Kultur : Irina la Douce

WETTBEWERB Sam Garbarskis Melo-Komödie mit Marianne Faithfull ist der Überraschungsfavorit

Christiane Peitz

Der Job ist einfach. Gleitmittel auf die Handflächen und erst langsam, dann langsam schneller reiben – und fertig: der Nächste bitte. „Wenn sie nach fünf, sechs Minuten nicht kommen, dann komme ich“, sagt Miki, der Sexclub-Besitzer, zu Maggie, und es ist nicht der einzige komische Satz, der in dieser so gar nicht komischen Situation fallen wird.

Denn der Job ist eigentlich völlig unmöglich, auch wenn er wöchentlich 600 Pfund einbringt. Maggie, die ältliche, verwitwete Hausfrau aus der Londoner Vorstadtsiedlung, verdingt sich im Pornoschuppen in Soho, indem sie den Männern im Akkord einen runterholt. Wenn die Nachbarinnen davon erfahren! Zwar tut Maggie es nur, weil der Enkel sterbenskrank ist, die Familie kein bisschen Geld und sie selbst nie was gelernt hat und die Reise zur australischen Spezialklinik 6000 Pfund kostet. Aber die Scham ist mindestens so gewaltig wie der Ruf, den Irina Palm (Künstlername!) als „beste rechte Hand Londons“ schon bald genießt. Die Männer stehen Schlange vor ihrer Kabine mit dem Loch in der Wand für garantiert anonyme Behandlung.

Das Beste an Maggie: Die „wichsende Witwe“ (O-Ton Maggie) wird von Marianne Faithfull gespielt. Mickrige Gestalt, lila Kapuzenmantel, plumpe Stiefel: Anfangs verschwindet sie regelrecht hinter dem riesigen Plüschlöwen, den sie dem Enkel ins Krankenhaus mitbringt. Alles an ihr ist unscheinbar, verbraucht, verdruckst: stumpfbraunes Haar mit zottigen Fransen, teigiges Gesicht, unebene Haut, kleine Augen. Und der Gang erst: Marianne Faithfull, die Ikone der Swinging Sixties, der die Popgeschichte Klassiker wie „As Tears Go By“ und „Broken English“ verdankt (siehe Porträt S. 27), stakst über ihr ureigenes Londoner Pflaster mit steifen, behäbigen Schritten! Wenn der Soundtrack auch noch ein paar E-Gitarren-Akkorde anreißt, ist klar: Diese Maggie trägt nicht nur schwer an der Not ihrer Liebsten, sie hat auch die bewegte Biografie ihrer Darstellerin im Gepäck.

„Ich mag Ihren Gang“, wird Miki (Miki Manojlovic, man kennt seine sympathische Gangstervisage aus Kusturicas Filmen) später zu Maggie sagen. Eine Liebeserklärung, der man sich nur zu gerne anschließt. Denn wie Marianne Faithfull ihre vom Leben zerschlissene Figur mit winzigen Nuancen in eine – Kittelschürze tragende! – Königin von Soho verwandelt, wie ihr Staksen allmählich zielstrebiger, selbstbewusst, ja würdevoll wird, wie in diese winzigen Augen ein Blitzen, ein Leuchten, ein Lächeln gerät und eine zwischen Altersfalten verborgene freche, überlebenslustige Mädchenseele zum Vorschein kommt – all das ist bewegend, atemberaubend und, immer wieder, unglaublich komisch.

Man möchte an diesem Berlinaletag der großartigen Frauen – in Paul Schraders anschließend programmiertem „The Walker“ brillieren Lauren Bacall, Lily Tomlin und Kristin Scott-Thomas – von nichts anderem mehr reden als davon, wie Marianne Faithfull sich nach so vielen Nebenrollen („Made in the U.S.A.“ „Intimacy“, „Marie Antoinette“) durch diesen, durch ihren Film bewegt. Wie sie zunächst scheu die „Sexy World“ betritt und nicht kapiert, was der Chef mit Begriffen wie „Hostess“ und „Wichsen“ überhaupt meint. Wie sie flüchtet und wieder zurückkehrt, sich selbst eine fade, alte Schachtel nennt und sich mit einer die Gesichtsmuskeln in unmerkliches Zucken versetzenden Mischung aus Staunen, Ekel und Pragmatismus von der jüngeren Kollegin (Dorka Gryllus, Berlinale-Shooting-Star 2005) ins Handwerk einweisen lässt. Wie sie sich in ihrer Pornokabine häuslich einrichtet, mit dem Schuhabsatz ein Bild an die Wand nagelt, Thermoskanne, Brotdose und Kleenex auf dem Tischchen vor dem Loch in der Bordellwand drapiert. Und wie sie, als die Wahrheit sich nicht länger verheimlichen lässt, die schockierten Nachbarinnen auf blumengemusterter Sitzgarnitur mit spröden Worten, tiefer Stimme und stillvergnügter Wonne in professionelle Details einweiht. Nein, sie trägt den Arm nicht in der Schlinge, weil sie sich verletzt hat: Gewöhnlich heißt es Tennisarm, in ihrem Gewerbe spricht man von Penisarm ...

Der belgische Regisseur Sam Gabarski hält sich klug zurück: Jede Szene stellt er in den Dienst seiner Schauspielerin. Ihre Lakonie, ihre Melancholie imprägniert die Bilder, die noch im Rotlichtbezirk meist monochrom lila eingefärbt sind und ihr Tempo dem Alltagstrott in den Suburbs angleichen, jener Gegend, wo die Alten im Gemischtwarenladen keifen und Maggie den misstrauischen Blicken an der Bushalte ausweichen muss. Sind so viele amüsante, bewegende Details – egal: Mit Marianne Faithfull ist der bislang eher vor sich hin dümpelnden Berlinale endlich eine Überraschung gelungen. „Irina Palm“: ein Glanzpunkt, ein Herzenscoup. Und eine Favoritin für den Goldenen Bären.

Heute 12 und 23.30 Uhr (Urania), 20 Uhr (International), 18.2., 21 Uhr (Urania)

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