Kultur : Investieren Sie in Öl!

Mythen, Messen, Malerei: Der Berliner Top-Galerist Max Hetzler feiert sein 30-jähriges Jubiläum

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Gleich zu Anfang: Stimmt die Legende, dass Sie Anfang der Achtzigerjahre mit einem VWBus aufs Land gefahren sind, um Bilder des heutigen Malerstars Martin Kippenberger zu verkaufen?

(lacht) Nein, das war eher umgekehrt: Kippenberger ist 1981 auf dem Weg nach Italien im VW-Bus bei mir in Stuttgart vorbeigekommen und hatte hundert leere Leinwände dabei. Die fertig gemalten Bilder wollte er im Anschluss an seine Reise bei mir in der Galerie ausstellen. Diese erste Kippenberger-Ausstellung hatte dann den Titel „Ein Erfolgsgeheimnis des Herrn A. Onassis: Investieren Sie in Öl“. Ausgeliefert haben wir die Bilder dann aber tatsächlich selbst – und den Verkaufspreis von 400 Mark meist gleich wieder in der nächsten Kneipe umgesetzt.

Sie blicken auf 30 Jahre Galeriegeschichte zurück. In welche Richtung hat sich in den letzten Jahrzehnten der Kunstmarkt verändert?

Die entscheidende Neuerung kam in der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre, als sich die Auktionshäuser immer stärker in der zeitgenössischen Kunst engagierten. Dadurch stiegen die Preise für junge Gegenwartskunst enorm. Ein Gemälde von Julian Schnabel erreichte plötzlich einen Preis von 80 000 Dollar. In den Galerien kosteten die Bilder damals noch die Hälfte. Es gab neue Sammler; der Markt wurde internationaler. Bis zum Einbruch Anfang der Neunziger, der dann einer neuen Generation von Künstlern eine Chance bot. Das Tafelbild war mit einem Mal passé.

Also haben die Auktionshäuser die Galeristen geschwächt?

Nein, jeder partizipiert auf seine Weise an dem System. Die Auktionshäuser verbreiten Kunst weltweit, und sie setzen mit den Auktionen Preise. Die stürmische Entwicklung in der Fotografie in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre wäre ohne die Auktionshäuser gar nicht möglich gewesen. Große Fotografien von Thomas Struth kosteten noch 1990 rund 12 000 Mark. Ende der Neunziger gab es bereits Auktionsergebnisse, die bei 100 000 Dollar lagen. Solche Sprünge stimulieren den Markt, sie beeinflussen das Verhalten der Sammler und natürlich auch die Produktion. Den Auktionshäusern ist es dann allerdings wurscht, wenn der Markt einbricht. Sie bieten einfach etwas anderes an. Die Galeristen wachsen oder leiden gemeinsam mit ihren Künstlern.

Droht heute eine Überhitzung des Marktes?

Die Galerien sind gezwungen, schnell auch für ihre jungen Künstler Kataloge zu produzieren und ihre Werke auf Messen zu zeigen. Das kostet viel Geld; entsprechend hoch sind dann bereits die Einstiegspreise. Und weil sich der Markt schnell dreht, können Karrieren sehr kurz sein. Die Zeit, die ein Künstler hat, um sein Werk zu entwickeln, ist viel knapper geworden. Den wenigsten Künstlern ist es vergönnt, ihr Werk langfristig anzulegen – der Markt erwartet wiedererkennbare Images.

Sind da nicht auch die Galeristen gefragt, ihre Künstler zu schützen?

Das können sie gar nicht mehr; dafür ist die Kunstwelt zu transparent. Der Sammler in Los Angeles weiß längst, was in Berliner Ateliers produziert wird, oftmals bevor die Werke in Galerien ausgestellt werden.

2003 war ein wichtiges Messejahr: Immer neue Kunstmärkte werden etabliert. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Für Messen, die an ein Land oder eine Region gebunden sind, wird es immer schwerer. Das gilt sogar für eine so etablierte Messe wie die Art Cologne. Jede Messe muss etwas Spezifisches bieten und sich immer wieder neu erfinden, sonst kann sie nicht bestehen. Wie zwingend diese Entwicklung ist zeigt etwa das Beispiel der Berliner Messe: Nach dem fulminanten Start der Londoner „Frieze“ im letzten Jahr müssen sich die Berliner Galerien für den Fortbestand des Art Forums engagieren.

Sie nehmen nicht mehr teil, obwohl Sie sich vor einigen Jahren entschieden für die Messe eingesetzt haben. Was ist vorgefallen?

Das ist für mich Schnee von gestern. In diesem Jahr werden wir uns nur an zwei Messen beteiligen: an der Art Basel und deren Schwestermesse in Miami.

Beschränkung ist für Ihre Galerie nicht gerade typisch: Sie haben in all den Jahren mehrere Ausstellungsorte bespielt, in der nächsten Woche sind es sogar drei, wenn Sie neben Ihren Galeriestandorten noch eine temporäre Installation von Darren Almond in einer Kirche in der Auguststraße eröffnen.

Das hatte immer mit den Arbeiten zu tun, die ich zeigen wollte: Unsere Stammgalerie in der Zimmerstraße ist eher für Malerei und Fotografie geeignet, der Ausstellungsraum in der Holzmarktstraße für Projektionen und Skulpturen. Aber es stimmt: Wir haben immer mit Räumen gespielt. Fast erschreckend, wie viele da im Laufe der Jahre zusammenkommen.

Erschrecken würde mancher auch über die Anzahl von Künstlern, mit denen sie Ausstellungen realisiert haben: Ihr Jubiläumskatalog der letzten zehn Jahre verzeichnet 102 Künstler und Architekten...

...wirklich? Das ist viel (lacht). Aber das hat auch mit Berlin zu tun . Wir haben 1994 den Architekturdiskurs in der Stadt aufgegriffen und in einer Ausstellung allein vierzig Modelle von Architekten präsentiert. In der zweiten Hälfte der Neunziger rückten andere Fragestellungen in den Vordergrund. Ich war mit einer neuen Generation von Künstlern und Galeristen konfrontiert. Der Umzug von Köln nach Berlin gab mir die Möglichkeit, mich zu öffnen und junge Künstler für die Galerie zu gewinnen.

Hatten Sie nie Angst, dass sich dadurch Ihr Programm verwässert?

Nein, ich wollte nie eine Programmgalerie etablieren . Außerdem gibt es gut zwei Hand voll Künstler, deren Arbeiten wir seit über zwanzig Jahren regelmäßig zeigen und die der Galerie eine unverwechselbare Identität geben. Junge Künstler brauchen etablierte Künstler – und umgekehrt.

Inhaltlich liegen Welten zwischen Kippenberger und Koons, Thomas Struth und Larry Clark, Darren Almond und Albert Oehlen ...

... aber es sind immer Positionen. Angefangen habe ich mit Künstlern, die den Geist der Siebzigerjahre repräsentierten, wie Klaus Rinke, Ulrich Rückriem oder Mario Merz. Über diese bin ich dann auf deren Studenten aufmerksam geworden: Maler wie Oehlen, Förg, Kippenberger. Diese Künstler haben ganz entscheidend die Galerie geprägt, und ich bin ihnen durch alle Veränderungen gefolgt. Bis heute. Aber vor allem, auch an Fotografie und Film, interessiert mich letztlich das Bild.

Vor fünf Jahren haben Sie in einem Interview zur Berliner Kunstszene gesagt, man könne erst in fünf Jahren sagen, welche Werke Bestand haben. Können Sie das heute?

Ja, ich denke schon. Einige Künstler sind mittlerweile weltweit etabliert. Manche Diskussion ist damit hinfällig geworden. Wir müssen uns nicht mehr über das mangelnde Engagement der Berliner Institutionen echauffieren. Als die Anerkennung hier ausblieb, kam sie eben von woanders her. Vor fünf Jahren hätte man sich gewünscht, dass die Museen mitziehen. Gelegentlich ist das ja auch der Fall. Aber der Motor der Kunststadt Berlin bleiben die Galerien.

Das hört sich nicht so an, als ob Sie bereits Ihren nächsten Umzug planen – bisher kamen Ihre Wechsel immer nach rund zehn Jahren.

Nein, Sie können in Deutschland kein spannenderes Umfeld finden als in Berlin.

Das Gespräch führte Katrin Wittneven.

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