Iran : Der Biss der Schlange

Die Revolution frisst ihre Kinder: Warum die Gewalt im Iran sich vor allem gegen die Jugend wendet. Ein Bericht über die Lage der Studenten in Teheran

Abbas Maroufi

Es gibt einen persischen Mythos, den man aus dem Epos „Schahnameh“ (dt. „Buch der Könige“) des persischen Nationaldichters Firdausi kennt: der Mythos von Zahhak. Zahhak war ein arabischer Prinz, der von einem Dämon verführt wurde, seinen Vater ermordete und den Thron bestieg. Dem neuen König erschien der Dämon, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, das Menschengeschlecht auszurotten, in verwandelter Gestalt, als stattlicher junger Mann, der sich als Koch ausgab. Zu jener Zeit, so will der Mythos, ernährten sich die Menschen ausschließlich von Pflanzen und Früchten. Aber dieser Koch erlegte die Vierbeiner und die Vögel, aus deren Fleisch er Zahhak jeden Tag die köstlichsten Speisen zubereitete. Er machte den König zum Schlemmer und gewann seine Gunst.

Eines Tages fragte ihn Zahhak, was er sich wünsche, und da sagte der Dämon: „Einen Kuss auf beide Schultern“. Der König gewährte den Kuss. Aber sobald der Dämon ihn geküsst hatte, löste er sich in Luft auf und aus den geküssten Stellen erhoben sich zwei schwarze Schlangen. Zahhak fiel in Ohnmacht. Man schnitt die Schlangen ab. Aber sofort wuchsen zwei neue nach. Die Ärzte und die Gelehrten des Hofes waren ratlos. Da kam der Dämon zurück, diesmal als weiser Greis, und präsentierte eine Lösung: Die Schlangen sollten gefüttert werden, und zwar mit dem Gehirn junger Menschen, andernfalls würden sie Zahhaks Gehirn auffressen.

Zur gleichen Zeit herrschte im Nachbarreich Iran ein ungerechter König, gegen den die Iraner immer wieder aufbegehrten. Zahhak nutzte die Gunst der Stunde, griff das Reich an und eroberte es unter dem Jubel der Iraner, die von der Ungeheuerlichkeit Zahhaks nichts ahnten. Von jenem Tag an enthauptete man jeden Tag zwei junge Menschen in der Teufelsküche und gab ihre Gehirne den Schlangen zum Fraß. Zahhak herrschte viele Jahre über Iran und tötete viele jungen Menschen, weil seine Schlangen unersättlich und unsterblich waren.

Als ich ein kleiner Junge war, lernte ich die Geschichte von Zahhak aus den Schulbüchern. Sie ist im Bewusstsein der Iraner gegenwärtig, jedes iranische Kind kann sie erzählen. Wenn das Kind erwachsener wird, erinnern seine Eltern es gern daran: „Misch dich ja nicht in die Politik ein! Sie ist ein Teufelswerk!“, sagen sie ihm. Meine Mutter hatte immer diese Pointe parat: „Warum kochte man jeden Tag für Zahhaks Schlangen die Gehirne zweier jungen Menschen? Um euch beizubringen, dass ein Tyrann der Erzfeind der jungen Menschenhirne ist! Merkst du nicht, was in den Gefängnissen dieses Landes los ist?“ Recht hatte sie. In meiner Jugendzeit waren alle, die hingerichtet oder massenweise verhaftet wurden, jung, manchmal zu jung.

Die 1979er Revolution befreite zwar viele junge Iraner aus den Gefängnissen. Aber nach der Revolution war es wie vor der Revolution. Das islamische Regime hatte noch nicht einmal sein einjähriges Bestehen gefeiert, als es unter dem Deckmantel der „Kulturrevolution“ die Universitäten einer scharfen Überwachung unterzog, um sie dann endgültig dicht zu machen. Wir wurden drei Jahre lang dem Studium ferngehalten. Während dieser Zeit nahm man die Akte jedes einzelnen Studenten genau unter die Lupe. Das Ziel war die Liquidierung der Linken beziehungsweise der radikalen Gruppierungen. Die Uni war schon immer die innerste Zelle des politischen Engagements. Eines Tages erstürmten Männer mit Schlagstöcken die Universität, nahmen sie in ihre Gewalt und räucherten sie drei Jahre systematisch aus. Aber auch die übrig gebliebenen, „sauberen“ Studenten, die diese „Kulturrevolution“ überlebt und ihr Studium wieder aufgenommen hatten, änderten im Laufe der Zeit ihre Ansichten, ihre anfängliche Konformität verwandelte sich in Kritik und diese dann wenig später in Opposition.

Da ist eine wahrhaft dämonische Kochkunst in diesen Mauern am Werke. Die Teheraner Universität und das Studentenwohnheim in der Straße an der Uni (Kouye Daneshgah) bilden zusammen einen Sicherheitstrakt, nicht zugänglich für die Öffentlichkeit, mit Wächter, Ausweiskontrolle, Überwachungskameras und wer weiß noch was, denn an diesem Ort, dieser Teufelsküche wird Schlangenfutter aufbewahrt und zubereitet. Jedes Mal, wenn die Basidji-Milizen die schlafenden Studenten nächtlich niederschießen oder -stechen oder -knüppeln und alles kurz und klein schlagen, wie es in der Nacht von vergangenem Dienstag auf Mittwoch geschah, in der sechs Studenten getötet und viele verletzt wurden, muss man davon ausgehen, dass dies nicht ohne Absprache mit den Zuständigen, zum Beispiel dem ehemaligen Geheimdienstler und jetzigen Unipräsidenten Farhad Rahbari geschehen konnte. Der es zuerst billigte, dann dementierte er, dass es Tote gegeben hatte, und jetzt bedauert er das Ganze.

Ich erinnere mich daran, dass ich einmal nach einer im Keime erstickten studentischen Bewegung in meiner Zeitschrift schrieb: „Die Universität ist ein Ort des Fragens, des Risikos, der Diskussion und des Zweifels. Der Glaube basiert auf Zweifel. Wenn ein Student seine Gesellschaft und die Herrschaft nicht in seinen jungen Jahren kritisieren und dagegen protestieren darf, wann denn dann? Wann sollte er denn das Wesen der Demokratie begreifen? Wo im Leben ist das Experimentieren, die Auslotung neuer Möglichkeiten noch machbar?“

Der Rest der Bevölkerung hielt sich wohlweislich aus den studentischen Protesten immer heraus und ließ sie in Stich, mit der Begründung, die Studenten seien eben jung und abenteuerlustig. Doch bei den Unruhen nach der Präsidentschaftswahl am 12. Juni 2009 ist es anders gelaufen. Die Bewegung ging diesmal nicht, wie bei der Revolution von 1979, von den Studenten aus. Die Studenten schlossen sich den Protesten an, wurden jedoch am schwersten getroffen. Die Schlangen des Zahhak riechen dort, in jenen trostlosen Räumen des Studentenwohnheims in der Straße an der Universität, ihr Futter. Wie oft sind sie schon nachts dort eingebrochen, haben sie aus dem Schlaf gerissen, geschlagen und ihre kleine Zimmer verwüstet? Wie oft haben sie sie im Halbschlaf mit Knüppeln, Messern und Eisenketten zusammengeschlagen? Wie oft hat man sie als Schuldige dargestellt? Mein Großvater sagte noch, die Schule bringt Wissen. Meiner Erfahrung nach erzieht sie die Opposition.

Diesmal wird man nicht mehr mit einer Zahhak-Logik, nur um den Hunger der Schlangen zu stillen, drei Jahre die Universität schließen können, das Studium unterbrechen, die Uni besetzen und eine dreijährige Rasterfahndung durchführen. Diese Studenten, gegen die man heute so bestialisch vorgeht, sind Kinder der Revolution, erzogen nach den Wertvorstellungen des islamischen Gottesstaates. Wie ist diese Unzufriedenheit, oder wie die Putschregierung nun die Jugend bezeichnet, dieser „Abschaum“ entstanden? Ich habe es bis heute nicht begriffen, woran es liegt, an dem universitären Klima, das aus einem Mitläufer erst einen kritischen Geist und danach einen Gegner macht? Oder liegt es am jugendlichen Alter?

Vielleicht leben die Schlangen auf den Schultern des Zahhak noch immer? Weshalb müssten sonst so viele junge Menschen abgeschlachtet werden? Warum gerade in der Universität, an dem gleichen Ort, wo jede Woche das Freitagsgebet rituell veranstaltet wird? Der religiöse Führer Ayatollah Chamenei war am Freitag der Redner dieses Rituals. Seine Rede war mehr als bloß eine Stellungnahme zu den jüngsten Ereignissen, – die war ja bereits allseits bekannt – sie klang eher wie die Eröffnung eines Schlachtfeldes.

Jetzt weiß jeder, wie viel auf dem Spiel steht, wer hinter dem Wahlbetrug die Fäden in der Hand hält und wie hoch der Preis der Freiheit ist. Mit jeder Eskalation gerät der Horizont einer friedlichen politischen Reform weiter in die Ferne. Sie wird zu Utopie. Ayatollah Chameneis Freitagsrede zeigte noch einmal, wie hungrig Zahhaks Schlangen sind. An ihr wurde aber noch etwas anderes evident: Die religiöse Autorität in Iran ist entzaubert. Das ist bereits ein Sieg.

Aus dem Persischen von Majid Abbasian

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