Kultur : Invasion der Kinofresser

JAN GYMPEL

"Filme, die es nicht gibt" war kürzlich der Aktionstag der Kommunalen Kinos betitelt.Teilweise handelte es sich dabei um Filme, die es nicht mehr gibt: Werke, von denen keine Kinokopien mehr verfügbar sind.Auf eine ganze Reihe solcher Filme lenkt jetzt der Filmrauschpalast in der Kulturfabrik Lehrter Straße 35 die Aufmerksamkeit: In den kommenden drei Wochen werden sechs Klassiker gezeigt, deren Kinolizenzen zum Jahresende auslaufen und die deshalb auf unabsehbare Zeit nicht mehr auf der Leinwand zu sehen sein werden.

Man muß dies - zum Unwillen vieler Cineasten - nicht unbedingt als Unglück betrachten: Nicht jedes dröge Dialogdrama benötigt die große breite Leinwand so dringend wie "Vom Winde verweht".Und bei vielen Filmen aus jüngerer Zeit wird die Video- und TV-Verwertung von vornherein einkalkuliert, die Bildgestaltung also der Mattscheibe angepaßt.Doch hinter dem "Verschwinden" von Filmen aus dem Kinoangebot verbirgt sich ein generelles, tiefgreifenderes Problem: Der Verdrängungswettbewerb der Multiplexe gegen die bestehende Kinostruktur läßt engagierten, nur schlecht oder gar nicht subventionierten Einzelkinos bestenfalls noch eine Chance, in Nischen zu überleben.Wobei auch diese Nischen durch das Verlangen der großen Ketten, möglichst den gesamten Markt abzugrasen, immer weniger werden - ob es sich um den traditionellen "Filmkunst"-Sektor handelt, um Wiederaufführungen oder das Zeigen von Originalfassungen.Durch immer gleichförmigere Programmgestaltung geraten Verleiher mit ausgefallenen Filmen und womöglich großem Repertoire in zunehmende Schwierigkeiten, müssen ihr Angebot einschränken oder gar ganz aufgeben

Die Filme, die jetzt im Filmrauschpalast zu sehen sind, stammen aus einer Zeit, in der Produzenten, Regisseure und Kameraleute noch nicht auf die Bildschirm-Verwertbarkeit schielen mußten.Sie sind teils gute Beispiele für Werke, die nur auf der Leinwand ihre volle Wirkung entfalten.So orientiert sich beispielsweise "Der Verlorene" mit seiner düsteren Bildgestaltung sowohl am deutschen Expressionismus als auch an dessen amerikanischem Erben, dem Film noir der vierziger und frühen fünfziger Jahre.Peter Lorres einzige Regiearbeit, die er 1951 in Deutschland schuf, dreht sich um einen von ihm selbst gespielten Mann, dessen Totschlag an seiner Verlobten von der Gestapo wegen seiner Bedeutung als Wissenschaftler gedeckt wird.

Während "Der Verlorene" erst Jahrzehnte später als ein herausragendes Werk des deutschen Nachkriegsfilms wiederentdeckt wurde, erntete das "Free Cinema" umgehend Anerkennung: Der britische Beitrag zum weltweiten Aufbruch der Jungfilmer Anfang der sechziger Jahre zeigte sich betont sozial engagiert und begründete eine Tradition, die im Kino des Vereinigten Königreichs bis heute nachwirkt.Werke wie "Die Einsamkeit des Langstreckenläufers" oder die ebenfalls von Tony Richardson inszenierte Adaption des Dramas "Bitterer Honig" wird man aber nicht mehr im Vergleich mit aktuellen Arbeiten etwa Mike Leighs zeigen können.Wie Rossellinis Antifaschismusepos "Rom - offene Stadt", Carlos Sauras surreale Attacke auf die franco-spanische Bourgeoisie "Der Garten der Lüste" und Don Siegels Science-fiction-Horror "Die Invasion der Körperfresser" flimmern sie jetzt im Filmrauschpalast zum letzten Mal über die Leinwand.

Im Filmrauschpalast läuft derzeit "Die Einsamkeit des Langstreckenläufers" (20 Uhr) und "Bitterer Honig" (22 Uhr), ab Donnerstag: "Rom - offene Stadt" und "Der Verlorene"

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