin Harfenistin Marie-Pierre Langlamet (siehe Seite B7) und Cellist Ludwig Quandt, in den vergangenen Jahren neu dazugekommen sind Konzertmeister Daishin Kashimoto (siehe Seite B6), Kontrabassist Matthew McDonald und Klarinettist Andreas Ottensamer.

Daniel Barenboim, der Ehemann von Elena Bashkirova, kann diesmal leider nicht dabei sein. Er ist im Mai mit seiner Staatskapelle auf Tournee. Dafür ist ihr Sohn Michael natürlich mit von der Partie, als Partner von Pianist Radu Lupu bei Mozarts Violinsonate KV 454 wie auch als Kammermusiker bei den Klavierquintetten von Edward Elgar und Johannes Brahms sowie in Rudi Stephans „Musik für sieben Saiteninstrumente“.

Das 19. Jahrhundert bot eine faszinierende Stilvielfalt

Dieser Rudi Stephan war für Elena Bashkirova die große Entdeckung, als sie das Programm dieses Jahres zusammenstellte. Ein in Worms geborener, in Frankfurt am Main und München ausgebildeter Komponist, der die Musik des 20. Jahrhunderts entscheidend hätte prägen können, wie die Pianistin meint: „Was für eine Begabung! Und was für ein Drama, dass er 1915 mit nur 28 Jahren gefallen ist.“ Den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren hat Elena Bashkirova zum Anlass genommen, sich intensiv mit der europäischen Musikszene um 1914 zu beschäftigen.

„Faszinierend, welche Stilvielfalt damals herrschte“, sagt sie. „Da standen Figuren, die fest im 19. Jahrhundert verwurzelt waren, wie Edward Elgar oder Max Reger, neben jungen Revoluzzern wie Kurt Weill oder Avantgardisten wie Anton Webern und Igor Strawinsky, da prägte ebenso Richard Strauss das Musikleben wie Claude Debussy.“ Alle diese Komponisten sind mit wichtigen Kammermusikwerken an den fünf „Intonations“-Tagen vertreten.

Ganz sklavisch klammert sich die Festivalmacherin allerdings nicht an ihr Motto. Das würde auch nicht zur freigeistigen Salon-Atmosphäre passen. Darum sind im Programm auch Werke von Mendelssohn oder Mozart, Schumann oder Brahms zu finden. Außerdem ist es Elena Bashkirova wichtig, immer auch Uraufführungen oder zeitgenössische Stücke präsentieren zu können. In diesem Jahr ist darum der Komponist David Coleman mit seinen „Drei Stücken für Klarinette und Klavier“ dabei (siehe Seite B6).

Gerne engagiert Elena Bashkirova auch Musiker, die ihr von Freunden empfohlen wurden: „Wenn ich einen neuen Namen von drei Seiten gehört habe, werde ich neugierig“, berichtet sie. „Denn da teile ich ganz die Einschätzung meines Mannes. Einen schlechten Abend kann auch der beste Künstler mal haben. Aber niemand ist zufällig gut.“

Das Museum wird zum Musikzentrum

Im Jüdischen Museum Berlin hat sich Elena Bashkirova von Anfang an wohlgefühlt, auch wenn Daniel Libeskinds Glashof mit den avantgardistischen Säulen, die sich wie Baumwipfel verzweigen, akustisch nicht die besten Bedingungen für Kammermusik bietet. Durch ein paar Tricks mit Schall schluckenden Vorhängen und Paravents konnte man diese Probleme zum Glück in den Griff bekommen. Unschlagbar ist dagegen die Atmosphäre der Offenheit, die von der lichten Halle ausgeht, und die so gut zur inneren Einstellung der Interpreten passt. Dass die Zuschauer während der Darbietungen mit dem Rücken zum Garten sitzen, ist gewollt: „Der Ausblick ist so herrlich, dass man sich gar nicht richtig auf die Musik konzentrieren könnte.“

Während des Festivals ist das Jüdische Museum Berlin aber nicht nur Veranstaltungsort, sondern verwandelt sich in ein veritables Musikzentrum: „Wir haben drei Säle, in denen wir proben können, und sind darum Tag und Nach vor Ort. Es ist ein wunderbares Gefühl, dort zu musizieren, weil wirklich alle im Museum mithelfen, uns das Gefühl zu vermitteln, willkommen zu sein.“ So wie in Jerusalem bleiben auch in Berlin alle Künstler noch vor Ort, wenn der Schlussapplaus verklungen ist, stillen ihren Durst nach dem langen Musizieren, essen eine Kleinigkeit und tauschen sich aus, untereinander wie auch mit ihren Zuhörern. Auch das gehört zu der familiären Atmosphäre von „Intonations“.

Wenn sie sich daran macht, ein neues Festivalprogramm zu konzipieren, führt Elena Bashkirovas Weg zunächst einmal zum Schreibwarengeschäft: „Ich arbeite ganz altmodisch noch mit Stift und Papier. Auch wenn ich bereits jede Menge Ideen im Kopf habe, muss ich unbedingt ein neues Heft kaufen, bevor ich anfange, sie zu strukturieren.“ So entsteht dann erst einmal ein „Skelett“, also das Gerippe des Festivals, das anschließend Formen annimmt. Auch nach dem erfolgreichen Abschluss des jeweiligen Festivals hebt die Pianistin diese Skizzenhefte übrigens auf: „Das ist meine Art von Tagebüchern.“

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