Intrigen ums Kulturforum in Berlin : Hamburg-Connection blitzt bei Michael Müller ab

Der Architekt Volkwin Marg bringt sich mithilfe Hamburger Bundestagsabgeordneter beim Kulturforum in Stellung - und stiftet Chaos. Er schlägt einen neuen Standort vor, will die Potsdamer Straße verlegen lassen. Um die Kunst des 20. Jahrhunderts scheint es gar nicht mehr zu gehen.

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Architektentraum. Volkwin Marg will am Kulturforum eine „preußische“ Garten- und Wasserlandschaft.
Architektentraum. Volkwin Marg will am Kulturforum eine „preußische“ Garten- und Wasserlandschaft.Abbildung: gmp-Architekten

Berlin gilt als Stadt rasanter Entwicklungen, hier wird aufs Tempo gedrückt. Aber das ist ein oberflächlicher Eindruck. Tatsächlich ist Berlin bei großen Bauprojekten die Hauptstadt der Verschleppung, viele Debatten enden im Nirgendwo – zumal bei den Museen. Was auch in der Natur der Sache liegt. Bauten für die Bewahrung von Kunst sind kostspielig, und eine Gesellschaft tut gut daran zu überlegen, wie sie mit ihrem Erbe umgeht und in welcher Form die Gegenwart der Zukunft übergeben wird.

Am Kulturforum zieht sich das Überlegen, Planen, Debattieren und Verbauen bereits über Jahrzehnte hin, bedingt durch die Teilung der Stadt. Es gibt keinen in Berlin, der mit dem Zustand des Kulturforums zufrieden ist. Bei dem Thema stößt man überall nur auf Frustration und Empörung, dass immer noch nichts geschehen ist, um den öden Ort zu harmonisieren.

Parkplatz, Würstchenbude, Kulissen und Weltkultur – das Kulturforum hat seinen speziellen Berliner Charakter. Geschichte und Architektur der letzten fünfzig Jahre sind wie in einem Themenpark zu besichtigen an einem Punkt, der einst an der Mauer lag. Unvergessen das Bild, wie der vor den Nazis nach Hollywood geflohene Schauspieler Curt Bois in Wim Wenders’ Film „Der Himmel über Berlin“ 1987 über das nahe Brachland geht.

Hier stehen Solitäre der Kunst und Architektur von höchst unterschiedlicher Qualität. Scharouns Philharmonie hat ikonische Kraft, ebenso Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie; die ist allerdings auf Jahre geschlossen. ZU. So steht’s in Riesenlettern auf der Glasfassade. Geöffnet sind das im Inneren verbesserte, von außen aber spukhässlich anzusehende Kunstgewerbemuseum und die der Gemäldegalerie mit ihren Schätzen, die dem Besucher kalt den Rücken zukehrt. Schon über den Kammermusiksaal lässt sich streiten, wie über fast alles, was mit dem Kulturforum zusammenhängt.

Im November schien der Knoten am Kulturforum zu platzen

Und plötzlich schien der Knoten zu platzen. Es war Mitte November letzten Jahres, als der Bundestag 200 Millionen Euro für einen Neubau am Kulturforum bereitstellte. Das Museum der Moderne soll die Werke der privaten Sammler Pietzsch, Marx und Marzona aufnehmen, die Platznöte der Neuen Nationalgalerie überwinden und ein Zeichen setzen an einem schwierigen Ort.

Seitdem steht auch der zuvor aus finanziellen Gründen verworfene Standort Potsdamer Straße wieder im Mittelpunkt. Hier könnte das neue Museum dem Kulturforum als Ganzem aufhelfen und Kultur und Forum doch noch in Einklang bringen. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Sammler, der Berliner Senat, Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), die das Projekt vorangetrieben hat – die Stadt war beglückt. Das war zu schön, das ging zu einfach, um wahr zu sein.

Ebenso unvermutet taucht nun Widerstand auf, sollen die Pläne hintertrieben werden. Vor einigen Wochen waren die Bundestagsabgeordneten Rüdiger Kruse (CDU), Johannes Kahrs (SPD) und Anja Hajduk (Grüne) zu Besuch beim Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD). Sie gehören dem Haushaltsausschuss an und haben sich für die 200-Millionen-Euro Gabe eingesetzt. Kruse und Kahrs stellen sich gern als die eigentlichen Macher des Museums der Moderne dar.

Der Regierende Bürgermeister empfing Volkwin Marg nicht

Kruse, Kahrs und Hajduk, Berichterstatter für Kultur im Haushaltsausschuss, wollten beim Gespräch im Roten Rathaus noch einen Herrn dabeihaben, den Michael Müller allerdings nicht bereit war zu empfangen: den Architekten Volkwin Marg, einen der beiden Gründer von Gerkan, Marg und Partner. gmp operieren global. Sie haben weltweit Fußballstadien und Museen gebaut. Der Flughafen Tegel war ihr frühes Meisterstück, sie entwarfen den neuen Berliner Hauptbahnhof, beim neuen Flughafen BER hatten gmp die technische Planung. 2012 wurde der Vertrag von der Flughafengesellschaft gekündigt. Marg hat eigene Pläne für das Kulturforum. Er träumt auf seine alten Tage von einem preußischen Arkadien am Kulturforum.

Volkwin Marg.
Volkwin Marg.Foto: dpa

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Es ist eine Hamburg-Connection. Kruse, Kahrs und Hajduk kommen aus der Hansestadt. Dort haben gmp ihren Sitz. Anfang Mai feierte das Hamburger Magazin „Der Spiegel“ die „bisher unveröffentlichten“ Entwürfe Margs für „die Neumodellierung des gesamten Kulturforums“ – mit einem Kolonnadenhof als zentralem Eingangsbereich.

Ein „Lustgarten der Moderne“ soll entstehen, mit Bäumen, Wasserspielen und Skulpturen. Marg will den Neubau an der Sigismundstraße errichten, hinter der Neuen Nationalgalerie. Andernfalls gingen Sichtachsen verloren. Bei einer Veranstaltung der Berliner Grünen sagte Marg, er sei „erschüttert über die Abwesenheit von Stadtplanung“. Er handele im Übrigen als Privatperson, nicht für das Büro gmp. Aber es soll geklotzt werden.

Die Potsdamer Straße will Marg in den Untergrund verlegen, einen Tunnel bauen. Die Kosten dafür schätzt er auf 35 bis 40 Millionen Euro. „Gemessen an vergleichbaren Straßentunneln für die Entlastung von Durchgangsverkehren ist eine solche Maßnahme im Interesse nationaler Kulturpräsentation naheliegend und zu empfehlen“, heißt es in dem Marg-Papier, einer hochfahrenden Skizze.

Marg schwebt ein neuer Stadtteil vor

Volkwin Marg, Jahrgang 1936, träumt auf seine alten Tage von der Wiederkehr eines „Preußischen Arkadien“ rund um die Matthäuskirche, von einer Art Potsdamer Wasser- und Skulpturenlandschaft am Potsdamer Platz, einem „Gravitationszentrum mit einzigartiger Verweilqualität“. Dort freilich gibt es schon Arkaden, wenngleich von prosaischer Natur, in Gestalt eines Einkaufszentrums. Auch das Sony Center kann man nicht ganz außer Acht lassen. Wasser fließt eigentlich auch schon in der Gegend, im Landwehrkanal. Und der Tiergarten liegt nebenan.

Vision und Eitelkeit, Genie und finanzielle Interessen liegen bei Künstlern und Architekten oft dicht beieinander. Eines ist klar: Margs Ideen bewegen sich in einem völlig anderen Kosten- und Zeitrahmen als die bisherige Planung. Bei ihm dreht es sich nicht um eine Heimat für die Kunst des 20. Jahrhunderts. Marg schwebt ein neuer Stadtteil vor.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat sich dagegen auf den Bauplatz an der Potsdamer Straße festgelegt. Dorthin wollen die Sammler ihre Kunstwerke geben, es ist die Präferenz der Preußenstiftung, schon allein wegen der dort möglichen Ausstellungsfläche von 14 000 Quadratmetern. An der Sigismundstraße ist weniger Platz, man müsste da tief in den Boden bauen. Der Versicherungswert der drei Sammlungen liegt bei einer Milliarde Euro. Erich Marx ist 94, Heiner Pietzsch wird nächste Woche 85 Jahre alt. Jahrelang wurden sie hingehalten. Ob sie die Grundsteinlegung noch erleben?

Grütters macht Tempo - sie kennt die Berliner Verhältnisse

Die Marg-Partei, das ist auf diversen Veranstaltungen deutlich geworden, will Zeit gewinnen, zugunsten von „Qualität“. Dafür war Jahrzehnte Gelegenheit gewesen: eine Verbesserung oder gar die Vollendung des Kulturforums. Und nun kommt das alles wieder hoch.

Zur Zukunft des Kulturforums in Berlin
Es ist ein Unort, mitten In Berlin: das Kulturforum (hier farbig hervorgehoben). Jeder will Veränderung, wirklich geschehen tut jedoch nichts. Hauptdarsteller auf der großen Freilichtbühne sind zwei Archetypen der Moderne: die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe als durch einen Sockel erhöhter Tempel klassischer Rationalität in Stahl und Glas und die frei bewegte Zeltarchitektur der Philharmonie von Scharoun.Weitere Bilder anzeigen
1 von 16Foto: Kuehn Malvezzi
19.05.2014 14:32Es ist ein Unort, mitten In Berlin: das Kulturforum (hier farbig hervorgehoben). Jeder will Veränderung, wirklich geschehen tut...

Die Kulturstaatsministerin glaubt an den Baubeginn im Jahr 2017 und die Eröffnung 2021. Noch. Grütters macht Tempo, sie kennt die Berliner Verhältnisse. Es droht ein neuer Museumsstreit. Anders als im Sommer 2012 geht es nicht darum, ob die Alten Meister auf die Museumsinsel umziehen oder am Kulturforum bleiben. Jetzt hängt es an der Frage, ob das Museum an der Sigismundstraße oder der Potsdamer Straße gebaut wird und welche Folgen das jeweils für die Gestaltung des Kulturforums hat.

Allein ein Wettbewerb kann das lösen. Vor der Sommerpause soll er beginnen. Es handelt sich um einen Ideenwettbewerb, ausdrücklich auch für junge Architekturbüros, der die Grundstücksfrage offen lässt. Darüber ist wohl Einigkeit erzielt worden – aber nicht über die Besetzung der Jury, in der die Hamburger Bundesabgeordneten vertreten sein werden.

Zieht sich die Sache hin, so wie sich bisher alle Diskussionen um das Kulturforum hingezogen haben, könnten sich die Sammler im schlimmsten Fall doch nochmal anderswo umschauen. Und je länger es dauert, desto unwahrscheinlicher wird es, dass ein Museum der Moderne für 200 Millionen Euro zu bekommen ist. Die nächste zähe, teure Baustelle in Berlin ...

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