Iran : Im Rausch der Revolution

Jung und grün: Der Iran, 30 Jahre nach dem Sturz des Schahs. Ein Festival im Ballhaus Naunynstraße.

Patrick Wildermann
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Überall ist es besser, wo wir nicht sind. Das Festival widmet sich der Jugend in Teheran und den Exilkünstlern. -Foto: Mauritius/ Mark Shenley

Auf der Postkarte winken Schneewittchen und die sieben Zwerge. Das Bild strahlt die grelle, durch keine Wirklichkeit zu trübende Fröhlichkeit aus, wegen der Menschen nach Disneyland reisen. Bloß der Text daneben erzählt von unfassbarer Trauer. Sarah Dehkordi, Studentin an der FU Berlin, verlor ihren Vater beim sogenannten Mykonos-Attentat, das der iranische Geheimdienst 1992 an kurdischen Exilpolitikern in einem Restaurant in Wilmersdorf verübte. Verwandte luden sie daraufhin nach Los Angeles ein, damit sie auf andere Gedanken kommen könnte. So fand sich das Mädchen in Disneyland wieder, an der Seite ihrer traumatisierten Mutter, und lief hinter Pinocchio her. Die Karte und ihr Bericht sind Teil des „Temporary Museum of Subjective Histories“, eines Archivs lebendiger Erinnerungen aus dem persönlichen Besitz junger und alter Menschen, das die Künstler Kaya Behkalam und Afagh Irandoost im Keller des Ballhauses Naunynstraße zusammengetragen haben. Momentan wird in dem Kreuzberger Theater das Festival „Happy Revolution. Views on Iran. 30 Years later“ gefeiert, das in Stücken, Lesungen, Diskussionen, Film- und Musikreihen einem Land voller grotesker Widersprüche, himmelschreiender Ungerechtigkeiten und nie eingelöster Hoffnungen nachzuspüren versucht.

Was ist 1979 im Iran passiert? Diese Frage hat auch Behkalam, der in Deutschland aufgewachsen ist, und Irandoost, die 2005 aus Teheran nach Berlin kam, während ihrer Recherche umgetrieben. Wie konnte die emanzipatorische Bewegung, die das Schah-Regime stürzen wollte, in eine repressive Mullah-Diktatur umschlagen, gefeiert als Islamische Revolution? „Geschichte ist immer eine Konstruktion, aber die Geschichtsschreibung des Iran ist sehr speziell in der Hinsicht, dass bestimmte Aspekte völlig ausgeklammert werden“, sagt Behkalam. „Es existiert ein Erinnerungskult, der auf bestimmte Aspekte der Revolution, auch auf den Iran-Irak-Krieg fokussiert ist, aber zum Beispiel die Exil-Gemeinde völlig außen vor lässt. Fünf Millionen Iraner leben im Ausland, viele davon waren früher in der Regierung, sind einflussreiche Künstler, Intellektuelle.“

Den Machern des temporären Museums geht es um einen Blick auf die Vergangenheit, der für die Gegenwart spricht. Um den Brückenschlag zu jener „grünen Bewegung“, die sich nach den manipulierten Präsidentschaftswahlen im Juni dieses Jahres gebildet hat und in der Irandoost eine Weiterentwicklung der Protestströmung aus den siebziger Jahren sieht – „bewusster, weniger radikal als damals“. Die Objekte, die Super-8-Filme, Briefe, Flugtickets et cetera, die sie gesammelt haben, um das Heute zu verstehen, kommen Behkalam manchmal vor „wie Requisiten eines Theaterstücks, das 1979 stattgefunden hat und das jetzt Wiederaufführung feiert, als Adaption, aber teilweise mit den gleichen Schauspielern. Die Frage ist: Sind diese Requisiten noch aktuell für uns?“

Der Iran, sagt Negar Moinzadeh, die das Festival „Happy Revolution“ leitet, sei ein junges Land: Siebzig Prozent der Bevölkerung ist unter dreißig Jahren, und entsprechend hat es junge Bedürfnisse. Moinzadeh erzählt von Partys im Iran, auf denen Drogen aller Art kursieren, von einer Kultur-Szene im Untergrund, die immer auf dem neuesten Stand sei, obwohl etwa westliche Musik offiziell verboten sei und man für den Besitz einer Michael-Jackson-Platte ins Gefängnis kommen könne. Sie spricht über die Willkür der Zensurbehörde, über Frauen, die auf der Bühne nur in einem Chor ab drei Personen singen und sich dabei nicht bewegen dürfen, über die Ventilfunktion des Oppositionskandidaten Mussawi, auch über das „Netzwerk junger Iraner“, dem sie angehört und das die Demokratisierungsbemühungen im Iran von Berlin aus unterstützt – im steten Kontakt mit den jungen Leuten vor Ort, die Facebook, Youtube, Twitter und andere Medien nutzen, wenn sie nicht gerade gesperrt sind, jeder von ihnen ein Ziviljournalist im Dienste einer höheren Sache. Moinzadeh besitzt einen deutschen und einen iranischen Pass, sie war drei Jahre alt, als ihre Eltern sich entschieden, nicht mehr in den Iran zurückzukehren, das war 1979. Nun blickt sie mit ihrem Künstlerzusammenschluss „Little Black Fish Collective“, der sich nach einem im Iran populären, zensierten Kinderbuch mit politischem Subtext benannt hat, auf das Land, das weder Heimat noch Fremde ist. Sie empfindet es als schmerzhaft, sich unentwegt eine Frage stellen zu müssen, auf die es keine Antwort gibt: „Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich dort geblieben wäre?“

Die iranische Autorin Shiva Arastuie hat kein Visum für die Ausreise bekommen, die Lesung aus ihrem Roman „Opium“ im Ballhaus findet ohne sie statt. Das Buch ist im Iran gar nicht erst erschienen, nicht zuletzt, weil darin das Problem thematisiert wird, dass dieses Land die weltweit meisten Drogenabhängigen hat. Und sicher auch, weil Shiva Arastuie hier die iranische Gesellschaft, als Irrenanstalt beschreibt. Die Schauspielerin Jasmin Tabatabai, die später sagen wird, dass sie schon lange nicht mehr in den Iran reist, liest die deutschen Passagen, die Susanne Baghestani aus dem Persischen übersetzt hat. Es ist ein kraftvoller, poetischer, berührender Text. Wie alle Künste blüht auch die Literatur im Iran, besonders die weibliche, die szenische Lesung „L’Ecriture Feminine“ wird darüber mehr erzählen.

Negar Moinzadeh und ihre künstlerischen Mitstreiter haben ein überbordendes Programm auf die Beine gestellt. Ein rauschhafter Bilderbogen wie Ayat Najafis „Teheran Banou – Lady Teheran“ erzählt von Gendertrouble und Geschichts-Irrlichtern, das phänomenale Tanzstück „Move in Patterns“ von Modjgan Hashemian übersetzt politische Geschehnisse in intime Bilder, die man so schnell nicht vergisst.

Der Titel des Festivals, „Happy Revolution“, hat einen sarkastischen Beiklang, sicher. Aber für die Zukunft des Iran bedeutet er auch eine Utopie.

Happy Revolution. Bis 21. Dezember. Infos: www.ballhausnaunynstrasse.de

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