Iran : Wenn der Ayatollah protestiert

„Das Land gehört dem Volk, nicht irgendjemandem“: Eine Fatwa gegen Irans Führung - nutzt sie der Revolte?

Martin Gehlen

Jetzt kommen auch die 14 Großayatollahs des Iran langsam aus der Deckung. Sie sind fast alle über 75, leben in der heiligen Stadt Qom und bilden die höchste theologische Autorität des Landes. Glaubt man ihrer Umgebung, hat keiner von ihnen am 12. Juni Mahmud Ahmadinedschad gewählt. Und nur einer hat dem Präsidenten zu seinem Sieg gratuliert. Stattdessen lassen die normalerweise politisch sehr zurückhaltenden Herren immer ungeschminkter durchblicken, was sie denken. Großayatollah Yussuf Sanei erklärt, die Unterdrückung des Volkes sei „unentschuldbar“ und durch illegale Methoden erpresste Geständnisse von Verhafteten seien rechtlich wertlos. Nasser Shirazi fordert, der Konflikt müsse so gelöst werden, dass keine Zweifel bei den Menschen zurückblieben. Großayatollah Abdolkarim Mousavi Ardabili nennt die Angriffe der Revolutionsgarden auf Universitäten oder das Eindringen in Privathäuser „ungesetzlich“ und „unislamisch“.

Einzig ihr gebannter Kollege, Großayatollah Hossein-Ali Montazeri, lehnt sich noch weiter aus dem Fenster. Er sollte 1989 Revolutionsführer Chomeini nachfolgen, fiel dann in Ungnade, stand lange Jahre als Dissident unter Hausarrest und meldet sich regelmäßig mit beißender Kritik zu Wort. „Das Land gehört dem Volk, nicht irgendjemandem“, schreibt der angesehene Geistliche jetzt in einem zweiten, sehr scharfen Rechtsgutachten zum Wahlausgang. In dieser Fatwa fordert er den Obersten Religionsführer Ali Chamenei offen heraus: Der Schah habe erst dann „den Ruf der Revolution des Volkes vernommen, als es schon zu spät war. Es bleibt zu hoffen, dass die gegenwärtigen Amtsträger es nicht so weit kommen lassen.“ Eine Obrigkeit, die auf Knüppeln, auf Ungerechtigkeit und Rechtsverletzungen basiere, die sich der Wahlstimmen bemächtige und diese manipuliere – „sie besitzt keinen Wert“.

Damit ist der iranische Klerus genauso gespalten wie die säkulare politische Elite des Iran. Das Klischee vom MullahStaat hat nie gestimmt. Nach Berechnungen von Wilfried Buchta, dem wohl besten Kenner des iranischen Regierungssystems im deutschsprachigen Raum, unterstützen von den etwa 5000 Ajatollahs im Iran keine 100 offiziell das Regime oder haben politische Ämter inne – wie der Hardliner Ajatollah Ahmad Khatami, der vor zwei Wochen beim Freitagsgebet in Teheran die Todesstrafe für Anführer der Proteste forderte.

Ähnlich ist das Bild auch im mittleren und einfachen Klerus. 28 000 Männer tragen den Titel Hujjatulislam und haben eine fundierte theologische Ausbildung. Doch nur 2000 von ihnen sind RegimeGeistliche, am bekanntesten sind der frühere Präsident Mohammed Chatami, Präsidentschaftskandidat Mehdi Karubi sowie der Vorsitzende des Expertenrats, Haschemi Rafsandschani. Die Zahl der einfachen Geistlichen schätzt Buchta auf 180 000, kaum mehr als 4000 von ihnen sind politisch tätig. „Während sich ein Teil der Geistlichen zu einer Art Nomenklatura wandelte, steht der Großteil der Schia-Kleriker, der weiter an der Tradition der politischen Enthaltsamkeit festhält, dem Regime in schweigender Ablehnung gegenüber“, schreibt der Iran-Experte.

Politische Enthaltsamkeit – dieses Verhaltensdogma eint die schiitischen Spitzengelehrten. Bis auf den wortgewaltigen Montazeri lehnen sie alle die zentrale Staatsidee der Islamischen Republik ab, den Velayat-e faqih. Im Dogmengebäude des schiitischen Islam ist dieses 1979 durch Ajatollah Chomeini eingeführte Amt eines Obersten Religionsführers eine revolutionäre Neuerung. Aus Sicht der Theologenelite in Qom führt es zu einer ungesunden Vermischung von Religion und Politik – eine Meinung, die auch der im zweiten schiitischen Glaubenszentrum Nadschaf lehrende irakische Großayatollah Ali al-Sistani unverhohlen äußert.

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