Iran : Die betrogene Generation

Zerstörte Zukunft: Warum Ahmadinedschads Staatsstreich hunderttausende Iraner auf die Straße treibt. Ein Gastbeitrag von Schriftsteller und Regimegegner Abbas Maroufi .

Abbas Maroufi
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Farbe der Hoffnung, Farbe der Wut. Hunderttausende Mussawi-Anhänger in Grün protestierten am Montag in Teheran. Foto: dpa

Ich wünschte, ich könnte jetzt schreiben, dass das iranische Volk mit der Absicht, Reformen herbeizuführen, zivilisiert und friedlich die größte Präsidentschaftswahl in dreißig Jahren Republikgeschichte absolviert hat. Vor etwa einem Monat begannen die jungen engagierten Iraner, sich optimistisch unter der grünen Fahne – dem Symbol ihrer Hoffnung – zu solidarisieren und euphorisch zum Urnengang aufzufordern. Die Bewegung wuchs sich zu einer Lawine aus, man ging auf die Straße, tanzte, jubelte, sang und artikulierte seinen Willen. Alles lief gewaltfrei, die Energie der Bewegung hatte keinerlei zerstörerisches Potenzial.

Ich wünschte, ich könnte jetzt schreiben, dass dies der Sieg der grünen Revolution war. Das junge iranische Volk hat eine ebenso junge, aber unheilvolle Geschichte hinter sich: Die 79er-Revolution, die zum Sturz des Schah-Regimes führte, danach ein achtjähriger mörderischer Krieg, der Unzählige in den Tod riss, dreißig Jahre Kampf, Unterdrückung, Verfolgung, Armut, Wirtschaftssanktionen, Inflation, Exekutionen, Flucht, Exil, Terror, politische Ermordungen, eigenmächtige Staatsmänner, Beseitigung politischer Parteien, Gleichschaltung, Zensur, verbotene Medien, verbotene Kunst, Repression der Dissidenz und generell der Meinungsfreiheit sowie viele andere Gräueltaten am eigenen Volk – das ist die finstere Bilanz des Regimes.

Am Freitag hatte das islamische Regime die Menschen noch einmal vor die Wahl zwischen Skylla und Charybdis gestellt. Es sollte ein Präsident aus dem Inneren des Systems gewählt werden. Unter den vier Kandidaten fiel die Wahl der Reformer auf Mir-Hossein Mussawi, den Architekten, den seinerzeit von Chomeini ernannten Premierminister, der im Kultusministerium tätig war und seit fast 20 Jahren in politischer Abgeschiedenheit lebte.

Im Wahlkampf ist etwas Merkwürdiges geschehen, etwas, das vielen die Augen öffnete: Das staatliche Fernsehen veranstaltete TV-Duelle zwischen den Kandidaten! Die Regierung war felsenfest davon überzeugt, dass keiner der Kandidaten Ahmadinedschads Polemik gewachsen sei. Der Amtsinhaber würde seine Gegner an den Pranger stellen, sie verhören, verleumden und für sich Pluspunkte sammeln. Aber das Gegenteil geschah: Ahmadinedschad brach unter der massiven Kritik regelrecht zusammen, Mussawi stellte ihn öffentlich bloß und rügte sein unbotmäßiges Auftreten in der Weltgemeinschaft: Der Präsident sei verantwortlich für das schlechte Ansehen des Irans im Ausland. Ahmadinedschad parierte mit schlecht erzählten Lügen, auch als die TV-Zuschauer von der Unterschlagung der Milliardensummen im Regierungshaushalt erfuhren. Danach lauteten die Slogans auf der Straße: „Diebstahl verboten!“ und „Bye Bye Lügner!“. Die Zahl der Mussawi-Anhänger stieg.

Ich wünschte, ich könnte jetzt schreiben, wie selbst diejenigen wählen gingen, die bisher jede Wahl boykottiert hatten. Dieser stumme Teil der Bevölkerung, der vom Gottesstaat enttäuscht und entmutigt worden war, wollte dem Regime eine Chance geben. Getragen von Sehnsucht und Vernunft war man mit einer humanistischen, aufklärerischen Geste bereit, dem Regime zu verzeihen und ihm vor der demokratischen Welt die Legitimation dafür zu verleihen, seine bislang größte politische Wahl zu veranstalten.

Traurigerweise geht den Machthabern in Teheran der Verstand derart ab, dass sie bereits in den ersten Stunden des Wahltags den Spieß umdrehten. Es fing damit an, dass das Innenministerium den Wahlbetrug planvoll durchführte, dass es nicht ausreichend Wahlzettel zur Verfügung stellte, dass die Wahlbeobachter der Kandidaten der Zählung fernbleiben mussten, dass jeder Kandidat mit einem Code versehen war und die Codes mit teilweise falschen Nummern ausgestattet wurden. Es setzte sich fort, als der Anstreicher Ahmadinedschad schon zu Beginn der Zählung mit über 60 Prozent der Stimmen als klarer Wahlsieger bekanntgegeben wurde und das Innenministerium am Freitagnachmittag dennoch Mussawi zum Wahlsieger erklärte – und darum bat, mit der offiziellen Bekanntgabe noch ein wenig warten.

Und es setzte sich fort, als zeitgleich bewaffnete Truppen der Basidsch-Miliz und die Spezialgarde die Kontrolle über die Straße übernahmen. Am Samstag gratulierte dann Ajatollah Chamenei dem Amtsinhaber zum Sieg – bevor die Auszählung abgeschlossen war. Das war der erste Todesstoß für den verwundeten Leib des jungen Iran, abgefeuert vom höchsten geistlichen Führer des Landes.

Seitdem protestieren Oppositionsführer Mussawi und seine Anhänger. Die Kundgebung am Montag im Zentrum von Teheran wurde zwar verboten, aber sie fand statt, mit hunderttausenden, wenn nicht gar über einer Million Demonstranten. Ein Volksaufstand, bei dem Mussawi seine Anhänger nicht im Stich ließ, trotz hoher Gefahr den Schutzraum seines Wagens verließ und erneut die Wiederholung der Wahl forderte. Die Polizei quittierte die Proteste mit Gewalt und Schüssen. Es soll sieben Tote gegeben haben.

Ein Merkmal aller Staatsstreiche ist die Schamlosigkeit. Der 12. Juni 2009 wird wohl als einer der schamlosesten in die Geschichte eingehen. Seit die aufgebrachte Jugend, die ihrer Wahl beraubt wurde, wieder in Grün, in Tränen und Wut protestiert, wird sie als „Abschaum“ beschimpft, niedergeknüppelt, beschossen. Die Würde der Menschen im Iran, ihr Recht auf Unversehrtheit ist in einem Maß verletzt, dass ein Dialog zwischen Bevölkerung und dem Regime kaum noch vorstellbar ist. Die Menschen sind des totalitären Systems endgültig überdrüssig geworden.

Da nützt es wenig, dass Ajatollah Chamenei nun eine Überprüfung der Wahlvorgänge und der Betrugsvorwürfe angekündigt hat. In den nächsten zehn Tagen will der Wächterrat den Beschwerden der Wahlverlierer nachgehen. Exakt zehn Tage: Auch das klingt nach einem Trick, nach einem Spiel auf Zeit. Man will den Anschein erregen, dass es mit ordentlichen Dingen zugeht.

Die Menschen waren hinausgegangen, um demokratisch zu wählen. Nun zahlen sie einen mörderischen Preis, womöglich auf Grundlage der Fatwa, die Ajatollah Messbah Jazdi, der religiöse Mentor von Mahmud Ahmadinedschad, erlassen hat: „In die Tonne mit all jenen, die über keinerlei religiöse und gesetzliche Legitimation verfügen!“ Das religiöse Gewissen dürfte damit ganz ausgeschaltet worden sein, zugunsten des „kleinen Diktators“, wie Ahmadinedschad von vielen genannt wird. Allerdings setzen auch die religiösen Führer damit ihr Ansehen und ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Sie machen deutlich, dass Menschenwürde in ihren Augen nichts wert ist.

So könnte diese Wahl zur Zäsur in der Geschichte der iranischen Reformbewegung werden. Das Schicksal der Nation wird nicht in eine Zukunft voller Hoffnung gelenkt; die politischen Machenschaften und die Gewaltakte der Staatspolizei verwandeln die Wahl vielmehr in einen „samtenen Putsch“. Nicht das Öl und die Reichtümer, nicht der Nimbus Chameneis und die Staatskasse wurden geplündert – was verloren geht, ist der Glaube und das Vertrauen der jungen Generation. Sie riskiert nun ihr Leben dafür, dass sie dem politischen System vertraute, sie wurde ihres Willens beraubt. Nach dem erniedrigenden Stimmenraub wollen die Reformwilligen weniger denn je, dass über sie geherrscht und gelacht wird. Die Protestkundgebungen in vielen Städten des Irans geben davon ein beeindruckendes Zeugnis.

Wäre es zu viel verlangt, dass die EU-Außenminister und auch Angela Merkel nicht nur Aufklärung vom Iran verlangen, sondern die Putschregierung gar nicht erst anerkennen? Wäre es zu viel verlangt, wenn wir die europäischen Staaten auffordern, Ahmadinedschad nach dem, was nun auf Teherans Straßen geschieht, ein für allemal zu boykottieren?

Der Schriftsteller und Regimegegner Abbas Maroufi, 1957 in Teheran geboren, lebt seit 1996 im Exil in Berlin. Zuletzt erschien sein Roman „Im Jahr des Aufruhrs. Geschichte einer Liebe“ (Suhrkamp, 2005). – Aus dem Persischen von Majid Abbasian.

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