Kultur : Invasion der Barbaren

Berlusconi I: Der erzwungene Abschied von Ugo Perone in Berlin

Paul Graf

Vor dem Italienischen Kulturinstitut in Berlin wurden am Freitag abend Flugblätter mit einem Porträt des neuen Institutsdirektors Renato Cristin porträtiert. Der bisherige Chef Ugo Perone wird von einem Mann abgelöst, der über ein klares politisches Profil verfügt. Den chilenischen Putschisten Pinochet etwa hält er für den Wegbereiter des „sozialen Friedens“ in einem „liberaldemokratischen politischen System“. Dass Perone in den Auseinandersetzungen um seine Weiterbeschäftigung unterlag, wundert nicht. Wie in New York, Paris, Brüssel, Moskau und anderswo wird nun auch die Leitung des Berliner Kulturinstituts ausgetauscht. Künftig liegt sie in Händen von Personen, die der Regierung Berlusconi nahe stehen.

Folglich wurde der Abend, an dem der Journalist und Schriftsteller Michele Serra eingeladen war, auch eine Abschiedsveranstaltung für den scheidenden Direktor. Serra hat bis Mitte der neunziger Jahre „Cuore“, die satirische Beilage von „L’Unità“ geleitet. Claudio Magris zufolge hilft er den Italienern, indem er sie zum Lachen bringt. Ja, meint Perone, er wisse genau, wie nötig das Lachen zuweilen sei – es bleibt die einzige Anspielung auf die eigene prekäre Situation. Vor allem aber ist Michele Serra mit seinen Kolumnen in „La Repubblica“ und „L’Espresso“ einer der wichtigsten unabhängigen Kommentatoren der gegenwärtigen italienischen Politik. Auf Fragen nach der Entwicklung der politischen Sprache in Italien gesteht er, es gebe nur wenige, „die beim Sprechen noch sich selber auszudrücken versuchen“. Zum einen wettert er gegen eine vermeintliche „Objektivität“, die nur Modelle der Marketingsprache bediene. Zum anderen sei der „barbarisierte“ politische Diskurs seines Landes voller falscher Behauptungen, ja, voller vorsätzlicher „Lügen“.

Als Perone mit dem ihm eigenen Understatement die Besucher verabschieden will, fällt ihm ein Mitarbeiter ins Wort. Schließlich sei es vielleicht die letzte Gelegenheit, dem ehemaligen Chef öffentlich für seine Arbeit zu danken. Es folgen Standing Ovations. Perone ist sichtlich bewegt. Vor allem mit den beiden großen Festivals „La Piazza“ und „La Dolce Vita“ hat er Berlin Kulturereignisse ersten Ranges beschert. Was immer sein Nachfolger unter Kultur versteht: die Messlatte liegt hoch.

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